Vergangene Woche haben wir Deutschen erfahren, dass es uns gar nicht gut geht. Jedenfalls im Vergleich. Laut einer Studie der Europäischen Zentralbank (EZB) besitzen die Menschen in der Bundesrepublik weniger Vermögen als die meisten anderen Bewohner der Euro-Zone. Der Umfrage unter 62.000 Haushalten in 15 Euro-Ländern zufolge verfügt ein deutscher Haushalt über ein Nettovermögen von 195.200 Euro. In einem spanischen Haushalt sind es 29.1400, in einem italienischen 275.200 und in einem zyprischen gar 670.900 Euro. Zwar wurde schnell klar, dass diese Zahlen nur bedingt aussagekräftig sind. Weil die Deutschen eher zur Miete wohnen und in eine umlagefinanzierte Rente einzahlen, die sich nicht auf ihr Vermögen auswirkt. Zudem stammen die Zahlen aus dem Jahr 2010, als der Immobilienboom im Süden noch nicht in sich zusammengefallen war.

Dennoch hatten diese Zahlen politische Sprengkraft, muss Deutschland, die größte Volkswirtschaft in Euroland, doch gerade jenen Ländern aus der Patsche helfen, denen es anscheinend, heruntergebrochen auf die einzelnen Haushalte, finanziell besser geht. Zu größerem Aufruhr führten die EZB-Zahlen zwar nicht, vielleicht deshalb nicht, weil sich dank der Krisenberichterstattung aus Südeuropa niemand vorzustellen vermag, dass die Zahlen die Realität widerspiegeln.

Das Streben nach Mehr ist eine simple Überlebensstrategie

Macht Geld also doch nicht glücklich? Die Frage, die wie gemacht ist für Philosophen, haben Wissenschaftler auf empirische Weise zu beantworten versucht. Es sei vorausgeschickt: Sie sind sich in dieser Frage uneinig, wie so oft. Das ist im Grunde nicht weiter erstaunlich. Kaum jemand würde die Frage, ob man mit Geld Glück kaufen kann, bejahen. Wichtiger, so die sozial erwünschte Antwort, sind schließlich Liebe, Freunde, Gesundheit. Schaut man sich aber an, wie die Menschen sich verhalten, wofür sie ihre Kraft und Energie einsetzen, könnte man ins Grübeln kommen, ob sie nicht doch finanziellen Erfolg mit Glück gleichsetzen. Und dem US-Komiker Danny Kaye zustimmen, von dem das Bonmot stammt: "Geld allein macht nicht glücklich. Es gehören auch noch Aktien, Gold und Grundstücke dazu."

Der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Bruno S. Frey hätte darauf eine Antwort. Für ihn ist diese Orientierung nach oben eine simple Überlebensstrategie, die sich in der Menschheitsgeschichte bewährt hat, sie ist kein Streben nach Glück. Und Glück verschafft sie uns auch nicht, oder nur ein bisschen: Menschen mit höherem Einkommen seien zwar im Durchschnitt glücklicher als Menschen mit niedrigerem Einkommen, sagt Frey. Der Grenznutzen eines höheren Verdienstes sinkt allerdings, sobald Leute in obere Einkommensklassen vorstoßen. Wer wenig hat und dann anfängt, mehr Geld zu verdienen, dessen Lebensglück steigt deutlich. Wer viel hat und noch ein bisschen mehr bekommt, wird nicht viel glücklicher. Deswegen wäre es viel sinnvoller, auf immaterielle Güter hinzuarbeiten.

Völlig ad absurdum führt dieses Streben nach – materiellem – Mehr seit den siebziger Jahren das Easterlin-Paradox. Der US-Ökonom Richard Easterlin hat damals empirisch nachgewiesen, dass mehr Geld zwar glücklicher macht – aber nur innerhalb einer Gesellschaft: Wer mehr hat als sein Mitbürger, neigt dazu, zufriedener zu sein. Vergleicht man aber das Pro-Kopf-Nationaleinkommen und das in Umfragen angegebene Lebensglück über Landesgrenzen hinweg miteinander, erkannte Easterlin, sei da kaum ein Effekt zu erkennen. Reicheren Völkern gehe es nicht wesentlich besser als armen Nationen. Auch im Zeitablauf bringe Wirtschaftswachstum nichts: So seien beispielsweise Japan und die USA über die Jahrzehnte immer reicher geworden, die Bürger dieser Staaten aber keineswegs glücklicher. Easterlins Schlussfolgerung: Wachstum ist keine Lösung. Wer die Menschen glücklich machen will, der sollte sich nicht auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) konzentrieren, sondern lieber auf Faktoren, die den Bürgern Zufriedenheit schenken.

Wenn aber reichere Nationen nicht glücklicher sind als ärmere, warum sind dann innerhalb einer Gesellschaft die Menschen mit größerem Vermögen glücklicher als die ärmeren? Die simple Antwort: Wir vergleichen uns. Oder, wie es Justin Wolfers, einer der größten Kritiker des Easterlin-Paradoxons, 2011 auf der Aspen-Konferenz veranschaulichte: "Wenn es für uns entscheidend ist, mehr zu haben als andere, dann sind die, die zu dieser Konferenz in Privatjets anreisten, viel glücklicher als wir Ärmeren, die Linie flogen. Wenn wir aber alle reicher werden und ich mir einen Privatjet leisten kann, die Reichen aber per Space Shuttle kommen, werden sie immer noch glücklich sein, während ich mich kläglich fühle." Wolfers und seine Frau Betsey Stevenson bestreiten nicht, dass der Vergleich mit dem Umfeld Einfluss auf das Glücksgefühl haben kann. Sie gehen aber davon aus, dass nicht nur die relative, sondern auch die absolute Größe des Einkommens und Vermögens einen großen Einfluss hat. Im Jahr 2008 hat das Ökonomen-Powerpaar – das auch die These vom Grenznutzen eines immer höheren Einkommens infrage stellt – das Easterlin-Paradox empirisch widerlegt. Die beiden schauten sich die zugrunde liegenden Daten noch einmal genau an. Dabei arbeiteten sie mit internationalen Umfrageergebnissen des Meinungsforschungsinstituts Gallup, die sie mit dem Reichtum der Länder dieser Erde verglichen. Ihr schnödes Ergebnis: Je reicher, desto glücklicher, das gilt eben nicht nur für Einzelpersonen, sondern auch für Nationen.

Und auch im Zeitablauf konnten sie es nachweisen, sogar für die historische Entwicklung Japans und den USA, die Easterlin zum Beleg seines Paradoxons herangezogen hatte. So hatten die Japaner über die Jahrzehnte die Formulierung der Umfrage variiert. In anderen Worten: Je reicher die Japaner wurden und je glücklicher, desto höher legten die Meinungsforscher die Latte in ihrer Frage nach dem persönlichen Glück. In den USA liegt das Problem des stagnierenden Glücks jedoch woanders. Dort wuchs die Wirtschaft zwar, aber der Reichtum verteilte sich sehr ungleich zwischen den Bürgern. So blieb das Medianeinkommen – also nicht der Durchschnittswert, sondern die Einkommenshöhe, die von der einen Hälfte überschritten, von der anderen Hälfte aber nicht erreicht wird – mehr oder weniger gleich.