Es rauscht, fiept, zwitschert – Seite 1

Unalltäglich Brot

Vor 114 Jahren kam Duke Ellington zur Welt, also gerade noch im 19. Jahrhundert, kurz vor dem Jazz selbst, dessen größter Komponist er wurde. An die 2000 Stücke schrieb der Bandleader. Etliche Dutzend sind zu Standards geworden, die man als Jazzmusiker kann, als Publikum kennt. Sie zu spielen oder zu hören erfordert keinen sonderlichen Geschmack. Sie sind wie das tägliche Brot, gut und vertraut. Umso beachtlicher ist es, was jetzt der japanischen, seit Jahrzehnten in Berlin lebenden Pianistin Aki Takase gelingt. Dem Duke schnallt sie ein Possessivpronomen um, My Ellington, und das nahrhafte Werk des Meisters führt plötzlich nicht zur Übersättigung, sondern zeigt all seine (und ihre!) Delikatesse. Dreizehn Gänge für Jazzpiano solo, süffige Melodien, würzige Rhythmen, nie altbacken, nie überdekoriert, dafür mit Liebe zubereitet. Mit dem Essen spielt man nicht. Aber Genuss muss im Spiel sein. Ulrich Stock

Aki Takase: My Ellington
(intakt records)

Holzpfahlvergessen

In welches Genre fällt diese CD: Pop? Zu abwegig. Klassik? Zu folkloristisch. Jazz? Muss wohl, obschon nicht eine Blue Note ertönt. Jazzfreunde sind ja hart im Nehmen. Außerdem ist sie bei Jaro erschienen, jenem Bremer Label, zu dessen Namen vor 32 Jahren "Jazz" und "Rock" miteinander verschmolzen. Das chinesische Ensemble heißt DaWangGang, wörtlich übersetzt "Groß Vergessen Holzpfahl", was seinem Klang recht nahe kommt: ländlich-psychedelische Avantgarde aus dem Reich der Mitte, gespielt auf Pferdekopfgeige, Maultrommel, Zither, Banjo, Saxofon, Zimbeln, Gongs und einer mysteriösen "Buddhamaschine". Dazu ertönt teilweise eine Art Shanty-Gesang. Insgesamt kaum zu vergleichen mit irgendetwas, das man je gehört hätte. Gewöhnungsbedürftig, reizvoll, suchterzeugend. Und noch mal die Genrefrage? Am besten wäre eigentlich "Film". Zu sehen allerdings nur mit den Ohren der Hörer. Ulrich Stock

DaWangGang: Wild Tune Stray Rhythm
(www.jaro.de)

Phantom auf Vinyl

Wie ein Schatten gleitet er durch seine Heimatstadt Detroit, vorbei an Kaschemmen, abbruchreifen Häusern und Brachen. Der Folkmusiker Sixto Rodriguez, dem der oscarprämierte Dokumentarfilm Searching for Sugar Man nachspürt, war lange ein Phantom. Er hatte um die Wende zu den Siebzigern in den Staaten zwei Studioalben voller poetischer Songs aufgenommen, lebte aber als Bauarbeiter am Rand der Armut. In einer anderen Galaxie, dem Südafrika der Apartheid, wurde Rodriguez, ohne es zu wissen, indes zur Legende: ein Unbekannter, angeblich tot, der von Unrecht, Unterdrückung, verratenen Träumen sang – und dessen LPs sich wie warme Semmeln verkauften. Regisseur Malik Bendjelloul entfaltet die bizarre Geschichte behutsam und mit viel Gespür für eine Ära, in der Platten aus Vinyl schwer in der Hand lagen, Clubs abgerockt waren und ein Popsong eine politische Intervention sein konnte. Sabine Horst

Malik Bendjelloul: Searching for Sugar Man
(Al!ve)

Heißkalt

Bitte schauen Sie sich nicht im Kino Brian De Palmas Psychothriller Passion an, sondern auf DVD Love Crime, den Originalfilm von Alain Corneau! Schon die erste Szene ist ein wunderbar gespieltes Psychodrama aus Sadismus, Macht und Ohnmacht. Die erfolgreiche Christine (Kristin Scott Thomas) bittet ihre schüchterne Assistentin Isabelle (Ludivine Sagnier) zur Nachtarbeit nach Hause. Bei einem Glas Bordeaux beginnt die Ältere zu flirten. Perfide wickelt sie Isabelle mit ihrem Charme um den Finger, um sich dann vor deren Augen in die Arme ihres jüngeren Lovers zu werfen. Am Morgen muss die Gedemütigte noch dazu erfahren, dass Christine Isabelles brillante Geschäftsidee als ihre eigene ausgegeben hat. Mit kühl stilisierten Bildern und lässiger Jazzmusik erzeugt Corneau in seinem mörderischen Zickenterror genau die Spannung zwischen kalter Optik und obsessiven Gefühlen, die De Palma nicht hinbekommen hat. Anke Leweke

Alain Corneau: Love Crime
(Universum)

Iran meets Beckett

Was hat ein mit Geldscheinen angefüllter SUV in einer vom Krieg verwüsteten Berglandschaft zu suchen? Und was führen seine Insassen, ein Mann und eine Frau, im Schilde, wenn sie vorgeben, das Geld an arme Menschen verteilen zu wollen? Schon in seinem gefeierten Film Men at work (2006) erzählte der iranische Regisseur Mani Haghighi von einer absurden Situation in einer Berglandschaft: Iran meets Beckett. Auch sein neuer Film Modest Reception ist eine bizarre Versuchsanordnung, aber noch gemeiner. Denn die "großzügigen" Helden knüpfen ihre Geldgeschenke an diabolische Forderungen: Ein bitterarmer Mann muss auf den Koran schwören, das Geld nicht mit seinen Nächsten zu teilen. Ein anderer Mann wird davon abgehalten, den Leichnam seines Babys zu beerdigen. In diesem verrückt beginnenden und weise endenden Film werden iranische Lebenswelten zu einer Metapher, in der wir alle enthalten sind. Katja Nicodemus

Mani Haghighi: Modest Reception
(Trigon)

Es rauscht, fiept, zwitschert – Seite 2

Frischer Wind

Wer hätte gedacht, dass Bach auch heute noch ganze Kriminalkommissariate beschäftigt! Tatsächlich grübeln in Archiven und Instituten noch immer Musikwissenschaftler etwa über Datierungsfragen. Wann ist zum Beispiel das berühmte Doppelkonzert für zwei Violinen entstanden? Die originalen Stimmen stammen aus seiner Leipziger Zeit, aber man glaubt, dass dem Opus eine frühere Triosonate zugrunde liegt. Die aber ist verschollen – noch. Jedenfalls herrscht im Museum Bach Hochbetrieb. Frischer Wind fegt auch durch die wundervolle Neuaufnahme aller Violinkonzerte mit den beiden Chefs des Freiburger Barockorchesters, Petra Müllejans und Gottfried von der Goltz. Aber es ist keine steife Brise, eher das Brio unermüdlicher Entdeckerfreude. Die Musiker lehnen sich in den Wind, werden von ihm vorangetrieben – und manchmal klingt es, als böten sie ihm die Stirn. Wolfram Goertz

J. S. Bach: Violinkonzerte

Petra Müllejans, Gottfried v. d. Goltz
(harmonia mundi)

Es wird einmal

Beethoven-Quartette werden gerade gerne immer rock ’n’ rolliger gespielt. Weiter, wilder, wüster! Bis dann Opus 133 endgültig, aber dann doch irgendwie nichtssagend richtig aus der Kurve zu fliegen droht. Diese Gefahr besteht beim Suske-Quartett aus der DDR nicht, dessen komplette Beethoven-Quartette, aufgenommen von 1968 bis 1980, hier glücklicherweise noch einmal wie neu vorliegen. Sind sie nämlich auch: wie neu! Handwerklich perfekt und musikalisch stets auf der Suche nach dem Revolutionär in Beethoven, ist das Suske-Quartett seiner Zeit seltsam voraus, ohne jemals auch nur ansatzweise den wilden Mann markieren zu müssen. Dynamisch fordernd und dennoch beständig ausgleichend bei der formalen Bändigung: der langjährige Erste Konzertmeister im Gewandhaus, Karl Starke. Nicht nur für Liebhaber der alten, in der DDR stets begehrten Suske-Schallplatten immer noch ein Ereignis. Mirko Weber

Beethoven: Complete String Quartets
Suske-Quartett (Brilliant Classics/Edel)

In aller Ruhe

"As soon as possible" kostet schon zu viel Zeit, man kürzt ab zu "asap". Wer diesem Druck entweichen will, braucht Feldman. Denn Morton Feldman braucht Zeit. Manche Stücke dauern fünf Stunden, für Einsteiger etwas dicke. Aber diese fünfzig Minuten von 1979 tun gut. Aus großem Orchester holt er Farben, rau, ungemischt, mal wie ein altes Holzbrett, mal wie Stadtnebel mit Benzin, spielend, sorglos, konzentriert verbunden, eine Solovioline dabei, die mitspielt, vertieft, in aller Ruhe. So klingt Violin and Orchestra mit Carolin Widmann und dem Frankfurter Radiosinfonieorchester unter Emilio Pomarico. Komponiert von einem, der noch mit 47 Jahren Kinderklamotten im New Yorker Geschäft seiner Eltern nähte und später erklärte: "Der größte Teil des Problems besteht darin, dass Sie alle Erwachsene sind." Wer kapiert, was er damit meint, findet die fünfzig Minuten schon wieder zu kurz und will mehr Feldman, as soon as possible. Volker Hagedorn

Morton Feldman: Violin and Orchestra
Carolin Widmann, Frankfurter RSO (ECM)

Bezaubernd

Es rauscht, es fiept, es zwitschert, es plätschert, und das nicht nur metaphorisch, sondern in einem direkten Sinn elektroakustisch: Stephen Wilkinson alias Bibio hat die zentralen Tracks seines jüngsten Albums draußen aufgenommen, an sonnigen Tagen, an denen es sich moralisch verwerflich anfühlte, weiter im Wohnzimmer an Knöpfchen herumzudrehen. Erst später hat er seine Fundstücke im Studio weiterverarbeitet, Samples übereinandergeschichtet, seine Stimme und eine dezente akustische Gitarre hinzugefügt. Der Effekt dieses Zusammentreffens von Musique concrète und naturromantischem Schwarmgeist ist verblüffend: Diese Musik klingt, als wolle jemand einem Außerirdischen die Geräusche der Welt nahebringen, und das nicht gegen die Technik, sondern mit ihr. Wir legen das Smartphone aus der Hand und sind für mindestens dreieinhalb Momente bezaubert. Thomas Groß

Bibio: Silver Wilkinson
(Warp/Rough Trade)

Einfach in die Charts

Wer sich an die Achtziger erinnern kann, erinnert sich auch an Yazoo. An Hits wie Only You und Alison Moyet, deren Stimme dem dürren Elektropop erst Gewicht und Wärme gab. Sie hatte Soul, würde man heute sagen, und sie hat ihn noch. Mit 51 muss sie nicht von Tantiemen zehren, England hält sie als New-Wave-Ikone in Ehren. Wohl auch, weil sie nie das Pferd gewechselt und auf Retrosoul à la Adele gesetzt hat. Auch auf The Minutes, ihrem achten Soloalbum, bemüht sich die Diva um Aktualität. Produzent Guy Sigsworth (Björk, Madonna) hat ihren soliden Songs ein vielleicht allzu weites Klangkleid mit vielen Dubstep-Falten geschneidert. Mal erinnert das an Yazoo 2.0, mal empfiehlt es sich als Titelsong für den nächsten James Bond. Und stets will es mit stürmischen Refrains einfach nur in die Charts. Am Ende ist es die tortenhafte Opulenz, die stört. Weniger wäre mehr, muss ja kein Jazz sein. Arno Frank

Alison Moyet: The Minutes
(Cooking Vinyl/Indigo)