Bahr hatte nämlich nicht Raushalten, Resignieren und Weitermachen im Sinn, wie der heutige Gebrauch seiner Formel suggeriert. Im Gegenteil: Es ging darum, Deutschland im Kalten Krieg überhaupt erst wieder politikfähig zu machen. Die Teilung Berlins, die Konfrontation der beiden deutschen Staaten als Vorposten der feindlichen Blöcke und die eklatante Unfähigkeit der Bonner Außenpolitik, auf diese zentralen Probleme der Nation Antworten geben zu können – das alles bildete den Erfahrungshintergrund.

Die Bundesrepublik war durch Konrad Adenauer im Westen angekommen. Seine "Ostpolitik" beschränkte sich auf die Ablehnung der sozialistischen Regime in Mittel- und Osteuropa, das Bekenntnis zur Einheit der Nation und die chancenlose Forderung nach freiheitlichen, demokratischen Lebensverhältnissen für alle Deutschen. Bonn konnte das Schicksal der Brüder und Schwestern im Osten beklagen, Einfluss darauf nehmen konnte man nicht.

Diese Politik war offensichtlich heuchlerisch. Bahr und Brandt traten dagegen an mit dem kühlen Pathos der Wahrhaftigkeit: Weg mit den hohlen Phrasen, der Schönrednerei, den Lebenslügen einer Außenpolitik, die sich zwar patriotisch aufblähte, doch de facto den Gewaltherrschern im Osten in die Hände spielte, weil sie die Verhältnisse nicht anzurühren wagte.

Willy Brandt, der zum Vorkämpfer einer neuen deutschen Ost- und Entspannungspolitik wurde, hatte als Berliner Bürgermeister den Mauerbau erlebt und erlitten. Er war empört über die brutalen Maßnahmen des Ostens und doch ohne jeden Einfluss auf dessen Entscheidungen. Dieses Missverhältnis erzwang einen neuen politischen Ansatz, dem Egon Bahr das zündende Etikett verpasste.

Das Kalkül dieses Ansatzes lautete, auf die Gegenseite zuzugehen, Vertrauen aufzubauen, gemeinsame Interessen zu definieren, um im Zuge dieser Annäherung nicht nur einen Wandel in den Beziehungen selbst, sondern auch einen Wandel der Lebensverhältnisse im Osten zu erreichen. Es begann mit Besuchserleichterungen innerhalb der geteilten Stadt und zwischen den beiden deutschen Staaten; aber zu den großen entspannungspolitischen Hoffnungen gehörte, dass der Wandel irgendwann auch die Liberalisierung des Systems und, wer weiß, am Ende vielleicht auch die deutsche Einheit bringen würde.

Das war mit einer enormen Zumutung verbunden. Denn der Entspannungspolitiker muss Deals mit jenen machen, deren Herrschaftssystem er verachtet und deren konkrete Politik ihn empört. Er muss Gegner in Verhandlungspartner verwandeln. Das Paradox hat Bahr später so formuliert: Den Status quo anerkennen, um ihn zu verändern.

Mit diesem Ansatz gelang es Brandt und Bahr innerhalb einer unerhört kurzen Zeitspanne zwischen 1969 und 1972, das Nichtverhältnis zwischen Westdeutschland, der DDR und den osteuropäischen Staaten aufzulösen und die Beziehungen in einer Serie von Verträgen mit Moskau, Warschau, Prag und Ost-Berlin neu zu definieren.

Allerdings ging es nicht an erster Stelle um den Systemwandel des Ostblocks, sondern um die Verhinderung der atomaren Eskalation. "Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts", dieser Satz Brandts hatte seine Berechtigung, weil damals jenseits des Friedens die Selbstvernichtung drohte. Aus dieser Konstellation erwuchs jedoch auch das Risiko des entspannungspolitischen Ansatzes. Zur gemeinsamen Wahrung des Friedens bedurfte es möglichst berechenbarer Partner. So geriet die innere Stabilität der sozialistischen Herrschaft selbst zum Garanten des entspannungspolitischen Prozesses.

Äußerst klamm reagierte die Bundesregierung Anfang der achtziger Jahre auf die Solidarność-Bewegung in Polen, die als revolutionärer, also destabilisierender Faktor in den gemeinsamen Beziehungen gesehen wurde. Die Politik, die auf dialektischem Wege den Wandel hatte herbeiführen wollen, verlor den Wandel selbst aus dem Auge. Auch im deutsch-deutschen Verhältnis schien in den achtziger Jahren die Pflege der guten Beziehungen so wichtig, dass der Westen die Erosion des SED-Regimes nicht wahrnahm und von seiner Implosion völlig überrascht wurde. Dass in der SPD die entspannungspolitischen Nachfahren Brandts noch 1987 den Dialog mit der SED intensivieren wollten, ist vielleicht das peinlichste Beispiel dafür, wie eine selbstgenügsame Entspannungspolitik die gesellschaftlichen Entwicklungen aus dem Blick verlor. In jahrelangem Dialog zwischen der Grundwertekommission der SPD und der "Akademie" beim ZK der SED war ein gemeinsames Papier entstanden, in dem behauptet wurde, dass "beide Systeme reformfähig seien", "beide das humanistische Erbe Europas weitertragen" und man sich "auf einen langen Zeitraum einrichten" müsse, in dem "produktiver Wettbewerb" herrschen werde. Bahr hatte in Tutzing noch aus der Gewissheit gesprochen, dass die westliche Welt "die bessere ist, die sich durchsetzen wird". Nun gab die SPD der DDR eine Ewigkeitsgarantie und bescheinigte ihr gemeinsame Grundwerte, und das in ihrer autoritären Verfallsphase. Bahrs Formel war auf den Kopf gestellt: Annäherung zum Zweck der Anverwandlung.

Das hat Bundespräsident Joachim Gauck vor Augen, der diese Entwicklungen von der anderen Seite der Mauer aus beobachten konnte. Neulich hat er in einer Rede in Straßburg beim Europarat daran erinnert, dass sich "schon in den siebziger und achtziger Jahren Deutschland und andere westeuropäische Länder oft schwer(taten) mit der offenen Benennung von Menschenrechtsverletzungen im Osten Europas, weil sie damit den ›Wandel durch Annäherung‹ gefährdet sahen."

In Helsinki ging die Sowjetunion dem Westen in die Falle

Gleichwohl hat die Entspannungspolitik Voraussetzungen geschaffen, die den Zusammenbruch des sozialistischen Imperiums möglich gemacht haben. Entscheidend waren dabei die jahrelangen Verhandlungen der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), die 1975 mit einem feierlichen Ost-West-Vertragsschluss in Helsinki zum Abschluss kam.

Der sowjetische Parteichef Breschnew hatte gehofft, mit dem KSZE-Prozess sein Imperium auf Dauer zu stellen. Die Anerkennung durch den Westen sollte die fehlende innere Legitimation kompensieren: Entspannung als Entmutigung der inneren Opposition. Doch der Westen verhandelte hartnäckig und gegen erbitterten Widerstand Moskaus auch die Menschen- und Freiheitsrechte in das Abschlussdokument. Der "Korb I" des Helsinki-Abkommens enthielt als Punkt 6 "Nichteinmischung in innere Angelegenheiten". Als Punkt 7 folgte: "Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten, einschließlich der Gedanken-, Gewissens-, Religions- oder Überzeugungsfreiheit".

Die Kombination war entscheidend. Der Deal mit den Ostblock-Herrschern lautete: Ihr bekommt unsere Anerkennung nur, wenn ihr selber die Menschenrechte anerkennt. Für die osteuropäischen Dissidenten wurde dieses erpresste Bekenntnis der Regierenden zu universellen Rechten zum Hebel im Kampf gegen die Regime. Darauf bezog sich Joachim Gauck in seiner Straßburger Rede: "Für meine Generation hieß das rettende Stichwort damals Helsinki."