DIE ZEIT: Herr Hellwig, die EU will jetzt die Gläubiger, in besonderen Fällen auch die Sparer, an den Kosten der Bankenrettung beteiligen. Was halten Sie davon?

Martin Hellwig: Es ist ein Fortschritt, wenn Bankgläubiger wie die Gläubiger anderer Unternehmen mit in die Haftung genommen werden. Wenn der Zinssatz für sichere Anlagen ein Prozent beträgt und eine Bank viereinhalb Prozent Zinsen bietet, wie in Zypern, müssen alle wissen, dass ein Risiko dabei ist, auch die Einleger. Die Gläubiger sollten nicht nach dem Staat rufen, wenn das Risiko eintritt. Für Kleinsparer gibt es die Einlagensicherung.

ZEIT: Dafür besteht die Gefahr, dass die Panik zurückkommt, wenn die Investoren Geld verlieren.

Hellwig: Bisher ist das nicht geschehen. Im Übrigen ist das ein Totschlagargument. Es gibt Situationen, in denen Panik das System bedroht. Aber wenn wir uns davon immer und überall ins Bockshorn jagen lassen, kommen wir aus der Krise nicht heraus. Dann wird das Gemeinwesen die nächsten zehn oder zwanzig Jahre am Gängelband des Finanzsektors laufen.

ZEIT: Den Preis zahlt zumindest im Fall Zypern das betroffene Land. Die Wirtschaft dort bricht ein.

Hellwig: Man muss zwischen der akuten Krise und dem Wegfall eines Geschäftsmodells unterscheiden. Das Modell in Zypern sah so aus, dass man mit besonderen Konditionen, mit überhöhten Zinsen und Diskretion gegenüber den Behörden, Finanzanlagen aus dem Ausland anzog und die Mittel wieder im Ausland anlegte. Ein solches Geschäftsmodell mag kurzfristig den Lebensstandard erhöhen, setzt das Land aber hohen Risiken aus. Auf Dauer kann das nicht gut gehen Für Griechenland galt übrigens Ähnliches.

ZEIT: Inwiefern?

Hellwig: Die Griechen hatten ihren höheren Lebensstandard im Wesentlichen auf Pump finanziert. Damit meine ich nicht nur den Staat, sondern das Land insgesamt. Die Produktivitätsentwicklung in Griechenland blieb deutlich hinter der Entwicklung des Lebensstandards zurück. Auch das kann nicht von Dauer sein.

ZEIT: Sie sagen, das Leid im Süden Europas sei alternativlos?

Hellwig: Ich sage nur, dass ohne Subventionen von außen ein überhöhter Lebensstandard auf Dauer nicht aufrechterhalten werden kann. Dafür brauchte es Innovationen und eine Erhöhung der Produktivität. Das heißt aber auch nicht, dass der Weg der letzten Jahre richtig war.

ZEIT: Hätte Europa solidarischer sein müssen?

Hellwig: Der Begriff der Solidarität verwirrt in diesem Zusammenhang mehr, als er klärt. Wenn wir im Mai 2010 weniger Solidarität mit Griechenland gezeigt hätten, ginge es Griechenland vielleicht heute schon besser, ähnlich wie Lettland. Wenn wir gesagt hätten: Griechenland muss selbst sehen, wie es mit seinen Gläubigern zurechtkommt, wäre es vielleicht schon damals zu einem Schuldenschnitt gekommen!

ZEIT: ...dann wäre das Chaos ausgebrochen...

Hellwig: ... oder auch nicht! Gewisse Banken in Deutschland und in Frankreich hätten zwar Probleme bekommen, aber man hätte das eindämmen können. Griechenland aber hätte selbst überlegen können, wie es aus der Krise kommt. Das wäre schmerzhaft gewesen, aber es wäre in Eigenverantwortung geschehen, ohne Diktat der Troika aus Brüssel, Frankfurt und Washington. Den Anpassungsprozess hätte man dann gezielt unterstützen können. Da die privaten Gläubiger von vornherein an Verlusten beteiligt gewesen wären, wären die öffentlichen Mittel unmittelbar dem Land zugute gekommen.