DIE ZEIT: Herr Huber, hatten Sie selbst schon einmal ein ethisches Problem mit Geld?

Wolfgang Huber: Ja. Ich wollte etwas finanzieren, aber hatte das Geld nicht. Vor der Einnahme musste ich die Ausgabe machen.

ZEIT: Eine klassische Kreditsituation. Wo lag da das Dilemma?

Huber: Eine bestimmte Summe, die ich verdient hatte, ging direkt in das Abtragen des Kredits. Und zwar unversteuert. Das war kein Riesenbetrag, aber trotzdem. Heute glaube ich, dass das nicht korrekt war.

ZEIT: Es war aber legal – oder nicht?

Huber: Im Rückblick halte ich es für illegal. Auch wenn mir damals von der Bank gesagt wurde, dass das geht. Aber um Sie zu beruhigen – das liegt ungefähr 30 Jahre zurück.

ZEIT: Das wäre also verjährt. Gott sei Dank!

Huber: Ja.

ZEIT: Wie gehen Sie denn als Christ mit dem Fehler um? Reicht es, wenn man ihn bereut?

Huber: Zunächst gestehe ich mir ein, ich war damals dankbar, dass ich für meine Familie ein Haus kaufen konnte, auch wenn wir dann viele Jahre lang sehr rechnen und wirklich sparsam leben mussten. Außerdem habe ich für mich die Folgerung gezogen, dass ich alle Einnahmen ordentlich versteuere. Und so habe ich es dann immer gehalten.

ZEIT: In Ihrer kleinen Geschichte steckt ein großer Konflikt: zwischen dem Guten und dem Gesetz. Gibt es denn ein ethisches Argument dafür, etwas zu tun, was einem persönlich gut und richtig erscheint, obwohl es zum Beispiel mit dem Steuerrecht kollidiert?

Huber: Das Richtige ist, was dem Steuerrecht entspricht – unabhängig davon, ob ich selber mir ein anderes Steuerrecht wünsche. Richtig heißt ja in der Ethik das, was für alle gelten kann. Und es kann nicht für alle gelten, dass sich jeder seinen eigenen Umgang mit dem Steuerrecht zurechtlegt. Ich halte es vielleicht nicht für gut, dass ich diese Steuern zahlen muss. Aber trotzdem ist es richtig, dass ich sie bezahle. Hier zeigen sich die praktischen Folgen aus der Unterscheidung zwischen Richtig und Gut: zwischen dem, was für alle gilt, und dem, was ich für mich selber als gutes, gelingendes Leben ansehe.

ZEIT: Warum ist das Richtige nicht identisch mit dem Guten?

Huber: Die Frage nach dem Richtigen ist die Frage nach der Moral und betrifft alle. Das Gute dagegen betrifft mein eigenes Leben. Das nenne ich mit Habermas und Dworkin die Frage nach der Ethik. Auch in einer pluralistischen Gesellschaft brauchen wir einen Bestand an gemeinsamen Antworten: erstens in elementaren Fragen der Moral und zweitens in Form rechtlicher Regelungen. Viele von uns neigen dazu, das, was sie für gut halten, gleichzeitig für richtig zu erklären und die Rechtsordnung aufzufordern, das für alle verbindlich umzusetzen.

ZEIT: Bitte ein konkretes Beispiel!

Huber: Diejenigen, die meinen, dass nur Heterosexualität dem guten Leben entspreche, haben erklärt, nur diese sei richtig. Gleichgeschlechtliche Verhaltensweisen wurden deshalb kriminalisiert.

ZEIT: Ist Steuerflucht unmoralisch?

Huber: Natürlich. Man kann nicht die Infrastruktur, den Wohlstand, die Bildungsqualität, die innere Sicherheit eines Landes in Anspruch nehmen und sich gleichzeitig der Pflicht entziehen, durch die eigenen Steuern das Seine beizutragen. Wir sollten jedoch nicht die Tatsache, dass Geld im Ausland angelegt wird, schon als eine Verletzung der Steuerpflicht ansehen. Wir sollten auch nicht so tun, als würden alle Reichen Steuern hinterziehen. Ein genereller Verdacht ist immer unfair.

ZEIT: Könnte es nicht sein, dass der falsche Verdacht einen berechtigten Kern hat – nämlich das Unbehagen darüber, dass Reichtum und Armut nebeneinander existieren? Es wird Reichtum angehäuft in einer Weise, die möglicherweise legal, aber trotzdem falsch ist.

Huber: Die wachsende Kluft zwischen Reichtum und Armut ist erschreckend. Auch Wohlhabende müssen diese Kluft aus der Perspektive der Benachteiligten anschauen und für Änderungen sorgen, die sich am Wohl der Schwachen ausrichten. Doch in die Frage nach der Erfüllung der Steuerpflicht alle Probleme einer gerechten Wohlstandsverteilung reinzupumpen, das finde ich verkehrt. Hier geht es um die Befolgung des bestehenden Rechts. Davon muss man die Frage eines anderen, vielleicht besseren Steuersystems unterscheiden. Und ebenso die Frage, ob der Reichtum gerecht ist, zu dem Menschen gekommen sind.