Nennt Ludwig Theodor Heuss seinen Namen, tritt seinem Gegenüber sofort das Bild eines anderen Menschen vors geistige Auge: eines Mannes mit gepflegten weißen Haaren im perfekten Anzug mit elegantem Gilet. Ein Mann mit Brasil-Zigarre in der Hand, die er wohl nur zur Seite legte, als er am 12. September 1949 den Amtseid als erster Bundespräsident der Republik ablegte, das Gesicht ernst und noch gezeichnet von den Entbehrungen der Nachkriegszeit.

Der Enkel von Theodor Heuss hat sich daran gewöhnt, mit einem Denkmal zu leben. Auch er trägt noch heute Bilder im Kopf, wenn er an seinen Großvater denkt. Es war das Staatsbegräbnis im Dezember 1963. Der heute 51-Jährige glaubt, sich an die riesige Menschenschlange in einer langen Allee zu erinnern, obwohl er damals erst zweieinhalb Jahre alt war. Ob sich die unzähligen Kränze auf dem Grab des Großvaters im Waldfriedhof in Stuttgart tatsächlich so fest in seiner kindlichen Erinnerung eingegraben haben oder ob Erzählungen und Fotos der Eltern später das Erlebnis wachhielten, will der Arzt aber nicht beschwören.

Der Enkel ist in Basel mit seiner Mutter aufgewachsen, den Vater hat er früh verloren. Dort hat er Medizin studiert und hat hier noch immer seinen Hauptwohnsitz, in einem Haus voller Dokumente, Möbel, Erinnerungen und mit dem Familienarchiv des Großvaters. "Basel als eine bürgerliche, liberale Stadt mit engagiertem Bürgertum und einer lebendigen am Gemeinwesen orientierten Politik hat mich geprägt", sagt er. Heuss ist mit einer Schweizer Ärztin verheiratet und lebt mit seinem 19-jährigen Sohn David, Ökonomiestudent an der Universität Zürich, unter der Woche in einer Vater-Sohn-WG am Zürichsee. Die 15-jährige Tochter Julia büffelt in Basel dagegen noch ein paar Jahre bis zur Matura.

Doch ist das Spital Zollikerberg am Stadtrand Zürichs zu seinem eigentlichen Lebenszentrum geworden. In diesem "Kleinod" eines Krankenhauses ist er seit fünf Jahren als Chefarzt der Medizinischen Klinik glücklich. Das Spital ist mit der Stiftung Diakoniewerk Neumünster verbunden und beschäftigt einen Theologen und Ethiker. "Es ist spürbar, dass dieses Haus von einem gewissen Geist getragen wird", sagt Heuss.

Die Basler Studienanfänge ähneln denen des Großvaters: öffentliches Recht und Staatsrecht, daneben Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie, bis sich der Enkel dann bewusst für Medizin entscheidet mit der Spezialisierung für Innere Medizin und Gastroenterologie, in der er sich auch habilitiert. Mit dem Berufsentscheid konnte und wollte er bewusst auf Distanz zu dem Denkmal Heuss gehen, um nie in die Gefahr des Epigonentums zu geraten, sondern seinen eigenen Weg zu gehen.

Ludwig Theodor Heuss interessiert die Medizin aber auch aus gesellschaftspolitischer Sicht. Er war während fast zweier Jahrzehnte engagiert im Zentralvorstand der FMH, der Berufsvereinigung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte, und in dieser Funktion Mitglied einer eidgenössischen Expertenkommission, die das ärztliche Weiterbildungsgesetz entworfen hat. In dieser Zeit hat Heuss den Schweizerischen Ärzteverlag mitgegründet, der unter anderem die Schweizerische Ärztezeitung neben einer Reihe anderer Fachzeitschriften herausgibt. Als schweizerisch-deutscher Doppelbürger sieht er auch die Unterschiede in den Zielsetzungen und Karrieren von Schweizer und deutschen Ärzten: Die Schweizer Ärzte gehen im Bereich der medizinischen Weiterbildung andere Wege, da sie Vernetzung und ein hohes, breites Durchschnittsniveau anstreben und weniger eine hohe Spezialisierung, wie es sehr oft bei den deutschen Kollegen der Fall ist. Auch in der Kommunikation ist gelegentlich ein unterschiedlicher Umgang mit der Sprache auffallend und kann schon mal zu Missverständnissen führen. "Heute lebe ich mit zwei Identitäten – und verteidige immer die andere", sagt er lachend.