Zurzeit ist Diplo mit seinem mächtigsten Vehikel auf Welttournee, dem Bandprojekt Major Lazer, einem Reggae-House-Dubstep-Monster mit Wurzeln in Jamaika und Auswüchsen in die wildesten Spielarten elektronischer Tanzmusik hinein. Die virtuelle Band mit wechselnden Gästen wird zusammengehalten von einem Hirngespinst, das so aussieht, wie die Musik klingt: der Laserkanonen schwenkenden Comicfigur Major Lazer, Rächer der Unterdrückten, unterwegs auf einem raketengetriebenen Skateboard. 2009 erschien das erste Album, vor vier Wochen das oft verschobene, längst überfällige zweite, unter dem ambitionierten Titel Free the Universe.

Diplos Alter Ego: Die Comicfigur Major Lazer

Das Patois jamaikanischer Dancehall-Stars steht bei Major Lazer im Vordergrund. Als Teenager in den Neunzigern, erzählt Diplo, habe er in Florida gelebt, "da ist die Karibik nicht weit". Dort entdeckte er seine Liebe zur basslastigen Tanzmusik aus Kingston und Miami. Das hat ihn geprägt, aber jede Retro-Sehnsucht ist ihm fremd.

Bei Major Lazers Liveauftritten dient selbst das aktuelle Album nur noch als Rohmaterial für einen maximal effektiven Dance-Remix: immer geradeaus, voll drauf, mit gigantischen Bässen und lustigen Effekten. Beim Auftakt der Europatour in Hamburg hopst das auffallend sportliche Publikum – Durchschnittsalter: Anfang 20 – zwei Stunden lang begeistert mit. Auf der Bühne: kein einziges Musikinstrument, wozu auch, dafür zwei enthemmte Tänzerinnen aus Jamaika und ein Diplo, der anfangs noch in Anzug und Krawatte an den Reglern dreht, dann in einem Plastikball über die Menge rollt und am Ende mit nacktem Oberkörper herumtobt. Sein Tanzekstase-Programm funktioniert hier genauso gut wie in Paris, Mexico City, Tokio.

Dafür lieben ihn nicht nur seine Fans, sondern auch Marketingchefs. Den Auftritt in Hamburg sponserte Converse, auch Red Bull und Blackberry diente Diplo schon als Werbefigur. Die Major-Lazer-Single Get Free war in einem Mobilfunk-Spot zu hören. Zu Kooperationen aller Art sagt Diplo lieber Ja als Nein.

"Es klingt vielleicht so, als ob ich supergestresst sein müsste", sagt Diplo, der gleich nach dem Interview schnell noch einen Remix fertig kriegen muss. "Aber so ist es gar nicht. Ich habe dieses Jahr sogar noch ein paar Termine als DJ frei."

Diplo kann einfach nicht stillstehen. Gut möglich, dass das auch an der irrsinnigen Schubkraft seiner eigenen Beats liegt, die jegliches Innehalten wegballern. In den nächsten Jahren will er jedenfalls noch "so viel Musik wie möglich" machen. Bis jemand kommt, der es schafft, Diplos Zehner-Jahre-Sound ein kleines bisschen alt erscheinen zu lassen. Das wird aber noch eine Weile dauern. Bis dahin gehört Diplo die Zukunft.