Der Diplomat – Seite 1

Ja, auch der Harlem Shake ist irgendwie Diplos Schuld. Auf seinem Label, Mad Decent, ist das gleichnamige Stück erschienen, aus dem Anfang 2013 ein Web-Phänomen wurde, ein Tagesschau- und Feuilletonthema, ein Nummer-eins-Hit in den USA und anderswo, der weltweite Wahnsinn. Diplo, 34, mit bürgerlichem Namen Thomas Wesley Pentz, lebt in Los Angeles und ist einer der gefragtesten Pop-Produzenten der Gegenwart. Wusste er beim ersten Hören, dass diese Debütsingle eines DJs namens Baauer ein Hit wird? "Als ich das Stück voriges Jahr bei uns unter Vertrag nahm, wusste ich: Das wird richtig groß", sagt Diplo bei einem Zwischenstopp in Hamburg Ende April. "Daraus wird ein riesiges YouTube-Phänomen. Ich habe alles haargenau so vorhergesehen."

Das meint er nicht ernst. "Nein. Es war einfach ein absurder Glückstreffer", sagt er und muss immer noch ungläubig den Kopf schütteln. Aber: Für diesen Treffer habe sein Label eben die Voraussetzungen geschaffen. Anfangs hat es das Stück zum kostenlosen Download angeboten, im Netz zirkulierte es monatelang, bis es einen Amateurkomiker inspirierte, ein lustiges Video daraus zu machen. "Darin liegt, glaube ich, die Zukunft", sagt Diplo: "Lasst die Musik frei, dann können die unglaublichsten Dinge passieren."

Genau darin besteht Diplos großes Talent als Produzent: Er hat in der Digitalisierung der Musikwelt Möglichkeiten entdeckt, die er wie kein anderer ausschöpft – und landet damit einen Glückstreffer nach dem anderen, seit Jahren schon. Die traditionelle Musikindustrie mag in einer Dauerkrise stecken, die Diplo-Industrie boomt.

Sein kommerzieller Erfolg ist umso erstaunlicher, da sein Sound alles andere als gefällig ist, er ist oft hart, schroff, krass. Allerdings nie düster, im Gegenteil: euphorisierend. Diplos Musik ist ein hoch konzentrierter Pop-Extrakt. Zielgruppe: Menschen unter 25.

Und so kommt es, dass sich Stars wie Shakira, Justin Bieber oder Usher an Diplo wenden, wenn sie etwas riskieren möchten, frischer, relevanter klingen wollen. Diplo wiederum interessiert sich, als Labelchef, DJ, Klangfanatiker, fast nur für Musiker, die jünger und heftiger sind als er selbst. Das war schon so, als er seinerseits Anfang 20 war und als DJ in Philadelphia Partys auf die Beine stellte. Auf der Suche nach neuem Stoff reiste er damals nach Rio, entdeckte in den Favelas die exzessive Tanzmusik, die Teenager dort auf billigen Laptops produzierten, und machte sie in den USA bekannt. Nach dem Neuen fahndet er heute auf den Soundcloud-Seiten junger DJs und obskurer Dubstep-Tüftler. Weil er versteht, was dort gespielt wird, kann Diplo immer wieder zehn, zwanzig Jahre Altersunterschied zwischen Stars und Fans überbrücken. Er hat an Beyoncés vorigem Album mitgearbeitet, jetzt ist das nächste dran. Darauf könnte er sich jetzt konzentrieren, tut er aber nicht. Diplo ist der seltene Fall eines Menschen, der sein Glück im permanenten Multitasking findet.

Wenn man Diplos Aktivitäten eine Weile beobachtet, sieht man das Internet in Aktion. In 300 Nächten pro Jahr tritt er als DJ auf, überall zwischen Toronto, Tel Aviv, Melbourne. Geografie spielt für ihn keine Rolle mehr. Auf seinem Laptop managt er während der langen Flüge sein Label und macht Remixe. Über Twitter hält er 600.000 Interessierte auf dem Laufenden und diese ihn.

Ein Hirngespinst, das so aussieht, wie die Musik klingt

Zurzeit ist Diplo mit seinem mächtigsten Vehikel auf Welttournee, dem Bandprojekt Major Lazer, einem Reggae-House-Dubstep-Monster mit Wurzeln in Jamaika und Auswüchsen in die wildesten Spielarten elektronischer Tanzmusik hinein. Die virtuelle Band mit wechselnden Gästen wird zusammengehalten von einem Hirngespinst, das so aussieht, wie die Musik klingt: der Laserkanonen schwenkenden Comicfigur Major Lazer, Rächer der Unterdrückten, unterwegs auf einem raketengetriebenen Skateboard. 2009 erschien das erste Album, vor vier Wochen das oft verschobene, längst überfällige zweite, unter dem ambitionierten Titel Free the Universe.

Diplos Alter Ego: Die Comicfigur Major Lazer

Das Patois jamaikanischer Dancehall-Stars steht bei Major Lazer im Vordergrund. Als Teenager in den Neunzigern, erzählt Diplo, habe er in Florida gelebt, "da ist die Karibik nicht weit". Dort entdeckte er seine Liebe zur basslastigen Tanzmusik aus Kingston und Miami. Das hat ihn geprägt, aber jede Retro-Sehnsucht ist ihm fremd.

Bei Major Lazers Liveauftritten dient selbst das aktuelle Album nur noch als Rohmaterial für einen maximal effektiven Dance-Remix: immer geradeaus, voll drauf, mit gigantischen Bässen und lustigen Effekten. Beim Auftakt der Europatour in Hamburg hopst das auffallend sportliche Publikum – Durchschnittsalter: Anfang 20 – zwei Stunden lang begeistert mit. Auf der Bühne: kein einziges Musikinstrument, wozu auch, dafür zwei enthemmte Tänzerinnen aus Jamaika und ein Diplo, der anfangs noch in Anzug und Krawatte an den Reglern dreht, dann in einem Plastikball über die Menge rollt und am Ende mit nacktem Oberkörper herumtobt. Sein Tanzekstase-Programm funktioniert hier genauso gut wie in Paris, Mexico City, Tokio.

Dafür lieben ihn nicht nur seine Fans, sondern auch Marketingchefs. Den Auftritt in Hamburg sponserte Converse, auch Red Bull und Blackberry diente Diplo schon als Werbefigur. Die Major-Lazer-Single Get Free war in einem Mobilfunk-Spot zu hören. Zu Kooperationen aller Art sagt Diplo lieber Ja als Nein.

"Es klingt vielleicht so, als ob ich supergestresst sein müsste", sagt Diplo, der gleich nach dem Interview schnell noch einen Remix fertig kriegen muss. "Aber so ist es gar nicht. Ich habe dieses Jahr sogar noch ein paar Termine als DJ frei."

Diplo kann einfach nicht stillstehen. Gut möglich, dass das auch an der irrsinnigen Schubkraft seiner eigenen Beats liegt, die jegliches Innehalten wegballern. In den nächsten Jahren will er jedenfalls noch "so viel Musik wie möglich" machen. Bis jemand kommt, der es schafft, Diplos Zehner-Jahre-Sound ein kleines bisschen alt erscheinen zu lassen. Das wird aber noch eine Weile dauern. Bis dahin gehört Diplo die Zukunft.