Vorsichtig öffnet der Apotheker die rotbraune Kapsel und leert den Inhalt in einen Plastikbecher: winzige weiße Kristalle – wie feucht verklumptes Salz sehen sie aus. Es ist Morphinsulfat-Pentahydrat, ein Opiat, das ähnlich wirkt wie Heroin.

Unter dem Namen Substitol werden die Kapseln Süchtigen verschrieben, damit diese sich keinen Stoff auf der Straße kaufen müssen. Immer wieder sorgen die Ersatzdrogen für Empörung, werden mit Schwarzmarkthandel, dealenden Ärzten und Todesfällen in Verbindung gebracht.

Auch seriöse Zeitungen brachten Schlagzeilen wie Kassen finanzieren Schwarzmarkt für Ersatzdrogen. Innenministerin Johanna Mikl-Leitner von der ÖVP forderte eine Einschränkung der Ersatztherapie – und erntete einen Proteststurm. Denn die Substitutionsbehandlung in Österreich ist auch eine Erfolgsgeschichte.

Zwar wird Heroinsucht mit dieser Therapie nicht geheilt, aber sie verhindert Beschaffungskriminalität und reduziert die Gefahr, sich mit HIV oder Hepatitis anzustecken. Den Süchtigen ermöglicht die Therapie ein geregeltes Leben. 2002 waren knapp 5.000 Menschen in Substitutionstherapie; 2011 waren es schon fast 17.000, etwa die Hälfte aller Drogensüchtigen in Österreich.

Stefan Ebner, der in Wirklichkeit anders heißt, ist einer von ihnen. Als Jugendlicher begann er, mit Drogen zu experimentieren, und landete schließlich bei Heroin. Mehrmals erwischte ihn die Polizei mit Drogen, dazu kamen ein paar Einbrüche. Schließlich musste Ebner für fast vier Jahre ins Gefängnis. Dort steckte er sich über gebrauchte Spritzen mit HIV und Hepatitis C an.

Heute ist Ebner 38 Jahre alt und geht jeden Tag in die Apotheke, um drei der rotbraunen Kapseln zu schlucken. 600 Milligramm Substitol. "Seitdem ich substituiert bin, hatte ich keine Bröseln mehr mit der Polizei", sagt er und zieht an einer Zigarette. Eine Bart-Simpson-Stoffpuppe sitzt neben ihm auf dem lachsrosa Sofa in seinem Wohnzimmer, eine Katze springt herum. "Leute zum Entzug zu zwingen kostet den Staat Geld und bringt nichts", sagt er.

Für eine Ersatztherapie gibt es verschiedene Medikamente. Weltweit am häufigsten eingesetzt wird Methadon, eine Flüssigkeit. Der Patient trinkt sie meist mit Sirup vermischt. Einige Länder setzen auf den Wirkstoff Buprenorphin, anderswo laufen Projekte mit reinem Heroin. Und dann sind da die Substitol-Kapseln des Marktführers Mundipharma und die Compensan-Tabletten der Firma G.L. Pharma, deren Geschäftsführer und Teilhaber ausgerechnet der ehemalige ÖVP-Wirtschaftsminister Martin Bartenstein ist. Während seine Parteikollegin Mikl-Leitner gegen die Ersatztherapie Stimmung macht und Verbesserungen fordert, tüftelt seine Firma bereits an einem neuen Medikament, das für den Schwarzmarkt weniger attraktiv sein soll.

Substitol und Compensan sind retardierte Morphine, das heißt, sie wirken ähnlich wie Heroin, aber zeitverzögert. Die Wirkung setzt nur langsam ein und hält lange an. Die Therapie mit retardierten Morphinen ist zwar in mehreren europäischen Staaten erlaubt, eingesetzt wird sie aber nur in drei Ländern.

In Bulgarien bekommen sechs Prozent der Süchtigen diese Präparate, in Slowenien 17 Prozent; in Österreich, das als erstes Land in Europa 1998 retardierte Morphine zuließ, 55 Prozent der Patienten, in Wien fast zwei Drittel. Und das, obwohl diese Mittel laut Suchtgiftverordnung eigentlich nur verschrieben werden dürfen, wenn der Patient andere Medikamente nicht verträgt.

Das Problem mit Substitol: Wer den Inhalt der Kapsel auflöst und sich spritzt, bekommt einen Kick wie bei Heroin. Viele Süchtige tun das, obwohl die Wirkung dann weniger lange anhält und sich Bestandteile der kleinen Kristalle in den Venen absetzen können. Ein Teil der Morphine landet auf dem Schwarzmarkt, wie viel ist allerdings nicht klar.

Manche Substitutionspatienten zweigen einen Teil ihrer Ration ab und verkaufen ihn, meist um sich andere Drogen zu kaufen. Eigentlich müssten sie die Kapseln täglich vor den Augen des Apothekers schlucken, wie es Stefan Ebner tut. Aber wer einen fixen Job hat und nicht täglich kommen kann, bekommt die Ration für eine ganze Woche. Viele Süchtige haben Tricks entwickelt, die Kapseln im Mund zu verstecken und anschließend auszuspucken; manche sollen sogar verschluckte Tabletten wieder erbrechen. 10 bis 20 Euro bekommt man in Wien für eine Kapsel, für "G’spuckte" ist es weniger; in anderen Bundesländern soll eine Kapsel bis zu 50 Euro kosten.