"Wenn Sie glauben, dass Ihre Erlebnisse im ›Dritten Reich‹ noch ins Gewicht fallen, so haben Sie sich getäuscht. Das ist längst passé." Die Worte des vorgesetzten Ordinarius an der Gießener Universitätsklinik nach dem Krieg hallen nach; Zynismus und analytische Kälte sind erkennbar, aber auch die Furcht des einstigen Mitläufers, dass die Vergangenheit womöglich doch nicht so schnell vorbei sein könnte. Die Antwort des Arztes Werner Schmidt ist klar und einfach: "Für mich und viele ehemals Verfolgte sind im Übrigen die Geschehnisse während des ›Dritten Reiches‹ noch lange nicht passé." Es ist der Glutkern eines Weiterlebens: Die Verbrechen sind vorüber, doch sie wirken nach in den beschädigten Seelen der Opfer. Die Erinnerungen von Werner Schmidt an die Nazizeit und an das anschließende Beschweigen gehören zu den eindrucksvollsten Dokumenten dieser deutschen Vergangenheit. Nüchtern, ohne Tremolo hat Schmidt 1989 sein Leben aufgeschrieben – und es ist ein Glücksfall, dass dieser Bericht jetzt den Schauspieler Ulrich Matthes als Interpreten gefunden hat. Er trägt dieses Schicksal in einer berührend schlichten, jedoch innerlich vibrierenden Emotionalität vor, voller Spannung bis zum Schluss.

1913 wird Werner Schmidt bei Heidelberg geboren und wächst in einem hessischen Dorf auf. 1932 beginnt er ein Medizinstudium in Gießen, doch schon bald verdüstert sich alles: Er gilt nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten als "Halbjude"; seine Mutter ist Jüdin. Schmidt schildert den Alltag des "Dritten Reiches" aus der Sicht eines zunächst Ausgegrenzten, am Ende Verfolgten. Sein Examen darf er nur machen, weil er auf die Approbation verzichtet; eine Medizinalpraktikantenstelle wird dem "Mischling 1. Grades" verweigert. Er findet Nischen am Katholischen Hospital in Hamburg-St. Georg, helfende Freunde und einen mutigen Doktorvater – der Universität muss er aber zusichern, den Titel nicht zu führen. Er erlebt Not und Bombentote, Solidarität, Angst und Niedertracht. Seine Mutter wird nach Theresienstadt deportiert, er selbst zur berüchtigten "Organisation Todt" für kriegswichtige Bauarbeiten zwangsverpflichtet – hier wird er jedoch zum Arzt, weil die anderen Mediziner an der Front sind. Nach Kriegsende gelingt ihm eine abenteuerliche Fahrt nach Theresienstadt, von wo er seine Mutter und andere Gießener Juden nach Hause bringt.

Nach 1945 beginnt privates Glück, aber minutiös registriert Schmidt, wie an den Hochschulen die opportunistischen Karrieristen von einst an den Schaltstellen sitzen. 1960 wird er Chefarzt in Hanau. Schmidt starb hochbetagt im Jahr 2007. Seine letzte Ruhe hat er auf dem Frankfurter Hauptfriedhof gefunden, neben Siegfried Unseld, dem verstorbenen Mann seiner Tochter Ulla Unseld-Berkéwicz. "Wer die dreißiger und vierziger Jahre als Deutscher durchlebt hat, der kann seiner Nation nie mehr völlig trauen", hat Golo Mann einmal gesagt; der Betroffene werde "in tiefster Seele traurig bleiben, bis er stirbt". Werner Schmidt folgt dem großen konservativen Historiker und erinnert an den bleibenden Schatten, "der sich nur allmählich aufhellte und bis heute nicht völlig gewichen ist".