Die furchtbarste Rampe zur Hölle von Auschwitz war der Bahnhof von Košice (ungarisch: Kassa) in der heutigen Ostslowakei, Heimatstadt des jüngst wiederentdeckten Schriftstellers Sándor Márai. Fast 157.000 Menschen wurden von dort in die Vernichtung geschickt, nur 500 kehrten zurück.

An diesem Ort wütete der Polizeikommandant László Csatári mit Hundepeitsche und Schlagstock. Csatári, der nach dem Krieg in Kanada untertauchen konnte, war 1948 in Košice in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Als seine Vergangenheit 1997 bekannt wurde, floh er zurück nach Ungarn. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum entdeckte ihn schließlich in Budapest, informierte 2011 die ungarischen Behörden und, als die untätig blieben, britische Reporter. Die spürten den inzwischen 97-Jährigen vergangenen Sommer auf. Seither steht er unter Hausarrest, im Ruhestand landesweiter Gleichgültigkeit.

Aus Košice stammt auch Ferenc Szálasi, der mit seinen faschistischen Pfeilkreuzlern kurz vor Kriegsende Ungarn endgültig zur Mördergrube machte. Horthy war schon lange nicht mehr Hitlers Mann. Der Reichsverweser hatte am 9. Juli, auf dem Höhepunkt der Deportationen, deren Einstellung angeordnet. Er ließ sogar einen Zug mit 1.700 Juden kurz vor der Landesgrenze zurückholen. Nachdem Rumäniens König Mihai am 23. August 1944 die Seite gewechselt hatte, hin zu den Russen, ließ auch Horthy geheim mit Moskau verhandeln. Berlin antwortete mit dem Unternehmen "Panzerfaust". Während Horthy am 16. Oktober über den Rundfunk den Kriegsaustritt verkündete, stürmte der SS-Hauptsturmführer Otto Skorzeny mit Fallschirmjägern die wichtigsten Regierungsstellen und nahm Horthys Sohn gefangen. Die Drohung, ihn zu erschießen, ließ den Admiral zusammenbrechen. Er widerrief seine Proklamation und dankte ab, wonach ihn die Deutschen auf einem Schloss in Bayern fürstlich internierten.

Als neuen "Führer der Nation" setzte die SS den 47-jährigen Ex-Major Szálasi ein. Bei den ersten halbfreien Wahlen seit 1920 hatten seine Anhänger 1939 Erdrutschgewinne verbuchen können. Sie nannten sich Pfeilkreuzler nach dem Heereszeichen des mittelalterlichen Königs László des Heiligen und bildeten in Grünhemden eine unheilige Allianz aus städtischen Arbeitern, sozialen und politischen Randgruppen. Weil kaum noch Züge fahren konnten, schickten sie Zehntausende auf furchtbare Todesmärsche: Gendarmen trieben die Menschen, die Zwangsarbeit im Reich leisten sollten, täglich bis zu 30 Kilometer voran. Hunger, Kälte und Erschießungen forderten jedes fünfte Menschenleben; zu den Toten gehören mehr als siebzig Intellektuelle, darunter berühmte Autoren wie Miklós Radnóti und Antal Szerb.

Währenddessen ermordeten die Pfeilkreuzler in Budapest Tausende. Viele mitten in der Stadt, an der Donau. Dazu gehörte, dass sie Kinder, Frauen und Greise mit Handschellen aneinanderketteten und nur auf das erste Opfer schossen, das dann die anderen mit in das eisige Wasser riss. Ihre dreimonatige Schreckensherrschaft kostete in Budapest noch einmal fast 50.000 Menschen das Leben. Insgesamt wurden 564.000 der jüdischen Ungarn im letzten Jahr der "Endlösung" umgebracht (das sind 60 Prozent), 320.000 von ihnen hat man gleich nach der Ankunft in Auschwitz vergast.

Ferenc Szálasi wurde am 12. März 1946 gehängt. Den in Bayern internierten Horthy befreite die US-Armee am 1. Mai 1945. Um nicht an Stalin oder Jugoslawiens neuen Machthaber Tito ausgeliefert zu werden, stellte er sich dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal als Belastungszeuge zur Verfügung. 1957 starb er in Portugal, wo ihm der faschistische Diktator Salazar Asyl gewährt hatte.

Am Budapester Donaukai unterhalb des Parlaments stehen etwa 70 Paar Schuhe aller Größen. Sie sind aus Bronze und erinnern an die Opfer der Pfeilkreuzler. Vor einiger Zeit waren sie eines Morgens mit Schweinefüßen gefüllt zum Zeichen der Verachtung.

Auch am Freiheitsplatz im Zentrum, im Eingang der reformierten Kirche der Heimkehr, steht eine Büste Horthys. Der rechtsradikale Pastor dort, Loránt Hegedues, hat eine "antizionistische" Großdemonstration vor dem Gotteshaus angekündigt – gegen den Jüdischen Weltkongress, der an diesem Wochenende in Budapest stattfindet. Die Bischofskonferenz droht dem Seelenhirten mit Konsequenzen. Deshalb tritt inzwischen Hegedues’ Frau, Abgeordnete der rechtsextremen Jobbik-Partei, als Veranstalterin der Kundgebung auf. Man hofft auf großen Zulauf, und das, wie zu befürchten steht, nicht ohne Grund.