Für manche reiche Ausländer gibt es unter Schweizer Bankern einen Begriff: Altlasten. Das sind Kunden, die aus mächtigen Staaten wie Deutschland oder den USA stammen, ein Konto in Zürich oder Genf besitzen und es vor dem heimischen Fiskus verheimlicht haben. Noch vor etwa fünf Jahren wurden solche Kunden von den Bankern sehr geschätzt, sie waren pflegeleicht und zahlten deftige Gebühren. Aber im Jahr 2013 sind sie Altlasten, die man "bereinigen" muss.

Seit rund drei Jahren gibt es auf dem Schweizer Finanzplatz ein weiteres Wort: Weißgeldstrategie. Es besagt, dass die helvetischen Banken nur noch sauber versteuerte Gelder verwalten wollen. Dieser Wunsch ist inzwischen offizielle Politik der Regierung in Bern, allein die Umsetzung fällt schwer. Denn da sind die besagten Altlasten, jene jahre- und jahrzehntealten Kundenbeziehungen in schummrigem Rechtszustand. Mit internationalen Abgeltungssteuer-Abkommen sollte allen geholfen werden. Den Kunden versprach die Idee eine diskrete Legalisierung ihrer Konten, den Nachbarstaaten erkleckliche Einnahmen, wobei sich die Schweizer Banken als Hilfssteuereintreiber anboten. Doch das Projekt ist gescheitert, wie inzwischen klar wurde. Einzig Großbritannien und Österreich ließen sich auf den Deal ein, Griechenland soll ein Interesse angemeldet haben. Der Schweizer Plan, mit Abgeltungsmilliarden den politischen Druck hin zu einem europaweiten automatischen Informationsaustausch abzufedern, ging nicht auf.

Seit die SPD-geführten Bundesländer den Vertrag zwischen der Schweiz und der Bundesrepublik platzen ließen, strömen die Gelder auch so zurück: Rechtsberater, die sich auf die Betreuung anzeigewilliger Klienten spezialisiert haben, berichten einhellig von einem wachsenden Arbeitsanfall in den letzten Wochen und Monaten. "Wir erleben jetzt die größte Selbstanzeigewelle aller Zeiten", berichtet Jan Olaf Leisner, Fachanwalt für Steuerrecht in München, Zürich und Frankfurt. "Wir spüren, dass sich jetzt mehr Leute selber anzeigen wollen", meldet Gerd Kostrzewa; er ist Partner bei Heuking Kühn Lüer Wojtek, einer ebenfalls auf Steuerprobleme spezialisierten Kanzlei in Deutschland und der Schweiz. "Wir allein haben Hunderte Mandanten, die eine Bereinigung suchen."

Die SPD mag sich also bestätigt fühlen, allerdings hat sie einen ungewohnten Alliierten: die Schweizer Banken. Nachdem sie die deutschen Kunden seit Start der Weißgeldstrategie gebeten, ermuntert und ermahnt hatten, doch ihre Depots bitte dem Fiskus zu melden, wurden sie seit Beginn dieses Jahres deutlicher. Credit Suisse, UBS, Zürcher Kantonalbank oder Julius Bär, die größte Privatbank der Schweiz: Sie alle stellten in Kundenbriefen und öffentlichen Statements klar, dass die ausländischen Kunden ihre Situation rasch bereinigen müssen. "Wir sind jetzt konsequent", formuliert es ein Sprecher von Credit Suisse. Und die Zürcher Kantonalbank, viertgrößtes Finanzinstitut im Alpenland, teilt mit: "Wo sich die Zweifel an der Steuerkonformität nicht ausräumen lassen, wird sich die Bank von diesen Kunden trennen."

Selbstanzeige oder Rauswurf: Das Dilemma treibt nun die Reuigen über den Rhein. "Es ist der Hauptaspekt", berichtet beispielsweise Anwalt Kostrzewa nach unzähligen Gesprächen mit Mandanten. "Ich denke, in zwei Jahren ist das alles bereinigt." Steuerjurist Leisner kalkuliert ähnlich: "Ende 2015 wird in der Schweiz kein unversteuerter deutscher Euro mehr liegen."

Zur neuen Entschlossenheit der Banken mag beigetragen haben, dass 2012 allen namhaften Schweizer Häusern reichlich Geld zufloss; Europas Schuldenkrise erinnerte viele Bürger daran, dass die Schweiz, auch wenn sie keine Schwarzgeldinsel mehr sein will, wohl immer noch als sicherer Hafen taugt. Und so deuten nicht mehr nur die Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf und eine wachsende Zahl Schweizer Politiker, sondern auch mehrere Banker an, dass das Land des Bankgeheimnisses ja auch mit dem automatischen Informationsaustausch leben könnte. Unter gewissen Bedingungen. Sofern das internationaler Standard würde.

Die unversteuerten Gelder liegen noch da. Dahinter stehen, wie die Steuerberater und Anwälte, Steuerfahnder und Finanzämter jetzt erfahren, in der großen Mehrheit ältere Leute, oft selbstständig, die einen Notgroschen im Ausland lagern wollten, ein Konto erbten, vielleicht eine Immobilie im Tessin verkauft hatten und das Geld dann still und leise liegen ließen. "Was wir kaum antreffen, sind die aggressiven internationalen Steuerhinterziehungsstrukturen, bei denen die Schweiz nur eine Zwischenstation bildet", berichtet Daniel Holenstein von der internationalen Steuerberatungskanzlei Flick Gocke Schaumburg.