Einheit mit vielen Haken – Seite 1

Im Deutschland des Jahres 2013 ist die Einheit ein Verdienst des Kormorans. Der Kormoran ist ein prächtiger Vogel mit schwarzem Gefieder, der sich Fische tauchend erbeutet. Die westdeutschen Angler mögen ihn nicht, die ostdeutschen mögen ihn auch nicht. Und das ist eine ihrer wenigen Gemeinsamkeiten. "Beide haben wir den Kormoran zum Schießen gern", sagt Peter Mohnert.

Beide – das sind er, der Chef des Anglerverbands West, und Günter Markstein, der Chef des Anglerverbands Ost. Der eine, Mohnert, ist Präsident des Verbands Deutscher Sportfischer (VDSF), der andere, Markstein, Präsident des Deutschen Anglerverbands (DAV). Diese Männer sind die Hauptfiguren in einem der letzten deutschen Einheitsmärchen.

Die deutschen Angler vereinen sich, nicht nur im Kampf gegen den Kormoran, der ihrer Ansicht nach zu viel Fisch wegfrisst: Zwei Dachverbände werden zu einem. Das Vereinsregister muss die Verschmelzung in den kommenden Monaten nur noch bestätigen.

Annähernd 23 Jahre nach der großen deutschen Wiedervereinigung nun also die Einheit im Kleinen. Das klingt nach einer drollig-guten Nachricht aus der fernen Welt der Fischer, die doch angeblich in aller Seelenruhe am Wasser hocken und die Dinge gemächlich angehen lassen, auch die Wiedervereinigung.

Aber dieses Märchen hat mehr als einen Haken. Die Fusion der Angler ist eher Krampf als Kampf. Ihr Zustandekommen offenbart, was im Deutschland der Nachwendezeit so schief gehen konnte. Und dass den vereinigten Anglern die schwierigsten Monate noch bevorstehen, kann jeder ausrechnen: Der neue, vereinigte Dachverband nämlich, der Deutsche Angelfischerverband (DAFV), wird wahrscheinlich etwa 608.000 Mitglieder haben. Nur: Der West-Verband allein hatte bislang 652.000, also 40.000 mehr. Ost plus West ergibt ein Minus?

Fusionieren wollte man nicht

Wer das verstehen will, der kann zum Beispiel mit ebenjenem Peter Mohnert sprechen. Mohnert führt zwar den Verband der West-Angler, aber er ist ein Ostdeutscher. Er lebt in Naunhof bei Leipzig und sieht an einem der ersten sonnigen Frühlingstage des Jahres schon ziemlich braun gebrannt aus. Mohnert sagt, er habe einst mit dem Fischen begonnen, weil er in der Nachkriegszeit so oft Hunger hatte. Heute ist er extra von Naunhof nach Dresden gefahren, an die Elbe, weil er es dort so schön findet. Dies ist die passende Atmosphäre, um das Glück der Angler-Einheit zu erklären.

Auf dem Fluss müht sich ein Entenpaar die Strömung hinauf, der 70-Jährige steckt die Hände hinter dem schon etwas krummen Rücken in den Gürtel, später holt er Decken aus dem Kofferraum. Eben hat Mohnert noch erklärt, dass er eigentlich keine Interviews gebe. "Ich glaube, dass man Ideen in einem Verband durchsetzen muss", sagt er, und das soll wohl so viel heißen wie: Ich rede nur intern. Aber dann gesteht er doch ein: "Man hat mir vorgeworfen, dass ich nicht ein einziges Mal gesagt hätte, was ich will." Mohnert ist einer, der lieber macht, statt zu reden; der seinen Willen durchsetzt, ohne zuvor andere davon zu überzeugen, was er will. Wie damals, nach dem Mauerfall.

Da war der westdeutsche Anglerverband auf den ostdeutschen zugekommen. Ob man sich nicht auch vereinen wolle? Man wollte nicht. Die Gründe dafür sind heute schwer zu rekonstruieren. Mochten sich die Verbandschefs einfach nicht? Hatte man schlicht anderes zu regeln als die Angler-Einheit? Waren die DDR-Bürger schon skeptisch geworden angesichts der Übernahmelust der alten Bundesrepublik? Mohnert jedenfalls gehörte damals noch zum Anglerverband Ost und wollte die Fusion unbedingt. Weil die anderen nicht mitmachten, trat er aus und in den VDSF ein.

"Wir wollten die Tür aufmachen und uns in den Armen liegen"

Hier beginnt die erste von drei Phasen der Angler-Einheit: der gegenseitige Landraub. Der westdeutsche VDSF versuchte nämlich, die einzelnen Ost-Bezirke zu erobern. Wenn schon keine große Einheit, dann eine langsame Okkupation. Nachdem sich die Ostdeutschen der Freundschaft verwehrt hatten, probte man die feindliche Übernahme. Prompt wurden die West-Angler intern zu Feinden erklärt – so erzählt es ein Landespräsident heute. In Mecklenburg-Vorpommern und in Teilen Thüringens allerdings gelang die Übernahme; dort dominiert heute der VDSF, dessen Zentrale im hessischen Offenbach liegt. Im Gegenzug gründeten Ost-Angler auch in allen westdeutschen Bundesländern eigene, zum Teil winzige Landesverbände. So entstand eine irrsinnige Doppelstruktur, die bis heute existiert.

Mohnert wurde 1991 zum Vizepräsidenten und 2002 zum Präsidenten des VDSF gewählt. "Ich war stolz, dass sie den Mut hatten, einen Ostdeutschen an die Spitze eines westdeutschen Verbands zu wählen", sagt er. Genauer gesagt: einen Ostdeutschen an die Spitze eines westdeutschen Verbands, der mit dem ostdeutschen nicht auskommt. Es gibt Kritiker, frühere Verbandskollegen, die Mohnert heute vorwerfen, er habe die Angler-Einheit nie gewollt, er habe ein "massives Demokratiedefizit" geschaffen, er habe Diskussionen unterbunden, sich nie erklärt. Diese Kritiker schreiben Blogs. Mohnert erzählt, einer der "Schreiberlinge" habe ihn mit Hitler und Stalin verglichen und er, Mohnert, klage nun dagegen.

Peter Mohnert – kräftige Statur, graues Haar, buschige Augenbrauen – sitzt auf der Decke am Elbufer. Er spricht mit der Stimme eines sanftmütigen Großvaters, der jederzeit streng werden kann. Und mit der Ernsthaftigkeit eines Staatsmannes. Es ist ein sehr gewagter Vergleich, aber Mohnert könnte ihn doch angemessen finden: Wenn man Sie schon mit einem Politiker vergleicht, Herr Mohnert, müsste es dann nicht Helmut Kohl sein? Kohl war doch auch so ein Macher, auch so ein Vater der Einheit?

Im Nachbarsaal warteten die Ostdeutschen

Mohnert wehrt den Kohl-Vergleich freundlich ab. Die Initiative zur Vereinigung sei doch aus den Ländern gekommen, aus Mecklenburg-Vorpommern und aus Brandenburg.

Im vergangenen Jahr begann Phase zwei des Einheitsirrsinns der Angler: die gescheiterte Abstimmung. Einige Landesverbände versuchten, eine Fusion zu erzwingen. Sie schrieben einen offenen Brief an die beiden Präsidenten, sie drohten auch mit Austritt. Verschmelzungspapiere wurden aufgesetzt, es sollte nun plötzlich ganz schnell gehen. Einige Landesverbände waren es leid, dass die Angler in der Öffentlichkeit nie mit einer Stimme sprachen, dass sie ihre politischen Ziele nicht durchsetzen konnten. Mohnert ließ für den 17. November 2012 in Berlin ein Hotel mit zwei großen Tagungsräumen suchen. In dem einen quartierte sich sein Verband ein, in dem anderen der Ost-Verband. Beide mussten sie nur noch mit Ja stimmen: Ja zur Einheit.

Mohnert kaufte extra einen Blumenstrauß. Alle Blumensorten, die aufzutreiben waren, ließ er zusammenbinden. Der Strauß lag griffbereit für Christel Happach-Kasan (FDP), die designierte Chefin des neuen, des vereinigten Verbands. Happach-Kasan ist Botanikerin, Mohnert wollte ihr etwas bieten. 75 Prozent der Stimmen brauchte er für die Fusion. Im Nachbarsaal warteten die Ostdeutschen. "Wir wollten die Tür aufmachen und uns in den Armen liegen", sagt Günter Markstein, der Ost-Chef. Doch dann fehlten zwei Stimmen.

Die Einheit war – vorerst – gescheitert. Mohnert griff zum Blumenstrauß, überreichte ihn Happach-Kasan trotzdem und bat sie, die Sache nicht persönlich zu nehmen.

Einheit vollendet?

Heute kursiert die Erklärung, die Ostdeutschen seien verantwortlich gewesen für das Nein der Westdeutschen zur Einheit. Denn sie hätten darauf bestanden, im neuen Verbandspräsidium garantierte Plätze zu bekommen, also nicht gewählt werden zu müssen. Später ließen sie sich davon wieder abbringen. Im März diesen Jahres wurde noch einmal abgestimmt – diesmal erfolgreich. Einheit vollendet. Oder?

Wer Mohnert reden hört, der könnte glauben: Alles, was die Angler trennt, sind Befindlichkeiten, irrationale Ängste, Missverständnisse eben. Rationale Gründe für die andauernde Teilung nennt er kaum.

Günter Markstein fällt da schon mehr ein. Der 72-Jährige aus Parchim ist Präsident des DAV, also Chef der Angler Ost. Der größte Fang, der ihm jemals gelang, war ein Dorsch; 22,4 Kilogramm schwer. In der Kategorie hat er Peter Mohnert, den Chef der Angler West, schon mal hinter sich gelassen – dessen größter je gefangener Fisch, ebenfalls ein Dorsch, wog "nur" 19,2 Kilogramm.

Die Probleme bei der Vereinigung, sagt Markstein, rührten von den unterschiedlichen Verbandsstrukturen her. Andere sprechen gar von zwei gegensätzlichen Philosophien. Vereinfacht: Die Angler Ost sind zentralistisch organisiert. Hier besitzen die Landesverbände die meisten Gewässer, hier darf ein Angler unkompliziert an mehreren Seen fischen. Anders bei den Anglern West, hier gehören die Gewässer zu großen Teilen den kleinen Vereinen. Jeder sorgt sich um seinen eigenen See. Die Abgabe an den Landesverband ist deshalb geringer als im Osten, aber das wird sich ändern: Im neuen Verband werden bald auch die Sachsen oder etwa die Brandenburger den geringeren Beitrag zahlen.

"Das Thema Fisch hat im Bundestag eine nicht so große Bedeutung"

Daran wiederum störten sich zuletzt die Angler in Niedersachsen. Sie führten nun auch Streit übers Geld. Ihr Vorwurf: Beide Dachverbände wirtschaften schlecht. Angeblich wisse noch nicht einmal die neue Präsidentin Happach-Kasan, wie es um die Finanzen der Verbände stehe. Niedersachsen ließ es zur Eskalation kommen – und will dem neuen Dachverband nicht beitreten.

Auch Bayern bockte und kündigte. Bald also sind die deutschen Angler vereinigt – und doch schwächer als zuvor. Weil Niedersachsen und Bayern nicht dabei sein werden.

Angesichts dieser Geschichten stellt sich die Frage, was eigentlich das größere Wunder ist: dass die deutschen Angler so lange getrennt bleiben konnten, auch nach 1989. Oder eher: dass sie überhaupt zueinandergefunden haben. Die Geschichte ihrer Einheit verkommt zu einer Geschichte über die Eitelkeiten im deutschen Föderalismus. Aber eben auch über den Kormoran.

"Wir sind uns beim Kormoran sehr schnell nahegekommen", sagt Günter Markstein. Wie bei den meisten Themen eigentlich. "In den Grundfragen stimmen wir überein, das ist ja das Problem." Die Einheit scheiterte bislang offenbar, weil man sich nicht leiden konnte, obwohl man dieselbe Meinung hatte.

Der Kormoran als Vegetarier

Hier beginnt Phase drei der Einheit: die Hoffnung auf eine gute Lobby. Während die deutschen Angler jahrelang damit beschäftigt waren, Einheitsverhandlungen zu führen und scheitern zu lassen, verloren sie bisweilen aus den Augen, warum es überhaupt Dachverbände gibt: um Einfluss zu nehmen auf die Politik, auf die Gesetzgebung. Um sich etwa gegen die so genannte Kleinwasserkraft starkzumachen, weil in den Turbinen der kleinen Wasserkraftwerke so viele Fische zu Tode kommen. Um der Öffentlichkeit zu beweisen, was man eigentlich für die Umwelt tue; dass man zum Beispiel Gewässer pflege. Und um sich gegen die eigenen "Gegner" zu wehren. Streit gibt es zum Beispiel immer wieder mit Organisationen wie Peta oder Greenpeace. "Die glauben ja – ich übertreibe jetzt ein bisschen –, dass der Kormoran ein Vegetarier ist", sagt Markstein.

Die neue Chance der Angler hängt nun ausgerechnet an der Zukunft der FDP. Die künftige Präsidentin, Christel Happach-Kasan, ist FDP-Mitglied und Abgeordnete im Bundestag. Mit ihren Kontakten und ihrer Präsenz im Parlament, so hoffen die Angler, lässt sich bessere Lobbyarbeit betreiben. Vorausgesetzt, die FDP schafft es in diesem Herbst wieder in den Bundestag.

Ein Montagvormittag, Happach-Kasan sitzt im Auto, am Abend wird sie den Außenminister des Kosovo treffen; Thema: Europa. Über ihr neues Ehrenamt als Anglerpräsidentin sagt die 63-Jährige, das sei eine "Mammutaufgabe". Auch, weil die Fischer in den mehr als 20 Jahren nach der Wende lieb gewonnene Strukturen ausgebildet hätten, die keiner aufgeben wolle. Kurzum: Sie habe erst einmal genug zu tun damit, den Verband intern zu einigen.

Auch mal gegen den Strom schwimmen

Happach-Kasan ist im östlichen Schleswig-Holstein aufgewachsen. Bis zur innerdeutschen Grenze seien es von dort aus 500 Meter gewesen, erzählt sie. "Die Wiedervereinigung war für mich ein großes Glück", sagt die Politikerin. Und: "Ich wundere mich schon, dass die Angler so lange getrennt geblieben sind, trotz vieler gemeinsamer Interessen."

Es ist eine angemessene Mischung aus Unverständnis und Fachkenntnis, mit der Happach-Kasan ihr Ehrenamt als Anglerpräsidentin antreten wird. Fischen geht sie nicht. "Ich treffe aber auch Entscheidungen zur Milchpolitik, ohne melken zu können", sagt sie.

Überzeugt hat sie die Angler aber wohl mit anderen Argumenten: Sie kommt vom Ratzeburger See. "Da ist das Kormoran-Problem akut gewesen!"

Im Parlament stellte Happach-Kasan schon Anfragen zum Stör, zur Wasserkraft, zum Aal. "Das Thema Fisch hat im Bundestag eine nicht so große Bedeutung", sagt sie. Wahrscheinlich auch, weil die Angler bislang selten mit einer Stimme sprachen. Christel Happach-Kasan will das nun ändern. Sie muss dafür Politik nach Art der Fische machen: Wellen schlagen. Wendig sein. Auch mal gegen den Strom schwimmen.