April ist der Schicksalsmonat für anderthalb Millionen Hochschulbewerber in Amerika. Kriegen sie den dicken Umschlag voller Einschreibeformulare von ihrem Traum-College ("gratuliere") oder den dünnen ("viel Erfolg anderswo")? Die Auswahl wird in den "Top Schools" (niemand redet in den USA von "Elite-Unis") von Jahr zu Jahr härter, ob in den privaten wie Harvard und Stanford oder den staatlichen wie Berkeley und Michigan.

Vor zehn Jahren ergatterten in Stanford zwölf Prozent von 19.000 Aspiranten das ersehnte Ja. In diesem Jahr bewarben sich doppelt so viele; geadelt wurden 2.210 – knapp sechs Prozent. Sind es die Besten und Begabtesten? Nicht unbedingt. Denn das Prinzip der Bestenauswahl wird durchlöchert von Privilegien und Quoten. Sportler kriegen Bonuspunkte, dito Musiker, Absolventen-Sprösslinge, Minderheiten aller Art – Schwarze, Hispanics, Ureinwohner... Die Diskriminierung soll guten Zwecken dienen, vorweg der zahlenmäßig gerechten Abbildung der Gesellschaft durch " affirmative action " für solche, die es sonst nicht schaffen würden. Der niedriger gehängte Steigbügel dient auch dem Ruhm der Universität. So haben Stanford-Studenten in London zwölfmal olympisches Gold gewonnen – mehr als Deutschland.

Problematisch wird’s, wenn die positive in negative Diskriminierung umschlägt. Die galt im frühen 20. Jahrhundert den Juden, die nach Harvard und Yale wollten; heute trifft sie die Asiaten. Laut inoffiziellen Angaben schaffen es neuerdings nur an die zwanzig Prozent von ihnen in die College-Oberliga – ein krasser Fall von Benachteiligung. Denn: Wo allein Leistungsprüfungen zählen, etwa an der hochselektiven staatlichen Stuyvesant-Highschool in New York, stellen Asiaten drei Viertel der Anfänger. Ähnlich in nationalen Mathe- und Wissenschafts-Wettbewerben.

Solche Verzerrungen werfen ein "philosophisches" Problem auf, das sich so schroff in Deutschland noch nicht zeigt. Hier gibt es keine "Elite-Unis"; vom Prinzip her sind alle gleich. Aber schaffe eine Präferenz, sei sie auch noch so gut gemeint (wie die vorgeschlagene EU-Regelung für Frauen in Vorständen), und es wächst der Druck, weitere festzuschreiben. Und die alten Privilegien bleiben. In Amerika begann es vor fünfzig Jahren mit der affirmative action für Schwarze, um altes Unrecht wiedergutzumachen. Heute lassen sich die Kategorien kaum mehr zählen. Sie kollidieren alle mit einem anderen Gleichheitsprinzip: dass niemand einen Vorteil aufgrund von Hautfarbe, Geschlecht, Ethnie oder Physis genießen möge. Laut einer Studie von 2005 kriegten Athleten 200 Bonuspunkte auf ihr Ergebnis im nationalen Aufnahmetest SAT draufgeschlagen (von 1.600 möglichen). Schwarze bekamen ein Plus von 230, Asiaten einen Malus von 50. Der Einzelfallgerechtigkeit dient ein solches System nicht.

Vielmehr kristallisiert sich so, welch ein Paradox!, eine neue Ständegesellschaft heraus, in der Leistung und Verdienst weniger zählen als Gruppenzugehörigkeit. Um der ethnischen Falle zu entgehen, verweigern junge Asiaten in Bewerbungen inzwischen die Herkunftsangabe. Es wird ihnen kaum helfen, wenn sie "Lee" oder "Kim" heißen. Um alte Mauern zu schleifen, werden neue hochgezogen – das ist die ultimative Ironie. Nicht in Deutschland? Alles, was in Amerika erfunden wird, landet auch in Europa.