ZEIT: Bezog sich Carlowitz "Nachhaltigkeit" nur auf den Wald? Oder verstand er das Wort in einem umfassenden Sinn?

Grober: Carlowitz fordert die "nachhaltende Nutzung" der Wälder. Aber in dieser Formulierung steckt viel mehr. Das "Nachhalten" ist für ihn in der Art der "Nutzung" verankert. Das Austarieren dieser Polarität von Ökologie ("nachwachsen") und Ökonomie ("nutzen") ist von der historischen Situation abhängig. Das aktive Handeln und das systemische Denken rücken in den Fokus. Das macht den alten Begriff übertragbar auf andere Zeiten und andere Zusammenhänge. In der Formel der UN, "sustain" und "develop", finden wir diese Polarität wieder.

ZEIT: Wie kam sein Begriff in die Welt? Nach Frankreich und England zum Beispiel oder in die USA?

Grober: Über die deutschen Forstakademien. Im sächsischen Tharandt, im preußischen Eberswalde und andernorts wurde der forstliche Begriff im 19. Jahrhundert ausgearbeitet, in die Praxis der Forsteinrichtung umgesetzt und in alle Welt exportiert. Ins Französische übersetzte man ihn mit rendement soutenu, ins Englische mit sustained yield forestry. In dieser Fassung kam er schon 1951 zu den UN, nämlich in das Forstprogramm der FAO, der Welternährungsorganisation. So wurde er zur Blaupause unseres erweiterten, modernen Begriffs.

ZEIT: Was bedeutet Nachhaltigkeit heute? Den Regenwald wird man mit Carlowitz nicht retten können!

Grober: Ich schlage – wie in meinem Buch ausgeführt – einen einfachen Lackmustest für nachhaltiges Handeln vor. Erstens: Reduziert sich der ökologische Fußabdruck? Zweitens: Steigt – für jeden frei zugänglich – die Lebensqualität? Dazu kommt der Gedanke der Partizipation, den der Berliner Bildungsexperte Gerhard de Haan kürzlich als wichtige Ergänzung ins Spiel gebracht hat. Das wäre dann Punkt 3: Befördert das Handeln die Teilhabe aller an den Entscheidungsprozessen? Wenn Sie sagen, damit kann man den Regenwald nicht retten, dann sage ich: Wie denn sonst!

ZEIT: Steht hinter dem Ganzen nicht die Utopie, es gäbe eine Versöhnung zwischen Ökonomie und Ökologie, Markt und Natur?

Grober: Utopisch ist die Vorstellung, dass es mit der Dynamik des Wirtschaftswachstums so weitergehen kann. Das Immer-mehr führt zum Absturz ins Nichts. Schon für Carlowitz war Nachhaltigkeit der Gegenbegriff zu Kollaps. Ich sprach von der Polarität zwischen Ökonomie und Ökologie. Es geht um die Wiedereinbettung des Subsystems Ökonomie in ein größeres System, die Biosphäre. Darin besteht die große Transformation, die vor uns liegt.

ZEIT: Deutschland war – siehe Carlowitz – oft Vorreiter in der Ökologie. Jetzt kommt die Nachricht, dass die spanische Region Kantabrien das Fracking komplett verbietet. Davon sind wir hier noch weit entfernt.

Grober: Stimmt! Aber ich denke, Deutschland bleibt in vielen Dinge Avantgarde. In Freiberg, also an dem Ort, an dem Carlowitz wirkte, hat die traditionsreiche TU Bergakademie im vorigen Jahr ein World Forum of Resource Universities on Sustainability initiiert. Weltweit über 80 Bergbau-Hochschulen beteiligen sich an der Suche nach zukunftsfähigen Lösungen für unseren Umgang mit den Ressourcen. Ich vermute, Carlowitz wäre begeistert.