Auf Nachfrage erläutert Jackson heute, dass sie und ihre Kollegen damals generell "entscheiden mussten, auf Grundlage weniger genauer wissenschaftlicher Testverfahren, als wir sie heute haben, und auf Grundlage von weniger Daten, ob Dispersionsmittel – bei allen Nebenwirkungen – die Situation im Golf und im Ökosystem an der Küste verbessern. Ich habe es oft gesagt: Es galt, mögliche Schäden in der Tiefsee abzuwägen gegenüber möglicherweise größeren Mengen Öl im reichhaltigen Ökosystem an der Küste, im Flachwasser und in den Flussmündungen."

Der Ölkonzern gab Jackson in der Katastrophenzeit eine ganz andere Antwort. Corexit sei sicher, schrieb BP am 20. Mai 2010 zurück, und fügte hinzu, dass es zudem in ausreichender Menge zur Verfügung stünde, was für alternative Dispersionsmittel nicht gelte.

Aber Corexit war ganz eindeutig nicht ungefährlich, wie es auch das besagte Handbuch des Lieferanten Nalco schwarz auf weiß belegt. Und der Ölkonzern hatte es von seinem Lieferanten Nalco erhalten. Das Vessel Captains Hazard Communication Resource Manual (Kapitänshandbuch zur Gefahrenaufklärung), das der ZEIT vorliegt, sieht recht harmlos aus. Es ist ein Ringbuchordner mit schwarzem Plastikdeckel. Es besteht aus 61 Seiten, jede einzelne in Plastik eingeschweißt. Detailliert wird darin die wissenschaftliche Beschaffenheit der zwei Arten von Corexit dargelegt, die BP gekauft hat. Die Gesundheitsgefährdung wird deutlich gemacht, Schutzmaßnahmen werden empfohlen.

Die erste Variante, Corexit 9527, war um ein Vielfaches toxischer als die zweite. Laut Nalco-Handbuch führt sie zu "Augen- und Hautirritationen. Wiederholter oder übermäßiger Kontakt (...) kann die roten Blutkörperchen (Hemolysis), Nieren oder Leber schädigen". Dort steht auch: "Übermäßiger Kontakt kann Auswirkungen auf das Nervensystem haben, Übelkeit und Übergeben auslösen und betäubende oder narkotisierende Wirkung haben." Die Firma rät, damit höchst vorsichtig umzugehen: "Darf nicht mit Augen, Haut oder Kleidung in Berührung kommen." Und: "Tragen Sie angemessene Schutzkleidung."

Für den zweiten Typ Dispersionsmittel, Corexit 9500, wird in dem Handbuch geraten: "Darf nicht mit Augen, Haut oder Kleidung in Berührung kommen", "vermeiden Sie das Einatmen der Dämpfe", und "tragen Sie angemessene Schutzkleidung".

Es ist ein Standardverfahren – und wird vom Gesetzgeber in den USA so verlangt –, dass Firmen diese Informationen an allen Arbeitsplätzen verteilen, an denen die Arbeiter gefährlichen Materialien ausgesetzt sind. Hat BP die Handbücher überall ausgegeben und die Helfer auf die Risiken hingewiesen?

Interviews mit vielen Reinigungskräften von damals legen nahe, dass diese gesetzlichen Vorschriften kaum oder gar nicht eingehalten wurden. Stattdessen liegt der Verdacht nahe, BP habe den Lieferanten Nalco sogar angewiesen, die Handbücher nicht mehr mit dem Corexit zusammen auszugeben.

Der Informant von GAP sagt jedenfalls: "Soweit ich weiß, wurden einige Handbücher am Anfang (der Reinigungsarbeiten) in der Tat noch mitgeliefert." Und weiter: "Dann aber hat BP die Firma Nalco angewiesen, sie nicht mehr auszuliefern. Und Nalco blieb auf einem Haufen unbenutzter Ringbuchordner sitzen."

BP verzichtete auf eine Stellungnahme.

Nalcos Direktor für weltweite Kommunikation, Roman Blahoski, versuchte dagegen, die Verantwortung seines Unternehmens abzugrenzen: "Nalco reagierte auf Bestellungen für seine zuvor genehmigten Dispersionsmittel durch diejenigen, die den Golf schützen und die Wirkungen dieses Ereignisses auf Umwelt, Gesundheit und Wirtschaft mildern sollten. Nalco war aber nie an Entscheidungen über den Gebrauch, das Volumen und die genaue Anwendung beteiligt."

Also geht der Blick zurück auf BP. Die Gefährdung durch Corexit herunterzuspielen ging Hand in Hand mit der Falschinformation, die BP über das Ausmaß der Umweltverschmutzung verbreitete. Wie in der Huffington Post zu lesen war, zeigen interne E-Mails aus der damaligen Zeit: Im April und Mai 2010, also während der laufenden Katastrophe, schätzte BP, dass "aus der unkontrolliert sprudelnden Ölquelle täglich zwischen 62.000 und 146.000 Barrel Öl austreten" würden. Zur gleichen Zeit machten BP-Verantwortliche der Regierung und den Medien weis, es würden pro Tag lediglich 5.000 Barrel austreten.

Zusammengefasst lief es so: Der Konzern behauptete öffentlich, es trete viel weniger Rohöl aus, als die eigenen Fachleute vermuteten, und zugleich sorgte das Mittel Corexit dafür, dass es an der Wasseroberfläche und an den Stränden auch danach aussah.

Scott Porter, ein Wissenschaftler und Tiefseetaucher, der Ölfirmen und Austernfischer berät, sagt in dem GAP-Bericht: "Ölfirmen haben gelernt, dass in der Öffentlichkeit der Spruch gilt: Aus den Augen, aus dem Sinn. Sie haben Rohöl-Dispersionsmittel als erstes Werkzeug benutzt, um große Ölkatastrophen auf dem Meer zu behandeln."

BP habe auch ein finanzielles Interesse daran gehabt, Corexit zu verwenden, argumentiert Clint Guidry, Präsident der Fischervereinigung Louisiana Shrimp Association. Viele Mitglieder nahmen damals an der Katastrophenbekämpfung teil – auf dem Höhepunkt zählte man 47.000 Reinigungskräfte. Da die Fischer aufgrund der Ölpest nicht mehr arbeiten konnten, gründeten BP, der Bundesstaat Louisiana sowie Regierungsbehörden das "Vessels of Opportunity (VoO)"-Programm.