Wer ist dieser Georg Baselitz? – Seite 1

Das Tor zum Anwesen des deutschen Malers Georg Baselitz gibt, anders als man denken könnte, einen dezenten und unauffälligen Anblick ab: braunes Holz. Hinter den Brettern, die sich elektrisch aufschwenken lassen, geht allerdings eine wahrhaft prächtige Landschaft los: Kieswege, weite, zu den Ufern des Ammersees hinabfallende Wiesen, alte Laubbäume, die wunderbar lichten und durchlässigen Gebäude der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron, ein Wohnhaus, Atelier, Werkstatt, Museum, Bootshaus.

Man hat den Hausherrn noch nicht zu Gesicht bekommen, da weiß man schon, dass der immer scheußliche und von dummen Menschen benutzte Titel vom "Malerfürsten" hier einmal passt. Das Holztor ist jenes Tor, das der auf der ganzen Welt bekannte Künstler Georg Baselitz jetzt der Steuerfahndung öffnen musste: Auf Unterlagen zur Schweizer Großbank UBS war der Name Baselitz aufgetaucht. Die Ermittler stellten, wie es dann immer heißt, kistenweise Unterlagen sicher.

Ein goldener Septembertag: Der ZEIT-Reporter ist bei Georg Baselitz eingeladen, um sein neues Zuhause am Ammersee zu besichtigen – zwei Sommer ist das her. 2006 hatte Baselitz das Schloss im niedersächsischen Derneburg, in dem er drei Jahrzehnte gelebt hatte, aufgegeben und das Seegrundstück in Buch, einem Ortsteil von Inning in Oberbayern, gekauft (es gab, gleich nach Baselitz’ Einzug, einen ziemlich lustigen, mit großem Tamtam in der Lokalpresse ausgetragenen Streit mit den anderen Anwohnern des Sees über einen Zaun, den Baselitz am Seeufer errichten wollte und dann doch besser nicht errichtete, was den Künstler nachhaltig empörte und erbitterte und laut darüber nachdenken ließ, ob man als Künstler im Spießerland Deutschland zu Hause sein kann). Die Herzog-de-Meuron-Gebäude, 2008 fertiggestellt, hatte zu diesem Zeitpunkt noch kein Journalist besichtigt.

Wir saßen oben im Atelier auf einer Empore, unter uns die große Halle, fünfzig mal zwanzig Meter weit, die mit einer riesenhaften Glasfassade im Grün vor dem Ammersee endet. Auf dem Fußboden lehnten rechts und links die mit Neonfarben bemalten Leinwände aus Baselitz’ Remix- Serie.

Ich erinnere mich vor allem: an seine grandios schlechte Laune. Man war als Baselitz-Interviewer von Künstlern, Galeristen und Journalistenkollegen gewarnt worden: Dieser Baselitz ist berühmt dafür, dass er auf wirklich unkomische Art schlechte Laune haben kann. Wir saßen drei, vier Stunden lang in seinem Atelier und redeten – besser: versuchten es mit dem Reden. Wir setzten immer wieder neu an.

Der große Baselitz: Er ist ja mindestens 1,90 Meter groß. Alles an ihm wirkt groß, der Glatzkopf, den man natürlich einen guten nennen muss, die Hände. Es liegt in der Größe seiner Erscheinung eine irgendwie weltmännisch wirkende Imposanz (was auch an seinem Tweedjackett liegen mag, das nach viel Geld und einem englischen Maßschneider aussieht). Man kann sich vorstellen, wie dieser kräftige Mann den Pinsel beim berühmten groben Strich führt oder mit der Stihl-Motorsäge in den Baumstämme hineinfährt. Des Malers Stimme bellte, schnalzte, knallte durch die Werkhalle. Er unterbrach sich immer wieder mit Sätzen wie: "Aber das wissen Sie ja viel besser als ich." Oder: "Darüber habe ich keine Lust mehr zu reden." Wenn das Gespräch, fast gegen seinen Willen, einmal Zug und Tempo aufnahm, dann sagte er: "Gut. Egal. Langweilt mich auch."

Immer wieder wollte Baselitz darüber reden, wie schlecht und respektlos ihn die deutsche Kunstkritik in den vergangenen drei, vier, fünf Jahrzehnten behandelt habe (im Zentrum der Empörung stand eine Kritik in der ZEIT aus dem Jahr 1979). Ich fragte: Echt? Ein Künstler, der heute international zu den wichtigsten, arriviertesten und teuersten gehört, regt sich über einen Artikel auf, der vor 35 Jahren erschienen ist? Doch, das tut er. Angenehm unsouverän für einen Malerfürsten. Natürlich auch: sympathisch.

"Letztlich kommt das politische System mit einem wie mir nicht zurande"

Was einem heute sonst noch zum Malerfürsten Baselitz einfällt? Erst mal eine Menge leider ein bisschen müde und abgegriffen klingende Titulierungen: der Wüterich, Kunstberserker, Kunstrebell. Georg Baselitz gilt heute ja immer auch – was gleichzeitig wunderbar bedeutsam und hohl klingt – als der deutscheste aller Maler.

Wer ist er also noch mal genau? Vor 75 Jahren im sächsischen Deutschbaselitz geboren (sein wahrer Name ist Hans-Georg Kern), wurde Baselitz Mitte der fünfziger Jahre wegen "gesellschaftspolitischer Unreife" aus der Kunstschule in Ost-Berlin entlassen; seine erste Ausstellung in West-Berlin, die heute legendäre Kracher wie Nackter Mann und Die große Nacht im Eimer zeigte, beschlagnahmt die Polizei. Seit Anfang der sechziger Jahre stellte sich Baselitz mit gegenständlicher und figurativer Malerei gegen das Diktat, nach dem fortschrittliche Kunst abstrakt zu sein habe – ein Schritt, der heute gar nicht wild, rebellisch und durchgedreht genug eingeschätzt werden kann –, und machte sich für die Kunstkritik deshalb von Anfang an verdächtig. Seit den siebziger Jahren dann: die Strategie der auf dem Kopf stehenden Motive, der Baselitz bis heute treu bleibt. Seit Anfang der achtziger Jahre zählt Baselitz mit Kiefer, Polke, Gerhard Richter zu den international am besten bezahlten deutschen Malern.

Wichtige Station in jeder Baselitz-Biografie: 1995 hängte sich Gerhard Schröder zu seinem Antritt als Bundeskanzler einen nach unten stürzenden Baselitz-Adler über den Kanzler-Schreibtisch. Baselitz wird – schöne Sache, scheußliche Sache – der Kanzlerkünstler. Seit Anfang der nuller Jahre gehen Baselitz-Preise dann endgültig durch die Decke (bei einer Auktion im Jahr 2008 erzielte ein Großformat einen Rekordpreis von 4,6 Millionen Dollar). Interessant ist doch, dass all die Kampfnamen, die heute so vielen erfolgreichen Künstlern gelten, einst für den Maler Baselitz erfunden wurden.

Was ist so deutsch am deutschen Maler Georg Baselitz? Natürlich der Existenzialismus, die schwere und schwarze Schicksalhaftigkeit, die viele seiner Werke von Anfang an durchweht. Natürlich auch, dass Baselitz sich in Interviews so gerne aufregt und über allerhand Dummheit beschwert (dumme Politiker, dumme Museen, die dumme Berliner Museumsmeile, ja, auch über die dumme deutsche Steuerpolitik). Wenn Baselitz schimpft, dann gerne in der Nähe von grandioser Vereinfachung, Plattheit, Abstrusität: "Ich bin ein Stammtischmensch." 

"Gefangen in Denk- und Sprechverboten"

Über Deutschland sagt er: "Hier sind Sie gefangen in Denk- und Sprechverboten." Welche Sprechverbote meint er denn? Nicht so wichtig (vielleicht ist es wichtiger, dass der Provokateur Baselitz das ungeheure Wort "Denkverbote" im Zusammenhang mit Deutschland in den Mund nimmt). Beim Gespräch mit der ZEIT lässt Baselitz sich auch über die Ignoranz von Politik und Staat gegenüber deutschen Großkünstlern aus. Da geht es auch über das deutsche Steuerrecht. Zitat: "Ich weiß nicht, wie viel zum Beispiel Gerhard Richter im Jahr Steuern zahlt. Ich nehme mal an, 20 oder 30 Millionen. Da liegt es doch nahe, dass der Staat statt dieser Steuern Bilder von ihm nimmt, wie das in Amerika üblich ist – wie reich deutsche Museen dann wären!"

Klar ist ja auch, dass Baselitz für sich spricht, wenn er seinen großen Malerkollegen Richter erwähnt. Fazit Baselitz: "Letztlich kommt das politische System mit einem wie mir nicht zurande. Niemand will einen haben." Ganz ist beim Malerfürsten Baselitz nie klar, ob er wirklich leidet oder ob ihm das Schlechte-Laune-Haben einfach so viel Spaß macht. Wie man als weltweit erfolgreicher und hochdekorierter Künstler so uneins und verquer zur Welt stehen kann – das hat Charakter, das ist, für sich genommen, auch eine Kunst.

Am schönen Septembernachmittag kommt dann Bruno Brunnet von Baselitz’ Berliner Galerie Contemporary Fine Arts dazu: Weißwürschtl und Brezn. Baselitz bittet den Fotografen, dass das Haus nicht im Bild ist. Den Neid der Leute, so der Malerfürst, den kann er wirklich nicht brauchen.

Anmerkung der Redaktion (13.5.13): Georg Baselitz' eigentlicher Name lautet nicht Hans-Georg Klein, sondern Hans-Georg Kern.