Ein Majordomus öffnet die Tür zu der bourgeoisen Pariser Wohnung in der Nähe des Élysée-Palasts, zwischen geblümten Chaiselongues und schweren Stores hängen an Bilderleisten goldgerahmte Gemälde auf dunkelroter Tapete. Hier wohnt und empfängt uns Yves Bouvier, einer der wichtigsten Logistiker des globalen Kunsthandels. Eines Marktes, dessen Umsatz auf 43 Milliarden Euro im Jahr 2012 geschätzt wird. Wenn die weltweit reichsten Menschen ihre Kunst sicher und steuerfrei unterbringen wollen, dann stoßen sie mit großer Wahrscheinlichkeit auf eine der Firmen dieses Mannes aus der französischsprachigen Schweiz. Einem breiten Publikum ist Bouvier hingegen unbekannt.

Das mag daran liegen, dass Bouvier auch in Geschäfte verwickelt ist, die man lieber diskret behandelt. So war der Unternehmer offenbar an dem millionenschweren Handel mit Bildern der klassischen Moderne beteiligt, als deren Maler im Nachhinein der Fälscher Wolfgang Beltracchi entlarvt wurde. Der Redaktion vorliegende Dokumente belegen, dass Bouvier für solche Kunsttransaktionen auch eine diskrete Offshore-Firma auf den Britischen Jungferninseln betrieben hat.

Wie viele Werke seine eigene Sammlung umfasst, weiß Yves Bouvier nicht. "Aber ich kann sie gut und sicher lagern", schmunzelt er. Bouvier ist Eigentümer der Traditionsspedition Natural Le Coultre, deren Leitung er 1997 von seinem Vater übernahm, und er fungiert als Vorstandsvorsitzender der Eurasia Investment Holding. Im Schweizer Handelsregister findet man seinen Namen bei einem guten Dutzend weiterer Firmen, und in Genf und Singapur betreibt er große zollfreie Hochsicherheitslager für die ganz teure Kunst. Auch in Luxemburg will er Ende 2014 einen solchen 13.000 Quadratmeter großen Freihafen eröffnen, einen weiteren voraussichtlich 2015 in Peking. Seine Transportfirma Natural Le Coultre blickt auf eine gut 150-jährige Geschichte zurück, rund 500.000 Kunstwerke lagert das Unternehmen heute. Bei 80 Prozent der Transporte handelt es sich um Bilder und Skulpturen, 18 Prozent betreffen teure Weine, 2 Prozent Edelmetalle.

Jede seiner zahlreichen Wohnungen weltweit sei individuell eingerichtet, sagt Bouvier: "Hier, in Paris, finde ich diesen Stil passend zur Stadt und zu ihrer Bedeutung für die Kunstgeschichte." Ein Porträt von Baudelaire und Genrebilder hängen an der Wand. Kunsthandwerk des Art déco ist im Raum verteilt, auf dem Kaminsims steht eine goldene Tischuhr im Rokokostil, daneben die schlichte Holzstatue einer Frau, von einer Schlange umwunden. Der Betrachter bekommt nur den Rücken der Figur zu sehen. Ein seltenes Stück Stammeskunst, dessen böser Blick gebannt werden soll? "Ich weiß noch nicht einmal, was das genau ist", sagt Bouvier lachend, "es ist ein Geschenk; ich habe sie zum Spiegel gedreht, weil ich sie von vorn nicht besonders mag."

Spätestens seit die Kunst zum begehrten Anlageobjekt potenter Manager aufgestiegen ist, hängen die meisten Werke, die reichen Privatsammlern gehören, nicht mehr an den Wänden von Villen und Palästen, sondern lagern in Freihäfen wie denen von Bouvier: Sein Singapore Freeport wirbt auf der Internetseite mit einem Maximum an Sicherheit, mit bewaffnetem Sicherheitspersonal und doppelten Klimasystemen, die in den Lagerräumen stets für eine Temperatur von 20 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von 55 Prozent sorgen. Yves Bouvier führt in seinen Freihäfen alle Gewerke zusammen: "Luxusgüter darf man so wenig wie möglich bewegen, denn das ist teuer und gefährlich." Also stehen Konservatoren und spezialisierte Kunstverpacker bereit, es gibt vollausgerüstete Büros, in denen die Kunden des Freihafens "diskret und sicher" ihren Geschäften nachgehen können. Der Singapore Freeport ist ein Ort wie gemacht für eine Szene in einem James-Bond-Film, die Lobby hat der Designer Ron Arad mit einer großen, eleganten Stahlskulptur bestückt, eine hochglanzpolierte, spiegelnde Schleife, die sich durch den ganzen Raum zieht. Arad hat die Skulptur Käfig ohne Grenzen getauft – ein sinnfälliger Titel für diesen Ort. Denn das Wichtigste an einem Freihafen ist sein quasi exterritorialer Status: Wertsachen können hier gelagert, gezeigt und gehandelt werden, ohne dass dabei indirekte Steuern oder Zollabgaben an einen Staat zu leisten wären.

Deshalb sind die Geschäfte über die legalen Freihäfen äußerst beliebt bei Sammlern, Kunsthändlern und Auktionshäusern: Anders als auf Auktionen wird ein Besitzwechsel nicht öffentlich bekannt. Als Käufer treten oft nicht die Sammler oder Händler selbst in Erscheinung, viele Geschäfte werden über Offshore-Firmen mit Briefkästen in Steueroasen abgewickelt. Im Unterschied zu Aktien- oder Rohstoffmärkten kennt der Kunstmarkt noch kaum Kontrollinstanzen. Völlig unreguliert können Preise festgelegt und durch Verkäufe und Rückkäufe – wie jüngst im Skandal um den Galeristen Larry Gagosian – um Millionen Dollar gesteigert werden. Das erschwert Ermittlern das Aufdecken von Geldwäsche, Steuerhinterziehung oder Fälschungen.