Psssst! Geheim! Gleich auf der Titelseite von Peggy Rathmanns Gute Nacht, Gorilla werden wir zu Verschwörern des Affen: Er zeigt uns hinter dem Rücken des Zoowärters einen Schlüssel und hält sich den Zeigefinger vor den Mund. Was mag er aushecken?

Im ersten Bild werden wir aufgeklärt: Der Zoowärter in grüner Uniform macht seinen Abendrundgang durch den Zoo, um jedem Tier "Gute Nacht" zu sagen. Erste Station: Gorilla. Der ist ebenso clever wie der Wärter dösig. Der Affe greift durch die Gitterstäbe, zieht dem Mann den Schlüsselbund aus der Tasche und schließt die Käfigtür auf. Nun schleicht er hinter dem Wärter her und befreit nacheinander Elefant, Löwe, Hyäne, Giraffe und Gürteltier.

Der Wärter bekommt die lautlose Prozession der Tiere gar nicht mit. Sie folgen ihm bis nach Hause ins Schlafzimmer. Dort krümmt die Giraffe ihren Hals wie ein Rosenspalier ums Fenster, der Löwe wird zum Bettvorleger, der Gorilla kuschelt sich sogar mit ins Ehebett.

Welches Kind findet sich da nicht wieder? Wer schläft nachts nicht am liebsten ganz nah bei Mama und Papa? Und auch Erwachsene müssen lachen angesichts der Unverfrorenheit, mit der die Tiere sich ins Schlafzimmer mogeln. Gute Nacht, Gorilla zeigt wieder einmal, dass die besten Kinderbücher auch die Großen begeistern. Das Buch ist in den sieben Jahren seit seinem Erscheinen in Deutschland 100.000 Mal verkauft worden – und damit inzwischen ein echter Klassiker für Erstleser.

Das meiste erzählt die Amerikanerin Peggy Rathmann mit ihren magisch leuchtenden Bildern. Text gibt es kaum, nur "Gute Nacht" wird 16-mal gesagt. Das kann sich jedes Kind nach dem ersten Lesen merken und der Handlung von da an auch ohne Vorleser folgen. Trotzdem ist die Geschichte um Wissen und Nichtwissen alles andere als banal. Als die Frau des Wärters sich im Bett umdreht und "Gute Nacht, mein Schatz" murmelt, ertönt aus dem Stockdunklen von allen Seiten "Gute Nacht!". Auf der nächsten, pechschwarzen Doppelseite sehen wir nur ein Paar aufgerissene Augen. Dann schaltet die Frau die Bettlampe ein und blickt sich erschrocken im Schlafzimmer um, wo es vor wilden Tieren wimmelt.

Die Autorin ist klar auf der Seite der Kleinen: Als die Frau im Nachthemd die Tiere wieder in den Zoo gebracht hat, trickst der Gorilla auch sie aus – und verbringt die Nacht selig schnarchend als Ritzenkind zwischen dem Wärter und seiner Frau.