Ein erster Einblick in das Dickicht solcher grauen Geschäfte auf dem internationalen Kunstmarkt bot sich vor zwei Jahren, als nach internationalen Ermittlungen durch das Landeskriminalamt in Berlin der Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi verurteilt wurde, der mit Komplizen über drei Jahrzehnte Dutzende vermeintliche Meisterwerke in den internationalen Kunstmarkt geschmuggelt und damit einen mindestens zweistelligen Millionenschaden angerichtet hatte.

Der anerkannte Kunstexperte Werner Spies spielte dabei keine geringe Rolle. So begutachtete er etwa die Max-Ernst-Fälschung La Forêt im März 2004 auf Beltracchis Landsitz in Südfrankreich. Er befand das Gemälde für echt, erhielt für Expertise und Hilfe bei der Vermittlung von mehreren Bildern nach eigenen Aussagen insgesamt 400.000 Euro allein von den Beltracchis. Überwiesen wurde das Geld auf sein Schweizer Konto mit dem Namen Imperia (ZEIT Nr. 3/12). Kurz nach dem Kunstexperten Spies besuchte der Genfer Galerist Marc Blondeau den Landsitz der Beltracchis und kaufte La Forêt für 1,7 Millionen Euro. Das Bild ging auf eine gut zweijährige Reise, machte Station im Freihafen von Genf und in der Pariser Galerie Cazeau-Béraudière, wurde im Max Ernst Museum in Brühl und auf einer Kunstmesse in Paris gezeigt, gehörte Firmen wie der Salomon Trading LLC im US-amerikanischen Wyoming und der in Panama registrierten Lontel Trading S.A. Schließlich wurde es am 29. September 2006 über die auf der Britischen Jungferninsel Tortola ansässige Firma Diva Fine Arts S.A. für sieben Millionen Dollar an die Hanna Graham Associates Inc. auf den Bahamas verkauft. Über Letztere gelangte die Fälschung nach New York, in die Sammlung des französischen Exverlegers Daniel Filipacchi. Ob für diese Geschäfte, bei denen sich der Wert des Gemäldes innerhalb zweier Jahre auf sagenhafte Weise mehr als verdreifachte, irgendwelche Steuern fällig und auch gezahlt wurden, ist nicht bekannt.

Bouviers Firma verkaufte Werke, die sich später als falsch herausstellten

Was verbindet diesen Fall mit dem Transportunternehmer und Freihafenbetreiber aus Genf? Nach dem Gespräch in Bouviers Wohnung tauchten neue Details dazu auf: Das Bild La Forêt wurde nicht nur mehrfach von Natural Le Coultre transportiert – zeitweise gehörte es wohl auch Yves Bouvier. Lange fragten sich nicht nur die Ermittler in Berlin, sondern auch Experten überall auf der Welt, wer hinter der Firma Diva Fine Arts S.A. steckte. Nun belegen Dokumente, dass Bouvier in einer sehr engen Beziehung zu dieser Firma steht: Schon auf der Rechnung für das falsche Max-Ernst-Gemälde war als europäische Bürorepräsentanz der Firma die Adresse Avenue de Sécheron Nummer 6 in Genf vermerkt – der Sitz von Natural Le Coultre. In einem vom Beltracchi-Fall völlig losgelösten New Yorker Zivilverfahren, in dem es nicht um Fälschungen geht, sondern unter anderem um die Beschlagnahmung eines Gemäldes von Willem de Kooning, schaltete sich Yves Bouvier im Dezember 2011 mit einer eidesstattlichen Versicherung ein, die der ZEIT vorliegt. Er gab darin an, dass der de Kooning einst der Firma Diva Fine Arts S.A. gehörte – und er selbst der einzige Direktor und Eigentümer dieser Firma gewesen sei. Nachdem Bouvier die Firma im November 2011 liquidieren ließ, sei all deren Besitz in sein Eigentum übergegangen. Das Geschäft mit Diva Fine Arts steuerte er auch über die von ihm kontrollierte Firma New City in Hongkong. Auf nachträgliche Fragen der ZEIT zu Zweck und Eigentum der Diva Fine Arts S.A. wollte Bouvier sich aufgrund des anhängigen Verfahrens nicht äußern. Er sei aber nach Abschluss der juristischen Vorgänge bereit, Stellung zu nehmen.

Das könnte noch interessant werden, soll er doch nach Zeugenaussage eines Galeristen auch in die Vermittlung von zwei weiteren Bildern von Max Ernst und Heinrich Campendonk verwickelt gewesen sein, die sich später als Beltracchi-Fälschungen herausstellten. Als er dazu während der Ermittlungen befragt werden sollte, antwortete die Genfer Staatsanwaltschaft im März 2011 auf ein Rechtshilfeersuchen aus Deutschland, dass man Herrn Bouvier nicht anhören könne – dieser sei nicht mehr in der Schweiz ansässig. Die Firma Diva Fine Arts S.A. besaß zeitweilig auch das später als Beltracchi-Fälschung entlarvte Max-Ernst-Bild Tremblement de terre, dessen Käufer derzeit in Nanterre gegen Werner Spies und den Galeristen Jacques de la Béraudière auf Entschädigung klagt. Bouvier scheint mit dem Galeristen Béraudière eng verbandelt zu sein, so gründete Bouvier im Juli 2008 die Firma Galerie Jacques de la Béraudière S.A. bei einem Genfer Notar – in seinem eigenen und Béraudières Namen. Béraudière gab in dem New Yorker Verfahren an, dass er sich mit Bouvier bei Kunstkäufen berate, dieser kaufe Kunst vor allem zum Zweck der Vermögensanlage. Weitere Unterlagen belegen, dass Bouvier auch noch andere sogenannte Briefkastenfirmen wie etwa die Arrow Fine Art LLC im steuergünstigen US-Staat Wyoming betrieb.

Freihäfen seien keine Schmuggler-Höhlen, beteuert Bouvier in seiner Pariser Wohnung: "Nur Dummköpfe versuchen noch, hier Drogen in Kunstwerken oder Diebesgut zu verstecken. Das wird entdeckt, denn alles, was hinein- und hinausgeht, wird genau registriert und durchleuchtet. Wir tragen sogar zur Aufklärung von Kunstdiebstählen bei." Gegen Diebesgut mag es in den Freihäfen Mechanismen geben, zweifelhaften Transaktionen im großen Stil oder dem Verkauf von Fälschungen beugen sie jedoch noch nicht vor.