DIE ZEIT: Sie haben die Facebook-Initiative kreidestaub.net ins Leben gerufen. Warum?

Jonas Klinkhamer: Weil wir die Diskussion darüber fördern wollen, wie eine Schule der Zukunft funktionieren kann. Die Seite auf Facebook soll dazu ein Forum liefern, das die Uni uns nicht bietet.

ZEIT: Die Initiative ist auch eine Kritik am Studium. Was macht Sie so unzufrieden?

Klinkhamer: Ich habe nach meinem dritten Semester schon den gesamten pädagogischen Anteil sowie mein einziges vorgeschriebenes Praktikum des Bachelors hinter mir – und somit für den Rest meines Studiums keinen praktischen oder theoretischen Bezug mehr zum Berufsfeld "Lehrer". Die Prüfungsordnung in Berlin erlaubt es mir sogar, mein Bachelorstudium abzuschließen, ohne jemals eine Stunde Unterricht geleitet zu haben. Das finde ich schockierend.

Jannis Andresen: Ein Lehramtsstudent verbringt maximal 20 Prozent seiner Studienzeit mit der theoretischen und praktischen Auseinandersetzung von schulpädagogischen und erziehungswissenschaftlichen Fragen. Das ist einfach zu wenig. Es gibt unter vielen Studenten eine Sehnsucht, sich mit dem Thema Schule wirklich auseinanderzusetzen. Warum wird in der Uni nicht systematisch aufgezeigt, wie die besten Schulen Deutschlands arbeiten? So könnten die Studenten überhaupt mal eine Vorstellung davon bekommen, was außerhalb ihrer eigenen Schulerfahrung möglich ist.

ZEIT: Läuft das Studium an der späteren Arbeitswirklichkeit von Lehrern vorbei?

Andresen: Ich würde das so unterschreiben, ja. Wir werden immer noch zu Fachdozenten ausgebildet. Aber Fachwissen verliert in unserer Welt mehr und mehr an Bedeutung. Was man den Schülern beibringen muss – und was auch später von ihnen erwartet wird –, sind Selbstorganisation, Urteilskraft oder die Gewissheit, sich in einer schnell wandelnden Welt sicher bewegen zu können.

Klinkhamer: Zukünftige Lehrer müssen nicht ihr Fachwissen in einzelnen Fächern vertiefen, sondern ihre Metakompetenzen: Wie baue ich ein gutes Schüler-Lehrer-Verhältnis auf? Wie zeige ich mich in einer Situation empathisch? Wie kann ich Lerninhalte gut vermitteln? Das sind die Fragen, auf die es ankommt.

Andresen: Auch deshalb, weil heute keine mittelmäßigen Lehrer als pure Fachdozenten mehr gebraucht werden – da schaut sich der Schüler im Internet doch lieber ein spannendes Lernvideo an, in dem der Sachverhalt vielleicht viel besser erklärt wird als in der Schule. Worin also besteht überhaupt noch die Legitimation des Lehrers? In seinem Wissensvorsprung? Oder in der Fähigkeit, Schüler anzufeuern und zu motivieren?

ZEIT: Was macht einen guten Lehrer für Sie aus?

Klinkhamer: Die Fähigkeit, Schüler zu begeistern. Ihnen beratend zur Seite zu stehen und ein Einschätzungsvermögen für die verschiedenen Bedürfnisse der einzelnen Kinder zu haben.

Andresen:Ein guter Lehrer traut einem Kind etwas zu. Gerade pubertierende Jugendliche haben viel Kraft, etwas zu bewegen. Viele Lehrer denken jedoch: "Die können nix, die interessieren sich nicht." Ein guter Lehrer handelt in der Überzeugung, dass seine Schüler eigentlich lernen wollen.

ZEIT: Was stört Sie an der Schule, wie sie heute ist?

Andresen: Die Fehlerkultur. Schüler bekommen vermittelt, es sei etwas Schlechtes, einen Fehler zu machen. Lernen funktioniert in der Schule heute über Drucksysteme – und nach Alter getrennt. Aber warum herrscht eigentlich dieser Konsens vor, die wichtigste Gemeinsamkeit von verschiedenen Kindern sei deren Alter? Ich finde diese Trennung sehr willkürlich. So mancher Sechstklässler könnte zum Beispiel in Mathematik weiter sein als ein durchschnittlicher Achtklässler, wenn man ihn ließe. Wieso sollen immer alle zur selben Zeit und im selben Tempo das Gleiche lernen? Diese Denkweise folgt der Illusion einer homogenen Lerngruppe. Aber die gibt es nie.

Klinkhamer: Schwierig finde ich auch das Notensystem. Weil es sehr darauf ausgerichtet ist, die Schule mit einem entsprechenden Numerus clausus zu beenden, den dann die nächste Institution – die Uni etwa – für ihre Leistungseinteilung verwendet. Natürlich brauchen Kinder eine Rückmeldung, das ist wichtig. Aber ein reflektiertes Feedback bringt viel mehr als eine blanke Ziffer.