Bald jeder fünfte Bewohner der Bundesrepublik ist zugewandert oder stammt direkt von Zuwanderern ab. In Städten wie Stuttgart, Frankfurt und Nürnberg haben in manchen Quartieren bis zu 40 Prozent der Bewohner einen Migrationshintergrund. Trotzdem gab es bisher keine schweren Konflikte. Und deshalb sollte man nicht nur nach den Problemen der Integration fragen, wie das sonst gern getan wird, sondern auch danach, was eine Gesellschaft dazu befähigt, erstaunlich gelassen mit so viel Fremdheit umzugehen. Eine Antwort darauf lautet: Segregation.

Die deutsche Stadt- und Wohnungspolitik hat immer versucht, die Absonderung mancher sozialer Gruppen in bestimmten Vierteln zu vermeiden. Dafür gab es gute Gründe, solange diese Gruppen zur Segregation gezwungen waren, weil sie sich zum Beispiel das Wohnen in anderen Quartieren nicht leisten konnten. In Einwanderungsgesellschaften aber entstehen ethnische Kolonien auch deshalb, weil sie von den Zuwanderern erwünscht sind. Little Italy, Chinatown, auch die Deutschen sind in New York zunächst nach Little Germany gezogen. Diese räumlich getrennten kleinen Welten bilden einen Brückenkopf vertrauter Heimat in der Fremde. Zuwanderer sind besonders auf informelle Hilfsnetze angewiesen, und solche Netze bilden sich leichter unter Menschen mit ähnlichen Orientierungen. Die Stadt als Mosaik verschiedener Lebenswelten bietet Räume des Übergangs, die den Schock der Migration mildern.

Dennoch halten viele Segregation für gefährlich. Sie wollen die Durchmischung fördern, denn erst in der räumlichen Nähe, so das Argument, entstünden Kontakte, die zu mehr Wissen übereinander führten, was wiederum dazu beitragen könne, Vorurteile zu korrigieren und Toleranz zu fördern. Allerdings lässt sich auch das genaue Gegenteil behaupten: Enge Nachbarschaften von Menschen mit unterschiedlichen Lebensstilen, Sauberkeitsstandards, gegensätzlichen Auffassungen zur Rolle der Frau oder zur Kindererziehung schaffen viele Reibungsflächen. Soziale Mischung im Stadtquartier führt zu Konflikten, die sich durch Segregation vermeiden lassen. Hinzu kommt: Ethnische Kolonien erschweren nicht die Integration, und entsprechende Studien konnten auch keine negativen Effekte auf die Integrationsbereitschaft feststellen (mit Ausnahme des Spracherwerbs).

Wenn es doch zu negativen Entwicklungen kommt, dann sind sie nicht der Segregation, sondern vor allem der sozialen Lage geschuldet. Eine ethnische Gruppe, die sich diskriminiert fühlt, die unter Arbeitslosigkeit und Armut leidet, wird sich aus nachvollziehbaren Gründen in eine eigene, enge und abgeschottete Welt zurückziehen, was wiederum die Chancen vieler Migranten in der Aufnahmegesellschaft behindert. Am Ende stünde dauerhafte Ausgrenzung. Doch bislang ist die Rede von Ghettos oder Parallelgesellschaften in Deutschland eine empirisch unbegründete und obendrein gefährliche Dramatisierung: Unbegründet, denn in der international vergleichenden Forschung wird von einem ethnisch geprägten Viertel erst dann gesprochen, wenn dort der Anteil einer Ethnie an der Bevölkerung mindestens 40 Prozent beträgt. Das ist in keiner deutschen Stadt der Fall. Normalität sind in Deutschland ethnisch gemischte Viertel mit einer deutschen Mehrheit.

Die Rede von Ghettos kann obendrein eben das befördern, vor dem sie warnen will, denn solche Etiketten bleiben nicht folgenlos. Sie können Teufelskreiseffekte auslösen: Die deutsche Mittelschicht und die erfolgreichen Migranten ziehen aus derart stigmatisierten Vierteln fort. In der Folge sinkt die Kaufkraft, die Banken werden zurückhaltend bei der Kreditvergabe, das Gebiet verkommt auch äußerlich. Wenn dann noch in den Schulen der Anteil von Kindern aus bildungsfernen Familien steigt, veranlasst das weitere Haushalte, fortzuziehen. Am Ende stehen erzwungene Nachbarschaften der deutschen Verlierer mit den nicht integrierten Zuwanderern, eine höchst konfliktträchtige Mischung.

Es ist also wichtig, zwischen freiwilliger und erzwungener Segregation zu unterscheiden, was nur in der Theorie, nicht aber in der Praxis einfach ist. Das aber rechtfertigt keineswegs, nun durch Stadt- und Wohnungspolitik jede Form der Segregation zu verhindern. Erzwungene Desegregation ist ebenso wenig integrationsfördernd wie erzwungene Segregation, da sie den Aufbau der informellen Netze behindert, auf die gerade neu Zugewanderte besonders angewiesen sind.

Zuwanderung verlangt daher eine Wanderung auf schmalem Grat: Freiwillige Segregation muss von der Stadtpolitik ermöglicht und erzwungene verhindert werden, etwa durch mehr erschwinglichen Wohnraum in allen Teilen der Stadt. Einwandererquartiere sollten als Dauerinstitution der Stadt akzeptiert werden, und zugleich muss alles darangesetzt werden, dass sie nicht zu Fallen werden, aus denen die Zuwanderer keinen Weg mehr in die Aufnahmegesellschaft finden.

Vor allem aber braucht gelingende Integration Zeit, mindestens die Zeit dreier Generationen, und sie beginnt mit jedem Zuwanderer aufs Neue. Sie braucht geschützte Räume des Übergangs, und sie braucht die Fähigkeit, mit den Schwierigkeiten und Konflikten der Migration halbwegs zivil umzugehen. Der Integration ist mit Dramatisierung so wenig gedient wie mit naiven Toleranzappellen. Das Hohe Lied der kulturellen Differenz, das so oft angestimmt wird, lässt schnell vergessen, wie leicht kulturelle Differenz in Konflikt umschlägt und wie hoch sie mit sozialer Ungleichheit korreliert.

Walter Siebel ist einer der bekanntesten deutschen Stadtsoziologen. Zusammen mit seinem Kollegen Hartmut Häußermann veröffentlichte er mehrere Standardwerke zur Stadtdiskussion