Hier beginnt die erste von drei Phasen der Angler-Einheit: der gegenseitige Landraub. Der westdeutsche VDSF versuchte nämlich, die einzelnen Ost-Bezirke zu erobern. Wenn schon keine große Einheit, dann eine langsame Okkupation. Nachdem sich die Ostdeutschen der Freundschaft verwehrt hatten, probte man die feindliche Übernahme. Prompt wurden die West-Angler intern zu Feinden erklärt – so erzählt es ein Landespräsident heute. In Mecklenburg-Vorpommern und in Teilen Thüringens allerdings gelang die Übernahme; dort dominiert heute der VDSF, dessen Zentrale im hessischen Offenbach liegt. Im Gegenzug gründeten Ost-Angler auch in allen westdeutschen Bundesländern eigene, zum Teil winzige Landesverbände. So entstand eine irrsinnige Doppelstruktur, die bis heute existiert.

Mohnert wurde 1991 zum Vizepräsidenten und 2002 zum Präsidenten des VDSF gewählt. "Ich war stolz, dass sie den Mut hatten, einen Ostdeutschen an die Spitze eines westdeutschen Verbands zu wählen", sagt er. Genauer gesagt: einen Ostdeutschen an die Spitze eines westdeutschen Verbands, der mit dem ostdeutschen nicht auskommt. Es gibt Kritiker, frühere Verbandskollegen, die Mohnert heute vorwerfen, er habe die Angler-Einheit nie gewollt, er habe ein "massives Demokratiedefizit" geschaffen, er habe Diskussionen unterbunden, sich nie erklärt. Diese Kritiker schreiben Blogs. Mohnert erzählt, einer der "Schreiberlinge" habe ihn mit Hitler und Stalin verglichen und er, Mohnert, klage nun dagegen.

Peter Mohnert – kräftige Statur, graues Haar, buschige Augenbrauen – sitzt auf der Decke am Elbufer. Er spricht mit der Stimme eines sanftmütigen Großvaters, der jederzeit streng werden kann. Und mit der Ernsthaftigkeit eines Staatsmannes. Es ist ein sehr gewagter Vergleich, aber Mohnert könnte ihn doch angemessen finden: Wenn man Sie schon mit einem Politiker vergleicht, Herr Mohnert, müsste es dann nicht Helmut Kohl sein? Kohl war doch auch so ein Macher, auch so ein Vater der Einheit?

Im Nachbarsaal warteten die Ostdeutschen

Mohnert wehrt den Kohl-Vergleich freundlich ab. Die Initiative zur Vereinigung sei doch aus den Ländern gekommen, aus Mecklenburg-Vorpommern und aus Brandenburg.

Im vergangenen Jahr begann Phase zwei des Einheitsirrsinns der Angler: die gescheiterte Abstimmung. Einige Landesverbände versuchten, eine Fusion zu erzwingen. Sie schrieben einen offenen Brief an die beiden Präsidenten, sie drohten auch mit Austritt. Verschmelzungspapiere wurden aufgesetzt, es sollte nun plötzlich ganz schnell gehen. Einige Landesverbände waren es leid, dass die Angler in der Öffentlichkeit nie mit einer Stimme sprachen, dass sie ihre politischen Ziele nicht durchsetzen konnten. Mohnert ließ für den 17. November 2012 in Berlin ein Hotel mit zwei großen Tagungsräumen suchen. In dem einen quartierte sich sein Verband ein, in dem anderen der Ost-Verband. Beide mussten sie nur noch mit Ja stimmen: Ja zur Einheit.

Mohnert kaufte extra einen Blumenstrauß. Alle Blumensorten, die aufzutreiben waren, ließ er zusammenbinden. Der Strauß lag griffbereit für Christel Happach-Kasan (FDP), die designierte Chefin des neuen, des vereinigten Verbands. Happach-Kasan ist Botanikerin, Mohnert wollte ihr etwas bieten. 75 Prozent der Stimmen brauchte er für die Fusion. Im Nachbarsaal warteten die Ostdeutschen. "Wir wollten die Tür aufmachen und uns in den Armen liegen", sagt Günter Markstein, der Ost-Chef. Doch dann fehlten zwei Stimmen.

Die Einheit war – vorerst – gescheitert. Mohnert griff zum Blumenstrauß, überreichte ihn Happach-Kasan trotzdem und bat sie, die Sache nicht persönlich zu nehmen.

Einheit vollendet?

Heute kursiert die Erklärung, die Ostdeutschen seien verantwortlich gewesen für das Nein der Westdeutschen zur Einheit. Denn sie hätten darauf bestanden, im neuen Verbandspräsidium garantierte Plätze zu bekommen, also nicht gewählt werden zu müssen. Später ließen sie sich davon wieder abbringen. Im März diesen Jahres wurde noch einmal abgestimmt – diesmal erfolgreich. Einheit vollendet. Oder?

Wer Mohnert reden hört, der könnte glauben: Alles, was die Angler trennt, sind Befindlichkeiten, irrationale Ängste, Missverständnisse eben. Rationale Gründe für die andauernde Teilung nennt er kaum.

Günter Markstein fällt da schon mehr ein. Der 72-Jährige aus Parchim ist Präsident des DAV, also Chef der Angler Ost. Der größte Fang, der ihm jemals gelang, war ein Dorsch; 22,4 Kilogramm schwer. In der Kategorie hat er Peter Mohnert, den Chef der Angler West, schon mal hinter sich gelassen – dessen größter je gefangener Fisch, ebenfalls ein Dorsch, wog "nur" 19,2 Kilogramm.

Die Probleme bei der Vereinigung, sagt Markstein, rührten von den unterschiedlichen Verbandsstrukturen her. Andere sprechen gar von zwei gegensätzlichen Philosophien. Vereinfacht: Die Angler Ost sind zentralistisch organisiert. Hier besitzen die Landesverbände die meisten Gewässer, hier darf ein Angler unkompliziert an mehreren Seen fischen. Anders bei den Anglern West, hier gehören die Gewässer zu großen Teilen den kleinen Vereinen. Jeder sorgt sich um seinen eigenen See. Die Abgabe an den Landesverband ist deshalb geringer als im Osten, aber das wird sich ändern: Im neuen Verband werden bald auch die Sachsen oder etwa die Brandenburger den geringeren Beitrag zahlen.