"Rattenjunge. Missgeburt. Monster", rufen ihm andere Kinder hinterher. "Ein Wunder!" – so nennen ihn Ärzte. August Pullman, kurz Auggie, der Held dieser Geschichte, hat ein "Gesicht wie ein Schlachtfeld". Ausgelöst durch ein mutiertes Gen, leidet er an gleich mehreren Syndromen. August musste unzählige Operationen durchleiden, und die Mediziner glaubten nicht, dass er lange leben würde. Inzwischen aber ist Auggie zehn Jahre alt und hat sich zu einem schlauen, aufgeweckten und witzigen Jungen entwickelt: "Ich bin ultracool!"

Sein entstelltes Gesicht ist geblieben. Ein Gesicht, das andere entsetzt, anwidert, ängstigt. Und deshalb ist Auggie bewusst, dass er vielleicht ultracool, aber höchstens innerlich normal ist: "Ich weiß, dass normale Kinder nicht andere normale Kinder dazu bringen, schreiend vom Spielplatz wegzulaufen." Um dem Starren der Menschen zu entgehen, verließ Auggie das Haus eine Zeit lang nur mit einem Astronautenhelm auf dem Kopf. Bis dieser irgendwann verschwand.

Wie er genau aussieht? "Was immer ihr euch vorstellt – es ist schlimmer." Im Laufe der Geschichte tauchen Details auf, die man aneinanderreihen, aber als Leser trotzdem nicht zu einem Bild zusammensetzen kann. Augusts Haut ist wachsartig, als sei sie verbrannt, die schlitzförmigen Augen hängen zu tief und auf unterschiedlicher Höhe, er hat keine Wimpern und Augenbrauen, die Wangen sind eingefallen, und er hat einen "Schildkrötenmund". Eine Freundin fasst es so zusammen: "Das Universum ist nicht nett gewesen zu Auggie Pullman."

Auggies Universum verändert sich in dem Jahr, durch das wir ihn in diesem Buch begleiten. Der Zehnjährige soll zum ersten Mal eine Schule besuchen. Bisher hatte die Mutter ihn zu Hause unterrichtet. Und auch wenn August sich anfangs sträubt – "Ich gehe nicht gern da hin, wo viele Kinder rumlaufen" –, sein Wunsch, normal zu sein, ist größer. So springt er hinein in das, was für jedes Kind eine der ganz großen Herausforderungen der Schullaufbahn ist: in die fünfte Klasse.

Neue Lehrer, neue Mitschüler, neue Fächer. Es ist keine einfache Aufgabe, in all dem Neuen seinen Platz zu finden, auch ohne entstelltes Gesicht. An welchem Tisch man in der Mensa sitzt, bei den Angesagten oder den Außenseitern, ist existenziell – das sollten wir Erwachsenen niemals belächeln, nur weil wir es bereits hinter uns und überlebt haben.

Und natürlich passiert in dieser Geschichte all das, was an Schulen eben passiert: Es gibt die fiesen Kinder, die andere drangsalieren, einschüchtern, mobben und in Auggie ein perfektes Opfer finden. Aber es gibt auch die starken Kinder, die sich trauen, eine eigene Meinung zu vertreten, und sich gegen die Angesagten auflehnen. Summer und Jack heißen die beiden, die sich mit August anfreunden, obwohl sie dafür zunächst selbst ausgegrenzt werden. "Ich glaube, das Mutigste, was ich je getan habe, war, mich mit August anzufreunden", sagt Jack.

Ein Buch, das für mehr Austausch zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen wirbt? Sicher auch. Die Idee kam der New Yorker Autorin Raquel Palacio jedenfalls, als sie vor einigen Jahren ein Mädchen mit einem entstellten Gesicht sah – und die Flucht ergriff. Eine Szene, die sie in Wunder Auggies Freund Jack erleben lässt.

Wichtiger ist aber ein anderes Thema: Wer bin ich? Wer will ich sein? Mit zehn, elf Jahren steckt man in einer Zwischenphase: nicht mehr Kind, noch nicht Jugendlicher. Man lässt sich beschützen, Eltern klären Konflikte, wenn es zwischen den Kindern kracht. Gleichzeitig trifft man erste eigene Entscheidungen, wählt Freunde, macht sich Gedanken darüber, wie andere einen sehen. "Ich versuche ... weißt du ... mein Image ein bisschen zu ändern", erklärt August seiner Mutter.

Wer und wie will ich sein? Damit ringt nicht nur August, aus dessen Perspektive wir die Geschichte in weiten Teilen lesen. Auch alle um ihn herum hadern – mit sich und mit ihrer Beziehung zu Auggie. Dafür nehmen seine Schwester und Freunde immer wieder den Icherzählerpart ein. Da holpert es zwar in der Textkomposition ein wenig, doch das verzeiht man der Autorin, weil die erzählerische Form hier das aufgreift, worum es inhaltlich geht: um Empathie. Sich einfühlen, andere verstehen – das gelingt eben nur, wenn man die Perspektive wechselt.

Überzeugend erzählt Palacio aus der Sicht und in der Sprache der Kinder und Jugendlichen. Sie hat gut beobachtet: die eigenen beiden Söhne, deren Freunde und die Kinder ihrer Freunde. Sie kennt deren Welt mit Star Wars und Gregs Tagebuch, sie weiß, wie sie reden, womit sie hadern, worüber sie lachen – etwa über einen Direktor, der Pomann heißt. Wochenlang stand Wunder auf der Kinderbuch-Bestseller-Liste der New York Times, ein Buch, das man in einem Zug lesen will und das selbst Kritikern (auch der LUCHS-Jury) Tränen in die Augen treibt.

Was für ein Erfolg für ein Debüt! Allerdings ist die Debütantin kein Neuling in der Branche. Palacio heißt eigentlich Jaramillo, leitet das Kinderprogramm eines New Yorker Verlags und gestaltet seit Jahren Bücher. Unzählige angefangene Geschichten lägen in ihren Schubladen, sagte sie in einem Interview mit dem Guardian. Doch dies sei die erste, die sie abschließen konnte. Der Stoff habe sie förmlich gezwungen, ihn aufzuschreiben.

Dass da etwas rausmuss, erkennt auch, wer Auftritte oder Interviews von Palacio/Jaramillo sieht. Mit gefühlten 100 Ausrufezeichen versieht sie ihre Botschaft: Choose kind! – wähle die Freundlichkeit. In den USA hat der Verlag sogar eine Website samt Unterschriftenkampagne dazu ins Leben gerufen, bei der sich Schüler gegen Mobbing aussprechen. Dass es eine PR-Nummer ist – geschenkt, jedenfalls dann, wenn es tatsächlich eine Diskussion unter Kindern auslöst.

Wunderbar ist es, wenn Literatur Dinge in uns anstößt und uns dazu bringt, unser Verhalten zu überdenken oder gar zu ändern. Wunder gibt viele Anstöße, etwa wenn Direktor Pomann in seiner Jahresabschlussrede fordert, "immer ein wenig freundlicher zu sein als unbedingt nötig". Das klingt wie ein platter Kalenderspruch, ist aber in ihrer Schlichtheit eine alltagstaugliche Maxime. Oder wie Auggie sagen würde: "ultracool!"