Was einem heute sonst noch zum Malerfürsten Baselitz einfällt? Erst mal eine Menge leider ein bisschen müde und abgegriffen klingende Titulierungen: der Wüterich, Kunstberserker, Kunstrebell. Georg Baselitz gilt heute ja immer auch – was gleichzeitig wunderbar bedeutsam und hohl klingt – als der deutscheste aller Maler.

Wer ist er also noch mal genau? Vor 75 Jahren im sächsischen Deutschbaselitz geboren (sein wahrer Name ist Hans-Georg Kern), wurde Baselitz Mitte der fünfziger Jahre wegen "gesellschaftspolitischer Unreife" aus der Kunstschule in Ost-Berlin entlassen; seine erste Ausstellung in West-Berlin, die heute legendäre Kracher wie Nackter Mann und Die große Nacht im Eimer zeigte, beschlagnahmt die Polizei. Seit Anfang der sechziger Jahre stellte sich Baselitz mit gegenständlicher und figurativer Malerei gegen das Diktat, nach dem fortschrittliche Kunst abstrakt zu sein habe – ein Schritt, der heute gar nicht wild, rebellisch und durchgedreht genug eingeschätzt werden kann –, und machte sich für die Kunstkritik deshalb von Anfang an verdächtig. Seit den siebziger Jahren dann: die Strategie der auf dem Kopf stehenden Motive, der Baselitz bis heute treu bleibt. Seit Anfang der achtziger Jahre zählt Baselitz mit Kiefer, Polke, Gerhard Richter zu den international am besten bezahlten deutschen Malern.

Wichtige Station in jeder Baselitz-Biografie: 1995 hängte sich Gerhard Schröder zu seinem Antritt als Bundeskanzler einen nach unten stürzenden Baselitz-Adler über den Kanzler-Schreibtisch. Baselitz wird – schöne Sache, scheußliche Sache – der Kanzlerkünstler. Seit Anfang der nuller Jahre gehen Baselitz-Preise dann endgültig durch die Decke (bei einer Auktion im Jahr 2008 erzielte ein Großformat einen Rekordpreis von 4,6 Millionen Dollar). Interessant ist doch, dass all die Kampfnamen, die heute so vielen erfolgreichen Künstlern gelten, einst für den Maler Baselitz erfunden wurden.

Was ist so deutsch am deutschen Maler Georg Baselitz? Natürlich der Existenzialismus, die schwere und schwarze Schicksalhaftigkeit, die viele seiner Werke von Anfang an durchweht. Natürlich auch, dass Baselitz sich in Interviews so gerne aufregt und über allerhand Dummheit beschwert (dumme Politiker, dumme Museen, die dumme Berliner Museumsmeile, ja, auch über die dumme deutsche Steuerpolitik). Wenn Baselitz schimpft, dann gerne in der Nähe von grandioser Vereinfachung, Plattheit, Abstrusität: "Ich bin ein Stammtischmensch." 

"Gefangen in Denk- und Sprechverboten"

Über Deutschland sagt er: "Hier sind Sie gefangen in Denk- und Sprechverboten." Welche Sprechverbote meint er denn? Nicht so wichtig (vielleicht ist es wichtiger, dass der Provokateur Baselitz das ungeheure Wort "Denkverbote" im Zusammenhang mit Deutschland in den Mund nimmt). Beim Gespräch mit der ZEIT lässt Baselitz sich auch über die Ignoranz von Politik und Staat gegenüber deutschen Großkünstlern aus. Da geht es auch über das deutsche Steuerrecht. Zitat: "Ich weiß nicht, wie viel zum Beispiel Gerhard Richter im Jahr Steuern zahlt. Ich nehme mal an, 20 oder 30 Millionen. Da liegt es doch nahe, dass der Staat statt dieser Steuern Bilder von ihm nimmt, wie das in Amerika üblich ist – wie reich deutsche Museen dann wären!"

Klar ist ja auch, dass Baselitz für sich spricht, wenn er seinen großen Malerkollegen Richter erwähnt. Fazit Baselitz: "Letztlich kommt das politische System mit einem wie mir nicht zurande. Niemand will einen haben." Ganz ist beim Malerfürsten Baselitz nie klar, ob er wirklich leidet oder ob ihm das Schlechte-Laune-Haben einfach so viel Spaß macht. Wie man als weltweit erfolgreicher und hochdekorierter Künstler so uneins und verquer zur Welt stehen kann – das hat Charakter, das ist, für sich genommen, auch eine Kunst.

Am schönen Septembernachmittag kommt dann Bruno Brunnet von Baselitz’ Berliner Galerie Contemporary Fine Arts dazu: Weißwürschtl und Brezn. Baselitz bittet den Fotografen, dass das Haus nicht im Bild ist. Den Neid der Leute, so der Malerfürst, den kann er wirklich nicht brauchen.

Anmerkung der Redaktion (13.5.13): Georg Baselitz' eigentlicher Name lautet nicht Hans-Georg Klein, sondern Hans-Georg Kern.