Tief im Sauerland, wo die Wälder dunkel und die Hügel zahlreich sind, sorgt die Deutsche Telekom für die Besamung von Milchkühen.

Es klingt einigermaßen verrückt: Aber ohne den Bonner Konzern, der vor allem für seine Service-Hotlines und Prepaid-Handys bekannt ist, würden die Milchkühe auf dem Hof von Bauer Josef Schreiber heute nicht mehr trächtig werden. Sie würden keine Kälber mehr gebären. Und sie würden auch keine Milch mehr geben, aus der dann Joghurt oder Käse werden könnte. Das alles würde nicht passieren ohne die Deutsche Telekom.

Kaum zu glauben. Ist aber so.

Man muss sich bloß von der naiven Vorstellung verabschieden, dass Kühe und Bullen auf einer grünen Weide miteinander Sex haben. Das ist die Ausnahme. Wie die allermeisten Kühe haben auch die von Josef Schreiber noch nie einen Bullen aus der Nähe gesehen. Stattdessen sehen sie den Tierarzt oder einen Besamungstechniker, der regelmäßig mit einer Spritze voller Bullensperma anrückt. So läuft das heute für die Milchkuh. Ihr Leben ist verplant, berechnet und getaktet, noch bevor sie selbst geboren wurde. Viehwirtschaft ist Wirtschaft mit Vieh, sie ist den gleichen ökonomischen Zwängen unterworfen wie die Produktion von Autoreifen, Kühlschränken oder Gartenmöbeln. Erst wurde die Nahrungskette industrialisiert – jetzt wird sie digitalisiert.

Und so geht es mit jeder technischen Neuerung auch im Kuhstall noch ein wenig moderner, effizienter und innovativer zu. Besamungsmanagement basiert mittlerweile auf Hochtechnologie. Deshalb ist die Telekom mit Josef Schreiber im Geschäft.

Der 51-Jährige ist ein typischer mittelständischer Milchbauer. Wenn seine Arbeitszeit es zulässt, macht er auf Kreisebene etwas Verbandsarbeit für die Landwirtschaft. Schreibers Vorfahren lebten schon immer in Medebach, einer kleinen Stadt im Hochsauerland, nahe der hessischen Grenze. Die nächsten größeren Orte heißen Korbach und Winterberg. Am Nordrand von Medebach, an einer schmalen Straße, liegt Schreibers Hof. Dort stehen auch seine Kühe, 80 sind es, fast alle schwarzbunt. Namen haben Schreibers Kühe nicht, sie haben Halsbänder mit Nummern drauf. Um halb sieben in der Früh werden sie gemolken und abends um halb sechs ein zweites Mal.

Nachmittags werden sie gefüttert. So wie jetzt. Dann stecken sie ihre Köpfe durch die Metallstäbe des Gatters, fressen ihr Futter vom Boden, käuen wieder und wirken zufrieden. Vor ihnen steht Josef Schreiber in grünen Gummistiefeln.

"Was wollen Sie denn jetzt genau wissen?", fragt er mit einer Distanz, die ein Sauerländer jedem Fremden gegenüber einnimmt. Na, was Ihre Kühe denn mit der Telekom zu tun haben. "Ja", sagt Schreiber, "also." Und dann erzählt er, wie das heute so funktioniert auf dem Land.

Großstädter ohne Bauernhoferfahrungen sind nach so einem Gespräch zwar komplett desillusioniert, haben aber viel gelernt: über falsche Vorstellungen, über die Herstellung von Lebensmitteln und über Nutztiere allgemein. Dass Kühe und Bullen heute keinen Sex mehr haben dürfen, ist ja noch nachvollziehbar. Aus Sicht des Bauern wäre das nämlich recht umständlich. Außerdem wäre das, ökonomisch gesehen, gefährlich, denn die wertvollen Tiere könnten sich dabei verletzen. Alles logisch.

Aber diese Logik hat gewaltige Konsequenzen.

"Da, sehen Sie!", ruft Schreiber und deutet auf die Kuh mit Halsband Nummer 17, die auffällig oft ihren Kopf hebt und versucht, über die Rücken ihrer Artgenossen zu blicken. An solchen untypischen Bewegungsmustern kann der Bauer erkennen, dass eine Kuh paarungsbereit ist. "Wahrscheinlich ist sie bald dran", sagt Schreiber.

Er kramt sein Mobiltelefon aus der Hosentasche und überprüft das Postfach auf neue Kurznachrichten. Doch nein, nichts, Kuh Nummer 17 ist noch nicht "dran". Wäre sie dran, also reif für die Samenspritze, hätte die Software das längst registriert und gemeldet. "Brunstalarm" lautet die erste von zwei Warnstufen. Sobald die Kuh wirklich empfangsbereit ist, folgt "Brunst bestätigt". Zeitgleich wäre der Tierarzt alarmiert worden, er hätte das Bullensperma in den Kofferraum seines Wagens geladen und käme zum Hof gefahren. Egal zu welcher Uhrzeit, egal bei welchem Wetter. Wenn die Kuh ihren fruchtbaren Moment hat, muss es schnell gehen. Sonst schließt sich das Besamungszeitfenster wieder.

Vor einem Jahr war das alles noch ganz anders. Da musste sich Josef Schreiber allein auf seine Erfahrung verlassen, und selbst das reichte bisweilen nicht aus.

Aus Sicht der Telekom ist funkendes Milchvieh ein vielversprechendes Geschäft

Paarungsbereite Kühe verhalten sich zwar so auffällig, dass man es sehen kann. "Aber das habe ich oft gar nicht mitbekommen", sagt Schreiber. Schließlich könne er nicht alle seine Kühe rund um die Uhr beobachten. Auch ein Bauer muss mal schlafen, Papierkram erledigen oder irgendetwas am Hof werkeln. Also hat Schreiber die fruchtbaren Momente seiner Tiere früher oft einfach verpasst. Das war Pech und teuer obendrein. Dann musste er nämlich rund drei Wochen lang auf den nächsten fruchtbaren Moment warten. So lange dauert der Zyklus einer Kuh. Ökonomisch betrachtet, bedeutet eine nicht tragende Kuh in dieser Zeit totes Kapital. "Einen Zyklus zu verpassen kostet mich etwa 150 Euro", sagt Schreiber. Wer von seiner Kuh möglichst viel Milch haben will, muss sie möglichst oft besamen lassen und zum Kalben bringen. Ohne Kalb keine Milch. Eine optimal besamte Kuh bekomme jedes Jahr ein Kalb und gebe dann an 305 von 365 Tagen Milch, sagt Schreiber. Hat er ausgerechnet. Milch ist Geld.

Besamungen schlugen früher oft fehl. Knapp vier Versuche habe es im Schnitt gebraucht, bis eine Kuh wirklich trächtig wurde, erklärt Schreiber. Noch mehr totes Kapital. Und außerdem: Viermal den Tierarzt holen und viermal Sperma auf der Rechnung. Letzteres bezieht Schreiber bei World Wide Sires Ltd. Der amerikanische Konzern zählt zu den großen globalen Anbietern von Bullensperma. Eine Portion in Standardqualität kostet an die 30 Euro.

Für sich genommen, sind das alles nur Kleinbeträge. Doch weil es Milchbauern mit mächtigen Handelsketten und preissensiblen Verbrauchern zu tun haben, summieren sich diese irgendwann zu echten finanziellen Problemen. Schreiber kennt das. Es geht ihm gut, aber ist kein reicher Mann.

Im vergangenen Frühjahr berichtete ihm eine Bekannte von einem neuen Gerät, so groß wie ein Transistorradio, mit blauer Front und gelben Knöpfen und obendrauf zwei Antennen, wetterfest verpackt. Bald darauf hing so eines in Schreibers Kuhstall an der Wand. Das Heatphone stammt von der französischen Firma Medria und ist ein Brunsterkennungs- und -meldesystem.

Jetzt hängt auch das Milchvieh am weltweiten Datennetz

Seitdem tragen Schreibers Kühe ein Halsband mit eingebautem Beschleunigungssensor und einem kleinen Funksender. Dieser überträgt die Bewegungsdaten der Kühe an das Heatphone, von wo aus sie über das Mobilfunknetz der Deutschen Telekom nach Frankreich gesendet werden. Dort landen sie in einem Rechenzentrum, in der die Bewegungs- und Fruchtbarkeitsdaten von Millionen von Kühen auf der ganzen Welt gespeichert sind, nach Rassen getrennt und minutiös aufgeschlüsselt.

Diese Daten erinnern, auf dem Monitor dargestellt, an eine von einem Seismografen gezeichnete Kurve. So wie Geologen anhand der Erschütterungen die Wahrscheinlichkeit von Erdbeben abschätzen können, errechnen die Computer von Medria, ob Kuh Nummer 17 in Medebach im Sauerland ihren Kopf einfach bloß so hebt – oder ob sie brünstig ist und der Besamungsfachmann anrücken sollte.

Es dauert bloß Sekunden, das zu berechnen und Bauer Schreiber sowie den Tierarzt zu informieren. Die Diagnosen der Maschine sind dermaßen zuverlässig, dass die Erfolgsquote drastisch gestiegen ist. Statt wie zuvor nach vier Besamungen seien die Kühe jetzt rechnerisch jetzt nach 1,3 Versuchen trächtig, sagt Schreiber. Das spare viel Geld. Die Investitionskosten für das Gerät und den Mobilfunkvertrag hat er längst wieder reingeholt. Medria und die Deutsche Telekom haben kürzlich eine Vertriebspartnerschaft geschlossen und werben offensiv bei Landwirten. Zurzeit rüsten die beiden Unternehmen 5.000 Bauernhöfe in ganz Europa mit dem System aus.

Jetzt hängen also auch Kühe am weltweiten Datennetz. Aus Sicht der Telekom ist funkendes Milchvieh ein vielversprechendes Geschäft. Machine-to-Machine Communication nennen das Fachleute, kurz M2M. Das nächste große Ding in der Mobilfunkbranche setzt eine konsequente Entmenschlichung fort. Anfangs haben ja noch Menschen miteinander telefoniert – also direkt mit anderen Menschen gesprochen. Dann begannen sie, mit ihrem Smartphones im Internet zu surfen, kommunizierten also hauptsächlich mit Maschinen. Bei M2M, der nächsten Entwicklungsstufe, werden die Menschen komplett überflüssig. Jetzt kommunizieren Maschinen bloß noch untereinander: Der Brunstberechnungscomputer in einem französischen Rechenzentrum und die Milchmaschinen im Stall von Bauer Schreiber – Kühe sind in dieser Logik nichts anderes als Maschinen.

Landwirtschaft ist mehr "Matrix" als Bullerbü

Der Mensch kommt erst ins Spiel, wenn die Computer nicht mehr weiterwissen. Dann rufen sie ihn, um die Kühe zu besamen. Menschliche Arbeitszeit ist kostbar. Sie zu vergeuden wäre ineffizient. "M2M ist ein Wachstumsmarkt, auf den die Telekom setzt. Diese Technologie ermöglicht Anwendungen, die unser Leben einfacher, sicherer, bequemer und auch nachhaltiger machen werden", sagt Jürgen Hase, der das Projekt bei der Telekom mit verantwortet. Was könnte man nicht alles miteinander kommunizieren lassen: Autos, Parkhäuser, Waschmaschinen, Stromnetze. Und natürlich Kühe. Diesen riesigen neuen Wachstumsmarkt, sagt Hase, "erschließen wir mit unseren Lösungen und Diensten, und zwar weltweit". Also auch im Sauerland. In Medebach.

Lässt die Fruchtbarkeit der Tiere nach, muss der Bauer technisch aufrüsten

Zum Glück für Josef Schreiber, muss man sagen, denn er profitiert davon. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Er hat keine Wahl. Schreiber muss seine Kühe von Computern überwachen lassen. Sonst hat er bald womöglich keine mehr.

Die Lage ist ernst. Seit Jahrzehnten verschlechtert sich die Fruchtbarkeit von Kühen. Die Zeitspanne innerhalb eines Zyklus, während der sie überhaupt noch erfolgreich besamt werden könnten, werde immer kürzer, hat Schreiber beobachtet. "Vor 20 Jahren hatten wir dafür noch zwischen 16 und 18 Stunden Zeit, heute bleiben uns bloß sechs bis acht Stunden." In der wissenschaftlichen Literatur sind weitere Fruchtbarkeitsstörungen dokumentiert. Letztlich wird es mit jeder neuen Generation von Kühen ein klein wenig schwieriger, die Tiere erfolgreich zu besamen. Und ohne Besamung kein Kalb. Ohne Kalb keine Milch. Und keine neuen Kühe.

Das ist schlecht für einen Milchbauern.

Schreiber macht Umwelteinflüsse für die Probleme verantwortlich, womöglich auch unerwünschte Nebenwirkungen einer Zucht, die seit Jahrzehnten auf maximalen Milchertrag ausgerichtet ist. Genaues wisse er nicht. Schreiber weiß nur, dass er etwas tun muss, wenn er im Geschäft bleiben will. Sinkt die Fruchtbarkeit seiner Tiere weiter, muss er technisch aufrüsten, um die kostbaren Momente nicht ungenutzt verstreichen zu lassen.

Für die Telekom könnte sich die Kälbchenmacherei als Segen erweisen. Wenn die Entwicklung so weitergeht und es zum Schlimmsten kommt, lässt sich der bundesdeutsche Milchkuhbestand ohne die Hilfe eines Telekommunikationskonzerns bald womöglich gar nicht mehr reproduzieren. Zumindest nicht im industriellen Maßstab.

An dieser Stelle offenbart sich die wahre Tragik moderner Lebensmittelproduktion. Getrieben vom Dogma der Effizienz, sind Menschen und ihre Maschinen in einen Wettlauf mit der Natur eingetreten, den sie nicht mehr beenden können. Der Mensch verändert die Natur, und die Natur verändert sich. Dann beginnt das Spiel von vorne.

So gesehen, ist der Beschleunigungssensor am Hals von Kuh Nummer 17 nicht das Ende einer Entwicklung. Er ist eher der Anfang.

Bauer Schreiber könnte seine Milchkühe schon heute viel weiter aufrüsten, mit Produkten von Medria oder anderen Firmen. Möglich wäre das. Bislang hat er es nur noch nicht getan.

Einer hochträchtigen Kuh könnte er einen Sensor einsetzen, um die Kalbung zu überwachen.

In den Mägen frisch geborener Kälber könnte Schreiber spezielle Detektoren platzieren; sie würden eine beginnende Lungenentzündung bis zu fünf Tage früher erkennen als der Bauer selber.

Um seine Herde genetisch zu optimieren, könnte Schreiber ferner auf die Dienste von Embrytransferkühen zurückgreifen. Das funktioniert wie eine Leihmutterschaft: Eizellen von Hochleistungskühen werden mit dem Sperma von Hochleistungsbullen befruchtet und später normalen Kühen eingesetzt. Diese tragen daraufhin Kälber aus, die nicht die ihren sind, aber definierten Zuchtzielen entsprechen.

Schreiber könnte das machen. Alles kein Problem. Alles am Markt zu haben. Milch ist Geld.

So sieht die Zukunft industrieller Vieh- und Landwirtschaft aus. Sie ist nicht unbedingt schlechter als die Vergangenheit – bloß anders, als Laien sich das üblicherweise vorstellen. Sie bindet Bauern und ihre Tiere mehr und mehr in die Logik von Maschinen ein und macht sie auf diese Weise selbst zu Bestandteilen einer weitaus größeren Maschine. Anders gesagt: Landwirtschaft ist mehr Matrix als Bullerbü.

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