An dem Preußen im Dienste Österreichs scheiden sich die Geister: Für die einen war er eine Edelfeder im Dienste des Spätabsolutismus, für andere ein konservativer Söldner und Wendehals, der erst die Ideen der Aufklärung vertrat und später ihr erbitterter Gegner wurde. Friedrich Gentz war eine schillernde Persönlichkeit am Wiener Hof zur Zeit Metternichs. Er war Sekretär und Berater des Staatskanzlers und Protokollführer des Wiener Kongresses. Golo Mann schrieb vor über sechzig Jahren seine Dissertation über Gentz. Nun ist eine neue Biografie über den Ahnherr des Konservativismus erschienen. Für den Autor Harro Zimmermann gehört "das ausgekühlte Politikpathos des Friedrich Gentz zum besten Bestand unserer demokratischen Tradition".

In Breslau 1764 geboren, wird Gentz zunächst Schüler Immanuel Kants. Rasch steigt der begabte Beamtensohn in den inneren Kreis um den Philosophen auf. Später wird er Beamter im preußischen Staatsdienst. Der Beruf ist mühselig, nur das Berliner Nachtleben zieht ihn in den Bann. Er taucht ein in die Salonkultur Rahel Varnhagens, in deren Mansardenräumen sich das Erbe der Berliner Aufklärung mit dem neuen Lebensgefühl der Romantik mischt und wo die Brüder Humboldt ebenso verkehren wie der Schriftsteller Jean Paul.

Die Nachricht vom Sturm auf die Bastille begeistert Gentz zunächst, doch rasch mehren sich die Zweifel. Den endgültigen Umschwung bringt die Lektüre von Über die Revolution von Edmund Burke. Gentz übersetzt das Buch, versieht es mit eigenen Anmerkungen und beginnt sich als politischer Publizist und Revolutionsgegner einen Namen zu machen. Als 1792 der erste Koalitionskrieg ausbricht, fühlt er sich bestätigt: Die Revolution sei kein nationales französisches Ereignis, sondern eine Bewegung, die zum internationalen Hegemonialkrieg führen müsse.

Die preußische Neutralitätspolitik verachtet Gentz, vom Berliner Politikbetrieb entfremdet er sich zusehends. Umso freudiger nimmt er 1802 das Angebot an, künftig in Wien zu wirken, als schreibende, antirevolutionäre und antinapoleonische Allzweckwaffe im Dienste der Habsburger. Graf Metternich, von 1809 an Außenminister in Wien, ist angetan von dem neun Jahre älteren Gentz. Seinen Rat hört der "Kutscher Europas" oft, sein Wort zählt viel, er sei "eine Macht" in Wien, schreibt er über sich. Selbst Napoleon wird auf die agitatorische Propaganda von Gentz aufmerksam. In der Erklärung der Kontinentalsperre bezeichnet er ihn als "Mann ohne Ehre", der sich "für Geld verkaufen" würde.

In der Diskussion nach Kants Schrift Zum Ewigen Frieden entwickelt Gentz die Idee eines "freien Bundes der Völker", einer organisierten "Friedensverfassung" unter gleich starken Vertragspartnern.

Der Wiener Kongress bildet den Höhepunkt in seinem Leben. Er wird Protokollführer der Verhandlungen, und in seiner Wohnung in der Seilergasse treffen sich die Mächtigen, um bis spät in der Nacht zu debattieren. So erbittert Gentz Napoleon bekämpft hatte, nun setzt er sich für ihn ein. Eine Rückkehr der Bourbonen sei ein größeres Verderben als der Verbleib des Korsen. Doch er setzt sich nicht durch. Auch die Heilige Allianz, die zwischen Russland, Österreich, Preußen und Frankreich geschmiedet wird, hält er für eine "politische Nullität ohne wirklichen Sinn; eine Theaterdoktrin".

Trotzdem wirkt er weiter im Dunstkreis Metternichs, ist bei den Folgekongressen zugegen und maßgeblich am Beschluss des Karlsbader Programms beteiligt, mit dem nationale und liberale Tendenzen bekämpft werden sollten – unter anderem mithilfe einer rigorosen Pressezensur.

Dem Literaturwissenschaftler Harro Zimmermann gelingt es, das Wirken und die intellektuelle Entwicklung eines Denkers beeindruckend nachzuzeichnen. Wurde der Wiener Kongress bisher meist rein politisch oder nur alltagshistorisch betrachtet, so ist Zimmermanns Buch eine gelungene Verknüpfung.

Gentz beobachtete Europa am Beginn des langen 19. Jahrhunderts, als Revolution zu einer zentralen Idee des politischen Denkens wurde. Er erkannte, dass das europäische Gleichgewicht kein natürliches System mehr war. Diplomatie bedurfte nun eines stetigen politischen Managements; der Untertitel Die Erfindung der Realpolitik ist treffend gewählt. Das ausufernde Privatleben, die chronischen finanziellen Engpässe und die zahllosen Frauengeschichten, etwa die späte Liaison des schon greisen Gentz mit der jungen Fanny Elßler, werden nur dezent erwähnt. Wer sich dafür en détail interessiert, muss weiterhin zu Golo Manns meisterhafter Erzählung greifen.

Mit seinen politischen Ideen ist Gentz gescheitert. Die Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts verachtete ihn als Antipreußen und Diener Metternichs. Doch an seinem Leben lässt sich die Geburt eines neuen politischen Zeitalters nachzeichnen, dessen Nachwirkungen bis heute zu spüren sind.

Als Friedrich Gentz im März 1832 vom Tod Goethes erfuhr, mit dem er einst im Weimarer Theater saß, war er tief getroffen. Besonders bestürzte ihn, dass dieses "Weltereignis" fast keine öffentliche Betroffenheit nach sich zog. Wenige Wochen nach dem Geheimrat stirbt Gentz in seiner Villa in Wien-Weinhaus. Seinen Erben hinterlässt er nichts, er hat alles ausgegeben. Fürstin Metternich meint lapidar: "Nun liegt der arme Mann im Grabe, und schon sind nur wenige noch seiner eingedenk; wenige vermissen, niemand beweint ihn, und dennoch gibt es für ihn keinen Ersatz."