Die Helden von Ernst Jüngers Werken sind einsame Streiter. Sie kämpfen auf verlorenem Posten, und wenn sie nicht gestorben sind, dann hechten sie als Stoßtruppführer Granaten schleudernd durch Schützengräben, flüchten als Solitäre in die afrikanische Wüste, bereiten den Waldgang vor oder suchen sich ein anderes Reservat, in dem sie das Dasein eines "Anarchen" führen können. Jüngers Helden wollen vor allem eines sein: unabhängig, ungebunden, im Blick auf die Welt wie auf sich selbst frei von allen Bindungen und Blendungen der Gesellschaft. Bis in den Erzählgestus und die Stilhaltung hinein kultiviert Ernst Jünger den kühlen Blick des einsamen Beobachters. Zu seinen Lieblingsfiguren gehören außerirdische Gestalten wie der "Mann im Mond" oder sehr irdische Figuren wie der Landstreicher, über den es 1930 im Sizilischen Brief heißt: "An verfallene Zäune und Kreuzwegpfähle sind Zeichen gekritzelt, an denen der Bürger achtlos vorübergeht. Aber der Landstreicher hat Augen für sie, er ist ihrer kundig, sie sind ihm Schlüssel, in denen sich das Wesen einer ganzen Landschaft offenbart, ihre Gefahren und ihre Sicherheit."

Es gibt eine bedeutende Ausnahme von dieser Sucht nach Einsamkeit: die Marmorklippen. In jenem Roman von 1939, in dem Ernst Jünger glaubte, die schrecklichsten Seiten der Naziherrschaft visioniert zu haben, spielen zwei Brüder die Hauptrolle. Gemeinsam beobachten sie, wie sich eine historische Wetterlage dreht. Zunächst sind es nur Gerüchte, die die Stimmung verändern; dann kursieren Meldungen von Gräueltaten; und schließlich bricht jene offene Gewaltherrschaft aus, die ihr bedrückendes Bild in der "Schinderhütte" von "Köppelsbleek" gefunden hat – sehr schnell haben die Leser im "Dritten Reich" den Namen in "Göbbelsbleek" übersetzt. Der Roman – und dies ist seine literarische Leistung – stellt die schleichende Auflösung einer politischen Kultur dar. Die Geschwister deuten die Vorzeichen und verstehen dann, wie sich die Grundlagen einer Gesellschaft zersetzen und aus Propaganda Wirklichkeit wird. Der autobiografische Bezug liegt auf der Hand: Mit seinem jüngeren Bruder Friedrich Georg hat Ernst Jünger die Karriere des historisch wahren "Oberförsters" scharfsichtig beobachtet. Beide ziehen daraus ihr Fazit: der Ältere 1932 in der großen Analyse des Arbeiters , der Jüngere in seiner Studie über die Perfektion der Technik, die kurz danach entsteht, aber erst 1946 erscheint und dann verdeckt in der Philosophie Martin Heideggers ihre Wirksamkeit entfaltet.

Jörg Magenau widmet diesem Brüderpaar eine längst überfällige Darstellung. Mit großem Gespür für prägnante Situationen bereitet er die Doppelbiografie der Jünger-Brüder szenisch auf. Er hat deren Briefwechsel ebenso ausgewertet wie die Tagebücher Friedrich Georgs – beides ist noch unpubliziert. Es gibt kluge Bücher über Ernst Jünger, nur wenige über Friedrich Georg; mit Helmuth Kiesels und Heimo Schwilks Jünger-Biografien liegen Standardwerke zum Lebenslauf von Ernst vor. Dass Friedrich Georg einen solchen intellektuellen und schriftstellerischen Aufwand ebenfalls verdient hätte, darf bezweifelt werden. Magenau jedenfalls hat sehr klug disponiert und trifft den richtigen Ton. Vor allem bleibt er stets so klar, dass das Hin-und-her-Geraune der beiden Jüngers, ihr Schwelgen in kosmischen Dimensionen und ihr Gemurmel von mythischen Beziehungen keinen Überdruss erzeugt, sondern jene eigentümliche Mischung aus Faszination und Irritation.

Es gibt ein Muster in dieser Brüderbiografie: Ernst Jünger marschiert voran, Friedrich Georg folgt. Der Ältere befindet sich an vorderster Front, der Jüngere sehnt sich dorthin. Auch "Fritz" wollte ein Kriegsheld des Ersten Weltkriegs werden und tollkühne Geschichten erleben. Die angeberischen Briefe und Tagebuchkladden seines Bruders lockten ihn ins Mahlwerk der Schlachtfelder. Aber eine gegnerische Kugel machte ihn zum Kriegsveteranen, bevor er sein Gewehr auch nur ein Mal abfeuern konnte. Zur Kompensation nahm er die Weimarer Republik unter Beschuss. Nur hier gelang es ihm, die Führung zu übernehmen: Gegen Demokratie und Republik ätzte und geiferte Friedrich Georg noch unbarmherziger als Ernst. "Der eine", so Magenau, "wird in der Nachkriegszeit vom Stolz angetrieben, der andere von seinem Minderwertigkeitsgefühl." Gemeinsam trieben sie sich in den Kreisen der ultrarechten Republikgegner herum, durchzechten die Nächte, zerschlugen in antibürgerlicher Laune das Mobiliar und grölten die Spießer aus ihrer Nachtruhe. Gern griff man nach dem Freibad zum Revolver und feuerte in der Heide auf einen imaginären Gegner.

Bis ins Alter liebte Friedrich Georg den geregelten, ungefährlichen Exzess – die Fastnachtsfeste bei ihm am Bodensee waren legendär. Ernst Jünger hingegen bewahrte sich sein Leben lang die Freude am Herumballern; er "blieb immer das Kind, das er war" (Magenau). In seinen Wilflinger Erinnerungen erzählt Heinz Ludwig Arnold, der Jünger für einige Zeit assistierte, wie er mit dem "Chef" regelmäßig in einen Steinbruch geht, Lagerfeuer macht oder Steine auf Felswände schleudert, bis Brocken herabstürzen. Jünger berichtet einmal stolz über einen besonders widerständigen Felsklotz: "Vorgestern, am Sonnabend, wurde der Koloß von Wilflingen gefällt." Der eigentümliche Pennälerhumor gehört zu dieser Jahrhundertfigur. Und so schenkt uns der "Secretarius" wichtige Einblicke in deren Alltagsleben (Heinz Ludwig Arnold: Wilflinger Erinnerungen. Mit Briefen von Ernst Jünger; Wallstein Verlag, Göttingen 2012; 143 S., 19,90 €).

Das Verhältnis zwischen den Jünger-Brüdern war osmotisch

Zudem vermittelt der 2011 verstorbene Arnold in seinen Erinnerungen einen hinreißenden Eindruck davon, wie er selbst, ein wirklich großer Vermittler zwischen Autoren, Kritikern und Lesern, zur Literatur und zum Literaturbetrieb gekommen ist, und zwar gerade über jenen Autor, der sich von allem Betrieblichen so ostentativ ferngehalten hat: Ernst Jünger. Im Briefwechsel mit seinem französischen Übersetzer Julien Hervier lernt man den virtuosen Verwalter des eigenen Werks und Ruhms ein wenig besser kennen (Julien Hervier/Alexander Pschera: Jünger und Frankreich – eine gefährliche Begegnung? Ein Pariser Gespräch. Mit 60 Briefen von Ernst Jünger an Julien Hervier; Matthes & Seitz, Berlin 2012; 204 S., 19,90 €) . Darin gibt Jünger aufschlussreiche Hinweise, wie er – im Detail – bestimmte Passagen seines Werks verstanden wissen will, etwa als Hervier sich an die französische "Fassung" des Arbeiters macht. Zudem zeigt Jünger, wie er die Aufmerksamkeit der Medien bedient und sich ihnen zugleich entzieht. Als das Interesse an seiner Person zum 90. Geburtstag wieder einmal neue Dimensionen annimmt, lädt er Hervier zu sich ein, um mit ihm als einer Person seines Vertrauens Gespräche "vor dem Mikrophon und für das Fernsehen" zu führen: "Wichtig wäre, daß ein Überschuss zustande kommt, aus dem dann für die Presse, den Rundfunk, das Fernsehen Passendes herausgeschnitten werden kann." Dass die Missachtung der Öffentlichkeit nur dann gut funktioniert, wenn sie öffentlich wird, hat Jünger immer schon genau verstanden.

Friedrich Georg pflegte dieses Image nicht weniger sorgfältig. Gerade in der kurzen Zeit seines Erfolgs beharrte er auf der Position des Außenseiters. Auch hier also war das Verhältnis zwischen den Jünger-Brüdern osmotisch. Fast nie riss der Gesprächsfaden zwischen ihnen entzwei. Sie vermochten im Gleichtakt zu lesen und zu arbeiten. Aber wie bei allen großen Brüderpaaren, so besteht auch bei den Jüngers das Geheimnis ihrer Beziehung in "geringer Differenz bei grundsätzlicher Übereinstimmung". Nur mit diesem leicht verschobenen Blick, meinte Ernst Jünger einmal in einem Brief an seinen Bruder, treten im Gespräch die Gegenstände hervor. Und es gab Differenzen, von klein auf: Beide mochten die Schule nicht, aber der eine – Friedrich Georg – bestand sie erfolgreich, der andere – Ernst – war ein grandioser Schulversager. Hier der früh Verwundete, dort der kampferprobte Soldat; hier der unglückliche Liebhaber, dort der Mann mit den vielen Affären; hier der Vogelliebhaber, dessen Herz dem flüchtigen Objekt gehört, das sich nicht sammeln lässt, dort der Käfersammler, der die toten Insekten in Reih und Glied zu Armeen ordnet.

Mögen diese "geringen Differenzen" von großer Produktivität gewesen sein, so gibt es doch zwei Situationen, in denen der Ältere bei aller Zuneigung und Seelenverwandtschaft seine Rücksichtslosigkeit demonstriert: Das eine Mal brüskiert Ernst seinen kleinen Bruder, als er mit 18 Jahren von zu Hause ausreißt und sich zur Fremdenlegion meldet – lange haben die Brüder ihre Flucht gemeinsam fantasiert, nun macht sich Ernst allein davon, ohne seinen Bruder einzuweihen. Friedrich Georg richtet sich in der Situation ein, dass der Ältere nicht nur zum Sprung bereit ist, sondern den Sprung auch tatsächlich macht. Das andere Mal war folgenreicher: Nach dem Tod Gretha Jüngers 1960 heiratet Ernst 1962 Liselotte Lohrer. Für Friedrich Georg kam das aus heiterem Himmel. Das spätere "Stierlein" der Siebzig verweht-Tagebücher war zunächst ihm freundschaftlich zugetan gewesen, vielleicht auch ein wenig in Verehrung. Zudem empfanden er und seine Frau Citta es als Verrat an Gretha, dass sich Ernst Jünger so pietätlos flink wieder vor dem Traualtar einfand. Von nun an dünnte der Briefwechsel aus. Die Verstimmung war dauerhaft. Hier erscheint er wieder: dieser kalte Ernst Jünger, dieser egoistische Solitär, dessen Anziehungskraft oft genug gerade aus seiner Abstoßungsenergie erwuchs.

Magenau analysiert diese Brüderbeziehung erzählend. Seine Doppelbiografie erscheint ohne Anmerkungen, ohne Zeitleiste und ohne Personenregister. Sie gibt sich die Lizenz zur Erfindung jener konkreten Details und Szenen, über die sich die Quellen ausschweigen. Im Briefwechsel mit Julien Hervier meinte Jünger einmal: "Die historische Realität wird sich überhaupt mit der poetischen niemals decken – hier sind Tatsachen, dort Verdichtungen. " In den besten Momenten gelingen Magenau solche Verdichtungen. So nahe wie hier kommt man Ernst Jünger selten. Magenau erzählt etwa geradezu ergreifend davon, wie Ernst seinen Bruder beim Sterben begleitet. Wie er ihm vorliest, ihn zu Bett trägt, pflegt und ihm in den letzten Stunden beisteht. Und wie er vergeblich versucht, den Sterbenden in der Todesstunde herrisch wieder zu sich ins Leben zu holen. Dies ist wahrhaft eine große Leistung: Ernst Jünger als zärtlich-verzweifelten Menschen glaubhaft vorzustellen.