Im Nachhinein will es wieder keiner gewesen sein, nicht die Politik, nicht das Fernsehen, nicht jene Zeitungen, die ihn so lang und ausdauernd hofierten. Die Gala-Bilderstrecke zu seiner Hochzeit: Schnee von gestern. Das Foto mit Innenminister Friedrich: ein zufälliger Schnappschuss, der keine Rückschlüsse auf persönliche Beziehungen zulässt. Von Horst Seehofer fehlt bislang eine Stellungnahme, doch er wird drei Kreuze schlagen drunten im christlichen Bayern. Das hätt' was gegeben, wäre Bushido damals auf sein Angebot eingegangen, mal eben schnell einen CSU-Rap hinzulegen.

Es war ja auch so eine schöne Geschichte: Migrantensohn aus prekären Verhältnissen schafft es vom Rand der Gesellschaft in die Mitte, ein deutscher Entwicklungsroman, nahezu biblisch in ihrer Variation des Motivs vom verlorenen Sohn. Dass das Stoff fürs Kino ist, hat kein Geringerer als Bernd Eichinger erkannt. Für alle, denen Bushidos Sprechgesang in Reinform zu rüde war, sein Hals zu tätowiert, seine gesamte Erscheinung noch nicht holzschnittartig genug, drehte er eine familientaugliche Version. Unvergessen, wie Bushido, seine Mama und die deutsche Öffentlichkeit sich am Ende vor der Kulisse des Brandenburger Tors weinend in den Armen liegen, als wäre schon wieder Mauerfall. Jetzt muss die Geschichte neu geschrieben werden.

Seit der stern vergangenen Donnerstag mit einer Recherche herauskam, die den Verstrickungen des Berliner Rappers in die hauptstädtische Halbwelt nachgeht, ist nicht nur ein Märchen dahin, plötzlich muss man die Freunde Bushidos mit der Lupe suchen. Die Vorwürfe: Er soll der verlängerte Arm eines mafiös organisierten Clans in Berlin-Neukölln sein, gegen deren Chefs, die Brüder Abou-Chaker, wegen Zuhälterei, Geldwäsche, Drogen- und Menschenhandel ermittelt wird. Bushido als Frank Sinatra in Jogginghosen: Wer etwas auf sich hält, geht auf Distanz, fordert die Rückgabe des Integrations-Bambis oder lässt zumindest publikumswirksam seine Empörung ausrichten. Vom Quotenbringer zur Persona non grata, so schnell hat sich der Wind selten gegen einen erklärten Publikumsliebling gedreht. Wüsste man gar nichts über den Mann, den alle nur unter seinem Nom de Guerre kennen, man könnte den Eindruck gewinnen, er habe die Nation arglistig über seine wahre Natur hinweggetäuscht. Dabei trifft das Gegenteil zu: Statt aus der Rolle zu fallen, hat Bushido sie einfach nur konsequent zu Ende gespielt.

Bushido hat nie ein Geheimnis aus seinen Kontakten ins kriminelle Milieu gemacht

Wer je das Vergnügen hatte, ihm persönlich zu begegnen, weiß, wie ehrpusselig er auf seinen guten schlechten Ruf bedacht war. Anis Mohammed Youssef Ferchichi – so heißt Bushido bürgerlich – pflegte seine Interviewpartner in puffartig ausgestatteten Separees zu empfangen, wo er, oft in Begleitung diverser Sidekicks, einrauschte, um sich erst einmal formvollendet für die Verspätung zu entschuldigen. Was dann folgte, war eine Rotlichtgala, in der er auf geradezu hollywoodeske Weise die Rolle des Gentleman-Gangsters einnahm: krasse Inhalte, aber Eins-a-Manieren. Man kann dem Mann vieles nachsagen: dass er ein manipulatives Verhältnis zur Presse unterhält, dass sein Frauenbild nicht dem Stand der Aufklärung entspricht. In letzterem Punkt würde er womöglich nicht einmal widersprechen, das Verhältnis zu seinem Schaffen war stets funktional geprägt: Gut ist, was provoziert. Woraus er nie ein Geheimnis gemacht hat, sind seine Kontakte ins kriminelle Milieu.

Statt damit hinterm Berg zu halten, rückte er sie geradezu ins Zentrum seiner Aktivitäten – als Alleinstellungsmerkmal, das ihn vom Rest der Berliner Hip-Hop-Szene abhob. Dass Bushido sich als einzigen schweren Jungen in einer Horde von Schwachmaten sah, auch das hat er immer offen im Munde geführt, gab die Nähe zur ehrenwerten Gesellschaft seinen Worten doch erst den richtigen Nachdruck. Wenn er das Gefühl hatte, dass die Sache gut für ihn lief, kutschierte er den Gast von der Journaille im BMW 7er in sein Kreuzberger Stammcafé. Da saßen sie auf einem Haufen, die schweren Jungs, die inzwischen auf Fahndunglisten stehen, spielten Karten und genossen den Abend bei einer guten Wasserpfeife. "Was du hier siehst, sind 200 Jahre Knast", kommentierte Bushido die Szene, um einen, nachdem er sicher war, dass die Botschaft angekommen war, wieder galant vor der bürgerlichen Haustür abzusetzen. Einmal Halbwelt und zurück, so ging sie, die große Bushido-Sause.