Über die Verantwortung von Unternehmen für Menschenrechtsverletzungen wird seit Jahrzehnten debattiert – auf Ebene der Vereinten Nationen, der OECD oder der EU. Tragen internationale Firmen Mitschuld, wenn bei Zulieferbetrieben Zwangsarbeit herrscht? Wenn sie Rohstoffe aus Kriegsgebieten kaufen und so Konflikte verlängern? Wenn Arbeiter ihrer lokalen Betriebe von der Polizei terrorisiert werden, weil sie in der Gewerkschaft sind? Im Prinzip ja, lautet die Antwort – und sie kommt inzwischen auch vielen Konzernchefs leicht über die Lippen. Das ist ein Fortschritt im Vergleich zu den Zeiten, da Unternehmen, auch deutsche, allzu gern das "arbeitgeberfreundliche" Klima afrikanischer Apartheidregime oder lateinamerikanischer Diktaturen nutzten.

Heute gehört es zum guten Ton, sich den Global-Compact-Prinzipien der Vereinten Nationen für sozial und ökologisch verträgliches Wirtschaften anzuschließen. "Unternehmen sollen sicherstellen, dass sie nicht bei Menschenrechtsverletzungen mitwirken", heißt es da. Rechtlich ist das Bekenntnis allerdings völlig unverbindlich. Es sanktioniert nicht einmal die Unterzeichner, die offensichtlich dagegen verstoßen. Die OECD hat sehr viel detailliertere "Richtlinien für multinationale Unternehmen" festgesetzt, die immerhin ein Beschwerdeverfahren vorsehen. Doch wie weit Unternehmensverantwortung reicht, wo die juristische Haftbarkeit beginnt und vor welchen Gerichten sie eingeklagt werden kann – all das ist höchst umstritten.

Die Schauplätze sind verstreut, das Geflecht der internationalen Konzerne, gegen die sich dieses grenzüberschreitende Verfahren richtet, ist schwer zu entwirren. In der Schweiz läuft derzeit, mitinitiiert durch das EHCCR, eine Klage gegen den Nestlé-Konzern wegen "fahrlässiger Tötung durch Unterlassung", weil das Unternehmen einen seiner Arbeiter in Kolumbien nicht ausreichend vor der Verfolgung durch Paramilitärs geschützt haben soll. In den USA hat ein Gericht die Entschädigungsklage mehrerer südafrikanischer Apartheidopfer zugelassen, die dem Daimler-Konzern Mittäterschaft bei Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen hatten, weil er die damaligen Sicherheitsbehörden mitausgerüstet hatte. Der Globalisierung der Wirtschaft folgt, wenn auch ungleich langsamer, die Globalisierung der Justiz – und der Juristen. Vor der deutschen Justiz ist derzeit ein weiteres Verfahren gegen ein deutsches Unternehmen anhängig. 2010 stellten die ECCHR-Anwälte um den Berliner Juristen Wolfgang Kaleck Strafanzeige gegen führende Angestellte des Ingenieursbüros Lahmeyer International, das im Sudan den Bau eines riesigen Staudamms am Nil geleitet hatte. Dabei wurden Dörfer geflutet, mehrere Tausend Familien vertrieben, Protestaktionen von Sicherheitskräften mit Gewalt niedergeschlagen. Nur die Schuld des sudanesischen Regimes? Nein, sagt Kaleck. Genau wie Danzer im Kongo hätte auch Lahmeyer die Folgen seines Verhaltens absehen müssen, folglich sei das Unternehmen mitverantwortlich. Er wirft ihm unter anderem Nötigung und Sachbeschädigung vor, seit 2011 ermittelt die Frankfurter Staatsanwaltschaft. Alle drei genannten Unternehmen bestreiten die Vorwürfe entschieden.

Die Danzer-Gruppe hat ihre kongolesische Tochterfirma übrigens vor Kurzem an ein amerikanisch-belgisches Konsortium verkauft. An der Klage im Kongo und an der Strafanzeige in Deutschland ändert das nichts. Auch nicht daran, dass Dorfbewohner in Yalisika immer noch auf den Baubeginn für eine Schule und ein Gesundheitszentrum warten.