Seit Trianon gab es für Horthy nur zwei große Ziele: Die nationale Schmach zu tilgen, die verlorenen Gebiete heim ins Ungarreich zu holen. Und die Entfaltung der urbanen jüdischen Mittelklasse einzugrenzen. Der Aufstieg der städtischen Juden in Ungarns erstarrter Adelsgesellschaft hatte schon im späten 19. Jahrhundert begonnen. Während Bauern und Arbeiterschaft die wirtschaftlichen und mentalen Fesseln der Aristokratie nicht abstreiften, waren die Juden in eine selbstbewusste Bürgerlichkeit aufgebrochen, in Arzt- und Anwaltsberufe, in Gewerbe und Presse.

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Als erster Staat nach dem Weltkrieg führte das Donauland im September 1920 einen Numerus clausus für jüdische Studienbewerber ein. Der "Christliche Gedanken, den wir kurz als Rassenschutz bezeichnen" (so formulierte es der Antisemit und spätere Präsident Gyula Gömbös), wurde zur Leitlinie der "nationalen Idee". Auch Horthy sorgte sich stets um die Leistungsfähigkeit des Landes: Sein ganzes Leben, so beteuerte er 1940 in einem Brief an seinen Ministerpräsidenten Graf Teleki, sei er ein Antisemit gewesen, und der Anblick jeder Fabrik, Bank, Firma in jüdischem Besitz sei ihm "unerträglich". Allerdings müsse er zu bedenken geben: Wenn die Juden überhastet durch "unfähige Angeber" ersetzt würden, ginge Ungarn pleite.

Horthy wollte vor allem eines: Großungarn wiederherstellen. Deutschland ging voran mit der schrittweisen Unterminierung des Versailler Vertrags. Gömbös, seit 1932 Ministerpräsident, fuhr gleich 1933 nach Berlin. Anschließend rühmte er Hitler, "der Menschheit Dienste von weltgeschichtlicher Bedeutung geleistet" zu haben, und berichtete dem Parlament: "Wie unser Land, so tritt auch Deutschland für eine Revision der Friedensverträge ein."

Diese aber glaubte man nur im Gleichschritt mit dem "Dritten Reich" erlangen zu können. Als "Vorleistung" beschloss man drei "Judengesetze". Mit dem ersten von 1938 warb Ungarn um Berlins Hilfe bei seinen Ansprüchen gegen die Tschechoslowakei (die gerade, nach dem Münchner Abkommen, zerschlagen wurde). Die neue Norm begrenzte den Anteil der Juden in speziellen Berufszweigen auf zwanzig Prozent. Das zweite Gesetz gegen "den übermäßigen Einfluss des Judentums auf die geistige Führung" wurde 1939 präsentiert, als Hitler bei der "Heimholung" der ungarischen Minderheiten in Jugoslawien und Rumänien helfen sollte. Das dritte Gesetz folgte 1941, als sich die Magyaren dem Angriff auf die Sowjetunion anschlossen. Es verbot die Ehe von Juden mit Nichtjuden, eiferte den Nürnberger Gesetzen von 1935 nach und erstrebte die "Rasseneinheit der ungarischen Nation".

So hatte Horthy an Hitlers Seite noch ganz ohne Krieg zwischen 1938 und April 1941 fast die Hälfte der verlorenen Territorien zurückgeholt. Diesmal ritt er in Nordsiebenbürgen ein, wieder hoch zu Ross. Die christlichen Ungarn, denen die Vertreibung der Juden aus dem Wirtschaftsleben bessere Posten versprach, huldigten dem Országgyarapitó, dem Landvermehrer. An den Preis dachte noch niemand.

Als Erster bezahlte, auch für die eigene Schuld, Graf Pál Teleki. Seit 1939 wieder Ministerpräsident, hatte er Horthy nicht davon abhalten können, an Deutschlands Seite Jugoslawien anzugreifen. Teleki erschoss sich am 3. April 1941. "Wir sind Leichenschänder", schrieb er dem Admiral zum Abschied, "wir stellten uns an die Seite der Schurken." Bald darauf wurden Ungarns Polizei und Militär selbst zu Schurken. Anfang 1942 ließen ungarische Soldaten 6.000 Serben und 4.000 Juden aus dem annektierten Novi Sad und der Umgebung für Partisanen-Aktivitäten büßen. Sie trieben die Unschuldigen in ein Schwimmbad an der Donau und erschossen sie auf den Sprungbrettern, von wo aus die Opfer in den eisigen Strom fielen.

Die mehr als 800.000 Juden in Ungarn blieben bis 1944 von Deportationen verschont. Doch im letzten Jahr des "Dritten Reiches", als dessen Untergang schon unabwendbar war, verschleppten SS, Wehrmacht, Gestapo und ungarische Polizei mit alles übertreffender Raserei in weniger als zwei Monaten, zwischen dem 14. Mai und dem 9. Juli, 437.402 Menschen nach Auschwitz. "Margarethe" (ein Name wie in Paul Celans Todesfuge) hieß der Plan, nach dem zuvor acht deutsche Divisionen Ungarn am 19.März 1944 besetzt hatten. Miklós Kallai, Ministerpräsident seit 1942, der sich Berlins ständigen Forderungen nach "Bereinigung der Judenfrage" noch tapfer widersetzt hatte, musste Döme Sztójai weichen, dem Hitler ergebenen langjährigen Gesandten in Berlin.

Der Hauptorganisator des Holocausts in Ungarn indes kam direkt aus Berlin. Die Soziologin Mária Vásárhelyi, die Viktor Orbáns Anhänger seit Jahren attackieren, weil sie den neuen Nationalismus und Antisemitismus analysiert, schaut von ihrer Wohnung hoch über der Donau hinunter auf ein Haus mit eckigem Turm. Die Villa hatte einst einem jüdischen Unternehmer gehört. In jenem Jahr 1944 ließ sie ein Deutscher für sich requirieren, der mit den Besatzern gekommen war: Adolf Eichmann.

Sein kurz zuvor im KZ Mauthausen zusammengestelltes Sondereinsatzkommando brachte den erbarmungslosen Vernichtungswillen nach Ungarn. Doch selbst Eichmanns Maschinisten des Todes hätten ohne ein Heer ungarischer Handlanger nichts ausrichten können. Polizisten und Angehörige der kasernierten Gendarmerie durchsuchten Hospitäler und Heime. Transporte aus der Provinz brachten Juden und Roma vom Lande zu den Sammelstellen, meistens in Ziegeleien oder Lager unter freiem Himmel. Dort erwarteten sie Leibesvisitationen und Folterungen, weil die ungarischen Schergen die Wertsachen nicht den Deutschen überlassen wollten.

Auch viele christliche Zivilisten machten mit, schauten zu oder weg – wie in Deutschland. Lilly Kertesz, die Auschwitz und Bergen-Belsen überlebte, beschreibt in ihrem Buch Von den Flammen verzehrt die nächtliche Deportation der Juden aus Eger (Erlau) 1944: "Es regnete, stürmte und donnerte. [...] In den Häusern brannte Licht, aus den Wohnungen drang Tanzmusik. Von ihren Fenstern aus sahen die Bewohner von Eger dem großen Ereignis zu. [...] Da ging eines auf, und in den dunklen, stürmischen Abend schrie eine Männerstimme, gleich danach eine weibliche: ›Ihr kommt nicht mehr zurück!‹ Ich kannte die Bewohner des Hauses. Sie hatten mich stets freundlich empfangen. Ich war mit ihrer Tochter in dieselbe Schule gegangen [...]. Ob sie erst jetzt übergelaufen waren? Oder hatte sich hinter ihrer Herzlichkeit nur der Hass versteckt?"

Gendarmerie-Männer trieben die Menschen zu den Bahnhöfen und prügelten sie in die stinkenden Viehwaggons nach Auschwitz. Nicht nur Eichmanns Mordgesellen verschärften das Tempo der Deportationen, auch Ungarn. Allen voran der (1946 hingerichtete) Innenstaatssekretär László Endre. Nach späteren Zeugenaussagen hatte er auf einer Konferenz von Eichmann sechs Züge pro Tag verlangt, während jener nur zwei geplant hatte.