Diese Pathologisierung der Trauer hat in den Vereinigten Staaten das Fass zum Überlaufen gebracht: Anfang April hat der Publizist Ted Gup, Fellow an einem Ethik-Center in Harvard, in der New York Times unter dem Titel "Diagnose: menschlich " in einem wütenden und viel beachteten Essay sein Recht verteidigt, um seinen toten Sohn zu trauern – wer die Verbundenheit mit einem geliebten Menschen als Krankheit auffasse, schaffe das Menschliche ab. Der Sohn von Ted Gup ist mit 21 Jahren an einem Mix aus Drogen und Alkohol gestorben, und Gup führt diesen Tod auch darauf zurück, dass sein Kind seit der ersten Klasse daran gewöhnt war, Medikamente zu nehmen: Man hatte dem ungestümen Jungen Ritalin verordnet, wogegen der Vater sich zwar ein Jahr lang widersetzte, aber dieser Arzt hatte den Eltern gesagt, er wolle das Kind erst dann in seiner Praxis sehen, wenn die Medikamentierung schon erste Folgen zeige.

Es ist diese Art des Exzesses und der schleichenden Gewöhnung an eine Entgrenzung, gegen die Allen Frances mit seiner Kampfschrift zu Felde zieht. Dabei geht es ihm vor allem anderen um die Rettung der Psychiatrie, und das muss man hartnäckig betonen, weil Frances im Namen der Leidenden argumentiert, die allzu oft keine ärztliche Hilfe bekommen: "Wir dürfen aus Menschen, die im Grunde normal und gesund sind, keine Patienten machen und dabei die wirklich Kranken ignorieren." Eine Frage der Mittelverteilung: Frances nennt die Zahl von einem Drittel der schwer depressiven Patienten, die nicht behandelt werden, er beklagt die hohe Zahl der Schizophrenen, die statt beim Arzt im Gefängnis landen; und ebenso gut ließe sich der Mangel an Therapieplätzen für Kinder anführen, die durch Missbrauch und Gewalt traumatisiert sind.

Die Rückkehr zur menschlichen Gesellschaft

Überhaupt die Kinder: Der eigentliche Zorn von Allen Frances richtet sich gegen den Perfektionismus westlicher Gesellschaften, die ihre Kinder unter Pathologieverdacht stellen, sobald sie von einem imaginären Optimum an Sorgenfreiheit abweichen. "Wer nicht den Zustand vollkommenen Glücks erreicht, wer kein sorgenfreies Leben führt, gerät leicht in den Verdacht einer psychischen Störung. Unsere Ziele sind zu hoch gesteckt und unsere Erwartungen unrealistisch – vor allem in Bezug auf unsere Kinder."

Sieht man sich genauer an, welche "Krankheiten" es sind, die unter Kindern statistisch auffällig zunehmen, so waren es in den vergangenen 15 Jahren besonders drei: das inzwischen schon klassische Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom; die bipolare Störung und der Autismus. In amerikanischen Zahlen: "Die bipolare Störung bei Kindern nahm um sage und schreibe das Vierzigfache zu, die Autismusfälle schwollen auf das Zwanzigfache an"; und die Aufmerksamkeitsstörung mit ihrer rasanten Vorgeschichte der anwachsenden ADHS-Diagnosen schon seit den neunziger Jahren hat sich immerhin noch verdreifacht.

Man übertreibt natürlich polemisch, wenn man diese "Krankheitsbilder" ins Allgemeinmenschliche übersetzt: Die Kinder finden nicht wichtig, was man ihnen in der Schule vorsetzt, sie sind zu starken Gefühlen begabt, und sie ziehen sich in sich zurück, wenn sie zu viel behelligt werden. Man könnte angesichts der Daten auch sagen, die Kinder tun nur das Naheliegende, wenn die Erwartungen der Erwachsenenwelt so gar nicht zur Kindlichkeit passen wollen. Sie sind Kinder. Die Aufgabe bestände darin, diejenigen von ihnen in der Masse zu finden und gesunden zu lassen, die wirklich krank sind. Und allen anderen ihre Kindlichkeit zurückzuerstatten.

Die Alles-wird-gut-Gesellschaft bekommt durch Frances einen vitalen Einspruch zu hören. Gewiss, ganz neu ist nichts von dem, was er vorträgt, aber Gesellschaften, die sich dem Frohsinn verschreiben, hören nur durch Verstärkung des Tons noch einmal hin.

Trauer, Unruhe, Verzweiflung: eine Gesellschaft, die menschlich ist, braucht diese drei.