Im Herbst 2006 zog eine seltsame Truppe in das Bündner Bergdorf Sedrun ein. Zum Erstaunen der Bewohner kam der neue Priester Reto Nay nicht allein in die Surselva; im Schlepptau folgten ihm ein junger Österreicher, den Nay seinen "Privatvikar" nannte, und eine Moldawierin, die als seine Haushälterin bezeichnet wurde. Über Nay wussten die Sedruner kaum mehr, als dass er als konservativ galt.

Dass ihn die Gemeinde Tujetsch, deren Hauptort Sedrun ist, trotzdem mit dem Amt betraut hatte, lag am akuten Priestermangel: Die einzige Alternative wäre wohl ein Ausländer gewesen – wie der Inder oder der Nigerianer, die bereits im Bergdorf gepredigt hatten. Nay hingegen war in Ilanz aufgewachsen und sprach Rätoromanisch. Und er schien seine Arbeit gut zu machen: Reto Nay war charmant und bescheiden, besonders die Senioren mochten seine zuvorkommende Art. Deshalb sahen viele darüber hinweg, dass der Dorfpfarrer ständig die Soutane trug, unter der Woche mit dem Rücken zur Gemeinde die als erzkonservativ geltende tridentinische Messe zelebrierte und gelegentlich laut Psalme rezitierte, wenn er durchs Dorf lief.

Heute aber sagt der Gemeindepräsident Pancrazi Berther: "Ich hoffe, dass das keine andere Gemeinde erleben muss." Mit Schrecken hatten die Sedruner feststellen müssen, dass die drei vom Pfarrhaus ein aggressives und rechtsradikales Internetportal namens Gloria TV betrieben. Die Beschäftigung flog nur auf, weil Reporter von Spiegel TV anreisten: Gloria TV hatte liberale deutsche Bischöfe mit einem Hakenkreuz gezeigt, weil sich diese für die Pille danach ausgesprochen hatten. Nachdem der Priester die Journalisten aus der Kirche gewiesen hatte, lieferten sie sich im Vorhof mit Nays Privatvikar und seiner Haushälterin ein skurriles Kameraduell. Wenige Tage später entließ die überraschte Kirchgemeinde den Pfarrer fristlos. Das Pfarrhaus wurde vor Ostern geräumt, Nay und seine Entourage sind ausgezogen.

Danach stellte Gloria TV den Betrieb zeitweise ein. Vom Trio fehlte nach dem Abgang aus Sedrun jede Spur. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis es wieder auftauchen wird. Fundamentalistische Katholiken können sich auf ein großes Netzwerk verlassen. Reto Nay und seine Verbündeten, der österreichische Priester Markus Doppelbauer und die moldawische Theologiestudentin Doina Buzut, sind keine isolierten Sonderlinge. Sie sind Teil einer international vernetzten Bewegung, die einen reaktionären Katholizismus will: ohne Abtreibungen, Schwulenehen und Priesterinnen, dafür mit lateinischen Messen, prächtigen Ornaten und klarer Trennung zwischen Klerikern und Laien. Diese Erzkonservativen haben sich gerade in Papst Benedikts Amtszeit im Schatten der Landeskirche eine Parallelkirche mit eigenen Glaubensgemeinschaften, Medien und Akademien aufgebaut. Finanziert werden die reaktionären Katholiken teilweise durch Zuwendungen aus Adelsfamilien und Stiftungen. Aber ohne die Unterstützung der Landeskirchen sind sie machtlos: Sie nisten sich deshalb in wohlgesinnten Bistümern ein.

Gloria TV ist ein typisches Produkt dieser Bewegung. Die Webseite, die im März gemäß eigenen Angaben über fünf Millionen Zugriffe verzeichnete, ist eine Mischung aus YouTube und Internet-TV. Neben Unmengen von hochgeladenen Videos, oft Predigten, produzieren die Macher täglich Newssendungen in Deutsch und Englisch. Moderatorin der englischen Show Gloria TV News ist Nays "Haushälterin" Doina Buzut. Sie studierte in Lugano Kommunikation und ist derzeit an der Theologischen Fakultät daselbst eingeschrieben. Das deutsche Gloria Global moderiert Markus Doppelbauers Schwester Eva, eine Theologie-Doktorandin in Wien. Das Studio steht in einem Haus, in dem sowohl die Abtreibungsgegner von Human Life International als auch eine Kapelle der Erzdiözese Wien untergebracht sind – Landes- und Parallelkirche unter einem Dach. Rechtlich domiziliert ist Gloria TV in Moldawien. Prozesse gegen die Webseite sind deshalb schwierig.

Auch wenn es wegen der geschickten Konstruktion – Doina Buzut ist als Firmeninhaberin registriert – schwer zu beweisen ist: Als Kopf hinter Gloria TV gilt Reto Nay. Szenekenner beschreiben den 51-Jährigen als besonders schillernden, aber letztlich typischen Vertreter der konservativen Parallelkirche: "Obwohl sie Tradition, Hierarchie und Gehorsam hochhalten, entziehen gerade sie sich den kirchlichen Strukturen und kochen ihr eigenes Süppchen", sagt ein Beobachter, der ungenannt bleiben will.

Der Unwille, sich unterzuordnen, scheint bei Reto Nay besonders ausgeprägt. Er besuchte nach dem Gymnasium im Kloster Disentis das Priesterseminar in Chur. Schnell fiel er auf. Nay sei witzig, intellektuell brillant und deshalb unterfordert gewesen, sagen seine ehemaligen Mitstudenten, von denen heute einige im Kader des Bistums Chur sitzen. "Am Mittagstisch lernte er im Gespräch mit Austauschstudenten nebenbei noch Polnisch", erinnert sich Andreas Rellstab, ehemaliger Generalvikar von Graubünden. Nay forderte die eher liberalen Professoren heraus, denen er teils intellektuell überlegen gewesen sein soll. In Chur, heißt es aber einstimmig, sei Nay noch kein Fundamentalist gewesen.

Radikal wurde Reto Nay in Rom. Er dissertierte Ende der neunziger Jahre am Päpstlichen Bibelinstitut, einer katholischen Eliteuniversität. Gemäß Andreas Rellstab, der zur selben Zeit in Rom studierte, schloss sich Nay den Legio Mariae an. "Sein Missionsdrang war unübersehbar", erzählt Rellstab. Nach abgeschlossener Dissertation hätte Nay eine Karriere als renommierter Theologieprofessor einschlagen können. Stattdessen zog es den Bündner immer weiter an den rechten Rand. Nay wurde Professor am Internationalen Theologischen Institut in Gaming, wo auch die Gloria-TV-Nachrichtensprecherin Doina Buzut studierte. Später dozierte er an der Ausbildungsstätte der Diener Jesu und Mariens in Blindenmarkt nahe St. Pölten. Er engagierte sich für Protestmärsche gegen Abtreibung und lernte das Internet als Propagandamedium kennen. Er schrieb Beiträge für das konservative Kath.net, mit dessen Chefredaktor er sich allerdings später zerstritt. Schnell etablierte sich Nay als Vordenker und charismatischer Redner in einem Milieu, in dem intellektuelle Überflieger dünn gesät sind. Seine Anhänger nannten ihn nun "Don Reto". Einer von ihnen schrieb in einem Buch: "Wenn er redet, dann sprühen Funken zu den Herzen und Hirnen über."

 

Zu Beginn des neuen Jahrtausends begann jene Zeit, die ein Priester, der ihn kennt, als "schwarzes Loch in seiner Biografie" bezeichnet. Laut eigenen Angaben zog Nay nach Moldawien, wo er als Aushilfspriester gearbeitet haben soll. Neugierigen Kollegen erzählte er später von sozialen Projekten. Doch Nay absolvierte in diesen Jahren auch Vorträge und Messen in Österreich und leitete Pilgerreisen. Er wollte offenbar frei sein. Der Ausnahmepriester, der schon auf eine Karriere in staatlichen Akademien verzichtet hatte, scheint sich der Vereinnahmung durch die konservative Parallelkirche entziehen zu wollen. Dieser ständige Zwist zwischen der Zugehörigkeit zu einer Institution, die Folgsamkeit und Tradition verlangt, und dem Drang, über sich selbst zu bestimmen, ist ein Leitmotiv in Reto Nays Biografie, die man in Kirchenkreisen gemeinhin "seltsam" oder "speziell" nennt. Ohnehin scheint Nay häufig getan zu haben, wonach ihm der Sinn stand. David Berger, einst selbst ein Vorzeigeintellektueller der konservativen Katholiken, erinnert sich an eine zufällige Begegnung mit Reto Nay auf einer griechischen Ferieninsel. "Nay hatte Geld in einen Musikautomaten geworfen und tanzte – anscheinend etwas angetrunken – zur Musik auf der Straße rum." Und Ernst Fuchs, der ehemalige Leiter des Priesterseminars in Chur, sagt: "Nay erzählte mir einmal, er habe keine Lust, als Dorfpfarrer jeden Sonntag vor einer leeren Kirche zu predigen", Unter diesem Aspekt könnte man auch die Ereignisse in Sedrun anders betrachten. Vielleicht unterschätzte Nay die Symbolik von Hakenkreuzen. Doch vielleicht überschritt er die Grenze des Duldbaren auch mit Absicht, um sich wieder mal der Kirche zu entziehen, die ihn für ihre Zwecke einspannen wollte.

2006 rief der Churer Bischof Amédée Grab Reto Nay ins Bistum zurück, in dem er 1991 die Priesterweihe empfangen hatte. Nay gehorchte und bewarb sich, wie vom Bischof erbeten, für die Stelle in Sedrun. Einem Insider zufolge war die treibende Kraft hinter der Personalie allerdings nicht der Bischof selbst, sondern sein Generalvikar Vitus Huonder, der ein Jahr später als Bischof nachrückte. Auch Vitus Huonder habe Nays Talent entdeckt und ihn als wichtigen Verbündeten aufbauen wollen, sagen ehemalige und aktuelle Kaderleute im Bistum Chur. Huonder, der sich mit seiner konservativen Gesinnung und seiner schwierigen Umgangsart im Bistum zusehends isolierte, suchte neue Verbündete. Der Name Reto Nay soll immer wieder mal gefallen sein, wenn Posten zu vergeben waren – unter anderem, als Andreas Rellstab 2011 als Generalvikar zurücktrat. Mehrere Zeugen aus dem Bistum versichern zudem, dass der Bischof Reto Nay zum Professor für Neues Testament an der Theologischen Hochschule Chur (THC) habe machen wollen. Huonder soll Nay demzufolge gebeten haben, sich auf den frei werdenden Lehrstuhl zu bewerben, was dieser angeblich nur ungern und mit einer lieblosen Bewerbung tat. Die Professoren an der eher liberalen THC, die finanziell vom Bistum abhängig ist, wehrten sich aber vehement gegen Nay. Der Bischof wies die Liste der Wunschkandidaten, welche die Berufungskommission präsentiert hatte, zurück und bestand auf den Priester aus Sedrun. Erst nach langem Zureden konnten die Professoren den Bischof davon abbringen.

Außerhalb des "Hofs" in Chur tönt es anders: "Der einzige Grund, weshalb Nay im Bistum Chur nicht aufstieg, war seine Salonunfähigkeit", sagt ein Kenner. Intern wusste man über Gloria TV Bescheid, auch eher konservative Priester störten sich am aggressiven Ton des Portals. Mehrmals reisten Kirchenleute nach Sedrun, um mit Nay über Gloria TV zu reden. Er empfing die Besucher freundlich – und machte einfach weiter. Er genoss ja die Protektion des Bischofs. Kurz nach der Gründung setzte Vitus Huonder ein Empfehlungsschreiben für Gloria TV auf und unterstützte es ideell. Im Gegenzug kam Huonder auf dem aggressiven Portal immer gut weg. "Mir gegenüber sagte Huonder kurz nach der Affäre, er habe wirklich geglaubt, dass dieses Gloria TV eine gute Sache sei", sagt Hugo Gehring, Dekan in Winterthur.

Doch als nach dem Hakenkreuz-Video die Kirchgemeinde in Sedrun Nays Entlassung vorbereitete und die Medien berichteten, kehrte auch der Bischof seinem unkontrollierbaren Priester den Rücken. "Man kennt das von Vitus Huonder", sagt Ernst Fuchs, ehemaliger Leiter der THC und heute Pfarrer in Lachen. "Wenn es opportun erscheint, lässt er Verbündete fallen wie heiße Kartoffeln." Fuchs meint: "Huonder ist in dieser Sache bisher zu billig davongekommen."

Huonders Sprecher Giuseppe Gracia bestreitet eine besondere Unterstützung für Nay durch den Bischof. "Unsinn" sei das, die Vorwürfe rund ums THC würden jeglicher Grundlage entbehren. Auf den Hakenkreuz-Vorfall habe Huonder "sehr schnell" reagiert.

Derweil formiert sich Gloria TV neu. Am Montag nach der Osterwoche ging das Portal wieder mit Doina Buzuts Gloria TV News auf Sendung. Wo die Sendung produziert wurde, ist nicht klar. Man darf aber annehmen, dass sie im Studio in Wien gedreht wurde. Vor wenigen Tagen wurde Markus Doppelbauer in der Wiener U-Bahn gesehen. Fehlt nur noch Reto Nay. Giuseppe Gracia zufolge hat der Priester sich kürzlich gemeldet. Man wisse aber nicht, wo er sich aufhalte, es gebe auch noch keinen Gesprächstermin. Nay wird in nächster Zeit wohl kaum ins Bistum zurückkehren. Denn gemäß Gracia sei "unverhandelbare Voraussetzung" für eine erneute Anstellung, dass er sich vom Video mit den Hakenkreuzen distanziert. Auftauchen wird der Provokateur früher oder später aber sicher. Reto Nay mag auf Pfarrei und Bischof verzichten können, aber kaum auf sein Publikum.