Christoph Franz ist ein besonnener Mann. Doch als vorige Woche 1.650 Flüge gestrichen wurden, platzte ihm der Kragen. "Das sollte ein Warnstreik sein, und dann streiken die Beschäftigten 24 Stunden lang und legen den gesamten Europaverkehr lahm. Es ist absurd. Das kostet die Lufthansa Millionen, die wir uns zurückholen müssen. Von unseren Kunden, Aktionären und den Mitarbeitern."

Eigentlich wollte der Lufthansa-Chef das Gespräch tags darauf an Bord von Flug LX 976 führen, der in Zürich startet. Doch Franz sitzt – wie Tausende Geschäftsleute – in Frankfurt fest. Immerhin, das Catering ist am Boden besser. Rindercarpaccio und Seeteufel gönnt er sich an diesem Abend. Und einen fruchtigen Weißwein statt Tomatensaft.

Unter jedem Streik leidet auch sein Familienleben. Der 53-jährige Manager pendelt zwischen Zürich, wo er einmal gearbeitet hat, und Frankfurt. Zweimal die Woche versucht er, nach Hause in die Schweiz zu fliegen. Wenn der Flug mit der Lufthansa geht, bleibt Franz allerdings immer öfter am Boden, weil die Airline von einer der vielen Spartengewerkschaften bestreikt wird.

Derzeit häufen sich die Auseinandersetzungen. Franz hat der Lufthansa ein Spar- und Effizienzprogramm verordnet. Der Vorstand will für den Kauf neuer Flugzeuge bis 2025 neun Milliarden Euro investieren und zum Ausgleich Kosten senken. Die Beschäftigten fürchten um ihre Arbeitsplätze und kritisieren, dass die Lufthansa an der Qualität spare. Wut macht sich breit.

In Köln schmissen ihm Mitarbeiter die Lufthansa-Flagge vor die Füße

Am Morgen des 20. Februar reist Franz "mit einem flauen Gefühl" in die Hauptverwaltung der Lufthansa nach Köln. Er muss den Mitarbeitern verkünden, dass er den Standort mit 365 Jobs bis 2017 dichtmachen will. Franz kennt diesen Ort seit seinem ersten Tag bei der Lufthansa, hier hat seine Karriere am 2. Mai 1990 begonnen. Da hatte er schon ein Studium zum Wirtschaftsingenieur mit Promotion abgeschlossen, ein Auslandsaufenthalt in Berkeley lag hinter ihm. Nun fing der gebürtige Frankfurter in einem Unternehmen an, das ihn als Kind eher gestört hatte. Er war nördlich des Flughafens aufgewachsen und hatte die Turbinen gehört, wann immer er im Wald mit Freunden spielte. Schon nach wenigen Monaten im Konzern arbeitete er in einem Sanierungsteam unter Wolfgang Mayrhuber direkt dem Vorstandschef Jürgen Weber zu. Die Lufthansa stand damals vor der Pleite: "Wir wussten mittwochs nicht, wie wir Freitag die Gehälter zahlen sollen", erinnert sich Franz. Die Lufthansa machte Tag für Tag fünf Millionen Mark Verlust. Die Sanierung gelang, die Mitarbeiter zogen mit.

2013 ist die Stimmung anders. Das spürt Franz, als er das Firmengelände in Köln-Deutz betritt. Die großen, gelben Kranichflaggen sind eingeholt. Als Franz ans Mikro tritt, schmeißen ihm einige Lufthanseaten die Fahnen vor die Füße. Gewerkschafter Wilfried Schmitz sagt: "So hat noch kein Lufthansa-Vorstand seine Belegschaft behandelt." Scheinbar emotionslos habe Franz die Flagge zur Seite gelegt. "Bei seinen Vorgängern Wolfgang Mayrhuber und Jürgen Weber haben wir immer gedacht, das sind welche von uns", sagt Schmitz. "Zwischen Franz und der Belegschaft klafft ein tiefer Graben."

Ist Christoph Franz ein kalter Sanierer? So einfach ist es nicht. Das spürt man, wenn Franz in Mitarbeitergesprächen jedem einzelnen die Hand schüttelt, sich zwei Stunden lang Zeit nimmt zur tabulosen Diskussion über die künftige Strategie und sich dabei nicht nur in "Am Ende des Tages"-Floskeln flüchtet.

Es kommt auch schon einmal vor, dass Vielflieger im Internet diskutieren, ob das tatsächlich Franz war, der gerade Economy flog und im Bus zum Terminal fuhr, anstatt sich eine Limousine zu bestellen. Oder dass ihn andere Topmanager abends bei der Mutter in einer Frankfurter Siedlung absetzten und nicht im Fünfsternehotel. Franz ist einer, der sich auf Empfängen gern mal eine Currywurst von Air Berlin greift, "weil die einfach gut schmeckt". Einer, der sich mit früheren Weggefährten trifft, um die entferntesten Strecken des Bahnnetzes auszuprobieren.