Kennen wir die nicht? – Seite 1

Evelyn Roll

Leitende Redakteurin der "Süddeutschen Zeitung", veröffentlichte im Jahr 2001 "Das Mädchen und die Macht. Angela Merkels demokratischer Aufbruch" (Rowohlt)

1. Haben wir Angela Merkel schon verstanden? Ich glaube, nein.

2. Ihre Entdeckung? Es gibt neuerdings eine seltsame, etwas beängstigende Krankheit unter Journalisten, die man Hochgeschwindigkeitsamnesie nennen könnte. Diese Krankheit macht es offenbar möglich, altbekannte Geschichten jederzeit noch einmal als neu enthüllt zu verkaufen und damit Schlagzeilen zu bekommen. Ich gebe nur eines von leider sehr vielen traurigen Beispielen; und weil ich die jetzt plötzlich sehr zahlreich erscheinenden neuen Merkel-Biografien nicht alle gelesen habe, tue ich das auf der Basis des Werbetextes zu einem dieser Bücher und den Meldungen, die es hervorgerufen hat: Angela Merkel war doch tatsächlich – FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda! Diese Tatsache und auch, wie man sie bewerten und einordnen kann, füllt in meinem ersten Merkel-Buch aus dem Jahr 2001 ein ganzes Kapitel, es heißt Der Fluch der blauen Hemden . Demnächst "enthüllt" dann vielleicht jemand noch einmal, dass Angela Merkel eine Wohnung besetzt hat in Ost-Berlin; oder dass sie eigentlich gebürtige Westdeutsche ist und außerdem schon mal verheiratet war.

3. Gibt es weiße Flecken? Das kann ich nicht beantworten. Wenn ein weißer Fleck erst einmal identifiziert ist, ist er ja keiner mehr.

4. Wie systemkonform war Merkel? Sie war skeptisch, westsehnsüchtig bis resigniert, aber arrangiert, so wie sehr viele, die das Pech hatten, im Osten aufzuwachsen.

5. Ihre Frage an sie? "Frau Bundeskanzlerin, lassen Sie sich in so einem Wahljahr die vielen neuen Merkel-Biografien kommen, und schauen Sie wenigstens die Cover an?"

6. Merkels Kanzler-Rang? In die obere Hälfte, vor allem wegen ihrer Außenpolitik und der Tatsache, dass sie das Kanzleramt endlich für eine Frau erobert hat. Wenn Europa und der Euro die gegenwärtige Krise nicht nur überleben, sondern am Ende tatsächlich besser rauskommen, als sie reingegangen sind, werden die Historiker Merkel im Rückblick einen Platz sehr weit oben in dieser besseren Hälfte zuweisen.

Nikolaus Blome

Nikolaus Blome

Mitglied der "Bild"-Chefredaktion, brachte 2013 das Buch "Angela Merkel – Die Zauder-Künstlerin" (Pantheon) heraus

1. Haben wir Angela Merkel schon verstanden? Nein, noch nicht ganz. Sonst wären wir Hauptstadtjournalisten ja auch arbeitslos. Aber wir verstehen sie jeden Tag ein bisschen besser, und vielleicht haben ganz viele "normale" Bürger sie schon jetzt besser erkannt als mancher von uns.

 2.Ihre Entdeckung? Unter anderem, dass sie häufiger "Scheiße" sagt, als man es seinen Kindern erlauben würde. Dass ihr politischer Kompass nicht aus Antworten besteht, sondern aus Fragen. Und warum sie 2015 als erste Kanzlerin überhaupt freiwillig aus dem Amt scheiden will.

3. Gibt es weiße Flecken? Jene in der Zukunft interessieren mich mehr als die in der Vergangenheit. Würde sie im Fall des Falles doch Eurobonds akzeptieren oder eher den Euro auseinanderbrechen lassen?

4. Wie systemkonform war Merkel? Das kann ich im Einzelnen nicht beurteilen. Unterm Strich zählt, dass sie niemandem geschadet hat, der sich andernfalls in den letzten 20 Jahren beklagt hätte.

5. Ihre Frage an sie? Ob sie gern auch noch die SPD so still, zäh und radikal verändern würde, wie sie es mit der CDU seit über zehn Jahren macht.

6. Merkels Kanzler-Rang? Über Angela Merkels Rang unter den Kanzlern wird allein entscheiden, ob ihr die Euro-Rettung gelingt. Denn ein selbst gewähltes "Projekt", das ihren Platz ausmachen könnte, hat sie nicht, will sie nicht haben.

Judy Dempsey

Judy Dempsey

Kolumnistin der "International Herald Tribune", veröffentlichte in diesem Jahr "Das Phänomen Merkel. Deutschlands Macht und Möglichkeiten" (edition Körber-Stiftung). Die Irin lebt in Berlin

1. Haben wir Angela Merkel schon verstanden? Was für eine überhebliche Einstellung, zu denken, man würde einen Politiker verstehen! Dazu noch jemand wie Merkel, die ihre Persönlichkeit so stark abschirmt! Allenfalls können wir einen kleinen Ausschnitt von ihr verstehen: jenen Teil, der mit großem Geschick und großer Härte die Macht erobert hat und nun verteidigt.

2. Ihre Entdeckung? Wie jemand als engagierte Menschenrechtlerin ins Amt kommt, nur um sich dann zur Realpolitikerin zurechtschleifen zu lassen. Zu Beginn ihrer Kanzlerschaft forderte Merkel von George W. Bush die Schließung von Guantánamo, traf sich mit Bürgerrechtlern in Moskau und lud den Dalai Lama ins Kanzleramt ein. Von alldem ist nicht viel übrig geblieben.

3. Gibt es weiße Flecken? An was Angela Merkel wirklich glaubt.

4.Wie systemkonform war Merkel? Merkel war sicherlich sehr systemkonform, sie hatte sich in der DDR eingerichtet. Diese Vergangenheit hat sie geprägt. Zum Beispiel dahingehend, dass es nur sehr wenige, langjährige Vertraute gibt, denen gegenüber sie offen ist.

5. Ihre Frage an sie? "Frau Bundeskanzlerin, haben Sie erreicht, was Sie hätten erreichen können?"

6. Merkels Kanzler-Rang? Nummer vier, nach Adenauer, Brandt und Kohl.

Stephan Hebel

Stephan Hebel

Autor der "Frankfurter Rundschau", publizierte 2013 "Mutter Blamage. Warum die Nation Angela Merkel und ihre Politik nicht braucht" (Westend)

1.Haben wir Angela Merkel schon verstanden? Ich nehme die Frage politisch; persönliche Charakterstudien aus der Ferne sind meine Sache nicht. Nein, "wir" – da schließe ich viele Medien ein – sind den Motiven der Kanzlerin bisher nur unvollständig auf der Spur. Und ich bin sicher, dass Angela Merkel genau das will. Ich sehe ihre nach allen Seiten offene "Kanzlerin für alle"-Attitüde als bewusst eingesetztes Mittel zur Verschleierung ihrer Ideologie.

2. Ihre Entdeckung? Mutter Blamage ist kein Enthüllungsbuch im landläufigen Sinne. Es ist aber, unbescheiden gesagt, das erste Buch, das den sorgfältig verschleierten Maximen dieser Kanzlerin anhand ihrer realen Politik nachspürt. Merkel entpuppt sich dabei in entscheidenden Politikfeldern – Wirtschaft, Soziales – als Kanzlerin des Neoliberalismus.

3. Gibt es weiße Flecken? Die jungen Jahre in der DDR.

4. Wie systemkonform war Merkel? Ehrlich: Ich weiß es nicht. Ich habe – zumal als Westdeutscher – gelernt, aus einzelnen biografischen Versatzstücken keine schnellen Schlüsse zu ziehen. Eines muss man Merkel auf jeden Fall zugestehen: Spätestens nach der Wende ist sie zur glühenden Verfechterin der freien Marktwirtschaft geworden. So glühend leider, dass sie die positive Rolle (sozial-)staatlicher Steuerung sträflich gering schätzt. Vielleicht ist dieses Staatsmisstrauen ihr eigentliches "Mitbringsel" aus der Erfahrung der SED-Diktatur.

5. Ihre Frage an sie? "Glauben Sie wirklich, dass man Fortschritt in Freiheit durch Armut und Ungerechtigkeit sichern kann, wie Sie das von den EU-Partnern verlangen?"

6. Merkels Kanzler-Rang? Auf Platz vier hinter Brandt, Kohl und Adenauer. Allerdings aus wenig schmeichelhaftem Grund: Sie wird als diejenige Regierungschefin in die Geschichte eingehen, die die europäische Einigung als Projekt zur Sicherung nationaler (ökonomischer) Vorteile für Deutschland betrieb.

Jacqueline Boysen

Jacqueline Boysen

Studienleiterin an der Evangelischen Akademie zu Berlin, vormals "Deutschlandfunk"-Journalistin, veröffentlichte 2001 "Angela Merkel. Eine deutsch-deutsche Biographie" (Ullstein)

1.Haben wir Angela Merkel schon verstanden? Was heißt: einen Menschen verstehen? Wir merken, dass Angela Merkel in vielem anders redet oder handelt als andere Personen des öffentlichen Lebens. Sie führt uns unsere eigene Beschränktheit vor, wenn sie nicht in Schubladen passt, wenn sie uns, ihre Partei, andere Regierungschefs überrascht. Das macht immer wieder neugierig, aber es führt zugleich zu Missverständnissen und Mystifizierung, Attacken und Fehlinformationen – gerade über ihr Leben in der DDR.

2.Ihre Entdeckung? Warum Freiheit für Angela Merkel mehr als ein Wort ist. In aller Bescheidenheit: Bevor ich 2001 meine "deutsch-deutsche Biographie" über sie veröffentlicht habe, gab es wenig Informationen über ihr Leben vor 1989. Ich habe recherchiert, was Angela Kasner als Kind oder als Jugendliche erlebt, was Angela Merkel als Studentin oder als junge Wissenschaftlerin erfahren oder geprägt hat. Biografen wie der gerade tragisch früh verstorbene Politikwissenschaftler Gerd Langguth, die ihre Untersuchungen der Kanzlerin und Parteivorsitzenden widmeten, konnten daran anknüpfen.

3.Gibt es weiße Flecken? Mein Eindruck ist, es sind weniger weiße Flecken, es ist vielmehr ein fundamentales Ost-West-Unverständnis, das immer wieder aufbricht. Warum wird Angela Merkel jetzt wieder vorgehalten, sie habe in den Endjahren der DDR nicht das Ende des Staates erkämpft? Wer in Ost oder West tat das schon? Auch die sehr heterogene DDR-Opposition, zu der Merkel nicht zählte, wollte vor allem Veränderungen des bestehenden Systems nach dem Vorbild von Perestroika und Glasnost – alles andere verbot sich in der Diktatur und angesichts der für unverrückbar gehaltenen Mauer für die meisten von selbst.

4. Wie systemkonform war Merkel? Angela Merkel war weder systemnah noch Widerständlerin. Sie lebte, wie viele DDR-Bürger, in einer immer wieder neu austarierten Balance zwischen eigenem Willen und Anpassung; gegängelt und zwischen den Stühlen: als Pfarrerskind und bei den Jungen Pionieren, als Christin und Naturwissenschaftlerin an einem DDR-Institut, mit einem strengen und vom Sozialismus überzeugten Vater, abgeschnitten von den Cousinen in Hamburg, mit einer Sehnsucht nach Reisen; einerseits über die Kirche privilegiert, andererseits bei der FDJ und doch mit begrenzten Karrierechancen ausgerüstet.

5. Ihre Frage an sie? Wann hat sie zuletzt Pflaumenkuchen gebacken? – Im Ernst: Es haben sich einige Mythen verfestigt, manche gewiss mithilfe von Marketingstrategen, die ein Image entwerfen, es aber mit Merkel nicht leicht haben dürften. Das angebliche Faible für Backwerk aus dem eigenen Ofen hat mich immer skeptisch gemacht – verbunden mit der Frage: Wie schöpft sie in der knappen Zeit, die ihr das Amt lässt, Luft und Kraft?

6. Merkels Kanzler-Rang? Ohne den Herren, die alle ihre Verdienste haben, zu nahetreten zu wollen: Angela Merkel stünde weit oben auf so einer Liste. Ich wage die Vermutung, dass ihr ein zu ihren Lebzeiten aufgestelltes Ranking relativ egal wäre. Und nicht nur das unterscheidet sie von den sieben Herren.

Ralf Georg Reuth

Ralf Georg Reuth

Historiker und "Bild"-Journalist; Co-Autor des Buches "Das erste Leben der Angela M." (Piper), das die aktuelle Merkel-Kontroverse ausgelöst hat

1. Haben wir Angela Merkel schon verstanden? Ich versuchte es.

2.Ihre Entdeckung? Da schreibt man mit dem Kollegen ein ganzes Buch, und die Öffentlichkeit beschäftigt sich mit der banalen Frage, ob Angela Merkel einst Sekretärin für Agitation und Propaganda war oder nicht. Das erste Leben der Angela M. ist ein Geschichtswerk mit vielen Quellenbelegen. Die heutige Bundeskanzlerin wird in ihre Zeit gestellt. Da spielt der Blick auf ihr Elternhaus, ihr Umfeld an der Akademie der Wissenschaften und auf jene, die ihr in der Wendezeit die Karriere ermöglichten, eine ebenso große Rolle wie die Person Merkel als solche. Das ist meines Erachtens das Interessante an dem Buch – und nicht etwa die Frage, ob sie Sekretärin für Agitation und Propaganda war. Sie war es übrigens!

3. Gibt es weiße Flecken? Der große weiße Fleck war bislang, was die heutige Bundeskanzlerin im Wendejahr 1989 gemacht hat. Durch unsere Recherchen wissen wir, dass sie schon vor dem Mauerfall politisch engagiert war. Sie trat damals für einen demokratischen Sozialismus in einer eigenständigen DDR ein. Das war übrigens zunächst das Ziel all derer, die sich in den neuen politischen Organisationen engagierten.

4. Wie systemkonform war Merkel? Angela Merkel war im SED-Staat gesellschaftspolitisch engagiert. Sie gehörte der FDJ an, dem FDGB und der DSF (Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft). Das taten viele, aber Merkel war nicht nur Mitglied, sondern Funktionärin, was ganz und gar nicht zum Bild der systemkritischen Pfarrerstochter passt.

5. Ihre Frage an sie? Wir – mein Kollege Günther Lachmann und ich – haben ja einen Fragenkatalog bei der Kanzlerin eingereicht. Uns wurde leider mitgeteilt, dass die Kanzlerin keine Zeit für unser Anliegen habe. Zu den Fragen hatte auch diejenige gehört, wie Angela Merkel im Herbst 1989 zu den Reformern in der SED gestanden habe. Darauf hätten wir immer noch gerne eine Antwort.

6. Merkels Kanzler-Rang? Diese Frage ist unzulässig. Die historische Bedeutung von Politikern (und damit auch von Kanzlern) lässt sich erst aus der gebührenden Distanz würdigen. Im Falle Merkels wird es davon abhängen, wie das mit dem Euro ausgeht.

Volker Resing

Volker Resing

Hauptstadtkorrespondent der Katholischen Nachrichtenagentur, publizierte 2009 "Angela Merkel. Die Protestantin" (St.Benno-Verlag)

1. Haben wir Angela Merkel schon verstanden? Nein, was vor allem an uns selber liegt. Viele finden das auch gar nicht so schlimm. Merkels Beliebtheit resultiert ja auch daher, dass der Wunsch nach rundum durchleuchteten Polit-Popstars in Deutschland relativ gering ist. Es zählt vor allem, was sie macht. Dass Merkel vielen unverständlich bleibt, liegt natürlich aber auch an ihren ersten 35 Jahren in der DDR. Die Wiedervereinigung ist wohl in vielen westdeutschen Köpfen noch nicht vollzogen. Da wird bei der Aufarbeitung der ostdeutschen Diktaturerfahrung bisweilen immer noch verbale Siegerjustiz geübt. Das zeigt die jüngste Debatte über Merkels DDR-Vergangenheit. Es fehlt ein Bewertungsmaßstab über Schuld und Vergehen unter den Bedingungen der Zwangsherrschaft. Was ist eigentlich historisch schlimmer, FDJ-Funktionärin in Berlin-Adlershof gewesen zu sein oder Mitglied im Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) im freien Westen. Oder was war schlimmer: Joschka Fischers Straßenkampf im demokratischen Frankfurt oder Merkels Studium im kommunistischen Moskau? Merkel ist sicher die wohl unwahrscheinlichste Kanzlerin Deutschlands. Eine verblüffende Ironie der Geschichte. Da werden wir noch lange brauchen, das zu verstehen.

2. Ihre Entdeckung? Meine These war: Angela Merkel ist mehr preußische Protestantin als ostdeutsche Physikerin. Dafür finden sich in dem Buch neue und bereits bekannte Belege. Sie, die gebürtige Hamburgerin, war Ostdeutsche wider Willen, und Physik hat sie als Kompromiss studiert. Sie hat sich Nischen gesucht, in denen sie ihren Interessen nachgehen konnte. Dazu gehörte die Gethsemane-Gemeinde in Prenzlauer Berg, wo sie Freunde fürs Leben fand, genauso wie die Gruppen in der Hochschule, mit denen sie Vorträge und Theaterabende organisierte. Dazu war immer Anpassung nötig.

3. Gibt es weiße Flecken? Da sind sicher noch einige, vor 1990 vor allem eher private Details und Windungen. Doch ob sie politisch relevant sind?

4. Wie systemkonform war Merkel? Es gibt diese berühmte Geschichte, wonach Merkel als Gymnasiastin wegen des Vortrags eines vermeintlich regimekritischen Gedichts von Christian Morgenstern fast von der Schule geflogen wäre. Es sitzen Möpse gern auf Mauerecken … Auch dank der politischen Beziehungen des Vaters Horst Kasner konnte der Ärger abgewendet werden. Nun ließe sich schließen, die Abiturientin Angela sei aufmüpfig dem System gegenüber gewesen, aber auch folgern, die Familie sei eben so "systemkonform" gewesen, dass nichts Schlimmes passierte. In Wahrheit gilt wohl eher die Erkenntnis, dass es in der DDR, wie so oft, nur rund fünf Prozent "Täter" und fünf Prozent "Opfer" gab, der Rest war normal beziehungsweise "systemkonform". Zum Rest gehörte Merkel.

5. Ihre Frage an sie? Wann und wobei genau sie ihren Machtinstinkt, ihre besondere Durchsetzungsgabe und ihre Fähigkeit zu einer gewissen Härte in Auseinandersetzungen an sich selbst entdeckt hat.

6. Merkels Kanzler-Rang? Zwischen Platz zwei und acht ist noch ziemlich viel drin.

Cora Stephan

Cora Stephan

Publizistin, veröffentlichte 2011 das Buch: "Angela Merkel. Ein Irrtum" (Knaus)

1. Haben wir Angela Merkel schon verstanden? Zurückgefragt: Ist sie denn ein Rätsel? Oder versteht man sie falsch, wenn man ihr unterstellt, der ganzen Republik eine überstürzte "Energiewende" verordnet zu haben, weil eine wichtige Landtagswahl bevorstand?

2 Ihre Entdeckung? Dass sie in Wirklichkeit Tina heißt. Tina wie: There is no alternative.

3. Gibt es weiße Flecken? Die kommenden Monate bis zur Bundestagswahl. Eine gute Gelegenheit für alternativlose Wenden jeglicher Art.

4. Wie systemkonform war Merkel? Sie musste nie in die Produktion.

5. Ihre Frage an sie? Warum waren Sie am 9.Mai 2010 – als in Brüssel in Sachen Euro eine schicksalhafte Entscheidung getroffen wurde – in Moskau, um sich mit Putin die Militärparade anzuschauen, mit der man dort den Sieg der Sowjetunion über Deutschland zu feiern pflegt?

6. Merkels Kanzler-Rang? Sollte Angela Merkel Europa retten, indem sie vom Zwangsverband Euro Abstand nimmt und damit Vertrauen in Recht und Gesetz wiederherstellt, gebührte ihr Rang eins.

Gertrud Höhler

Gertrud Höhler

Unternehmens- und Politikberaterin, veröffentlichte 2012 das Buch "Die Patin. Wie Angela Merkel Deutschland umbaut" (Orell Füssli)

1.Haben wir Angela Merkel schon verstanden? Sollten wir? Hatten wir diese Frage bei Schröder, Kohl, Brandt, Schmidt, Adenauer? "Verstehe deinen Kanzler?" Ist das überhaupt die passende Fallhöhe? Wäre es nicht besser für Deutschland und Europa, wenn die Regierenden die Menschen verstünden? Angie verstehen, das klingt so nach Frauenbonus. Männer sollen regieren und uns überzeugen. Merkel regiert und schweigt; sie ist alternativlos. Selbst wenn wir sie verstünden, es würde nichts ändern. Oder?

2. Ihre Entdeckung? Ich habe die Machtgeschichte der Angela Merkel aufgezeichnet, die im "System M" ihr Zentrum hat. Im System gilt Werte-Abstinenz; das ist Merkels schärfste Waffe. Ideologiefrei unterwegs, konnte sie Glaubenssätze von Freund und Feind kassieren. Das Medium ihres Durchgriffs auf Ethik und Rechtsnormen ist: Schweigen. Es gilt das ungesprochene Wort. Mein Buch verdankt seinen Titel Die Patin diesen Befunden. Der Aufstieg Angela Merkels ist besser verstanden ein Ausstieg aus allen Verbindlichkeiten. Während die Legende umgeht, die Kanzlerin entschleunige das Euro-Rettungsroulette, ist sie undercover zum Verlustbeschleuniger geworden.

3. Gibt es weiße Flecken? Die Journalistenfrage, ob ich denn die tollkühne Annahme vertrete, Merkels 35 Jahre im Massenknast DDR hätten auch nur irgendeinen Einfluss auf ihre Gesinnungen, wurde nie ohne drohenden Unterton gestellt. Die West-Polit-Community hat das Sprechen darüber einfach tabuisiert. In meinem Buch dokumentiere ich eine Rede, die Merkel am 21. Februar 2001 im Hamburger Übersee-Club gehalten hat. Dort lieferte sie Klartext zu ihrer Verbundenheit mit dem Regime der DDR und zu den Ursachen des Mauerfalls. Wer rauswollte aus dem SED-Staat, so erklärte Merkel den Westlern laut Redemanuskript, der konnte "aus der DDR in den Westen gehen". Einfach so, rübergehen – musste nicht schwimmen oder schleichen im Kugelhagel? Merkel entdämonisiert diesen Staat.

Der Mauerfall habe "ökonomische" Gründe gehabt, so Merkel: Die Menschen hätten nicht "plötzlich die Freiheit entdeckt", nein, die Sowjetunion habe im "ökonomischen Wettlauf nicht mehr mithalten können". O-Ton Merkel 2001. Die freiheitsbesoffene Lesart der Träumer in Ost und West entzaubert von der Spitzenkraft mit Aufsteiger-Gen.

Das Tabu der Westgesellschaft hat auch diese Rede von 2001 mit einem Schweigekartell belegt. Es wirkt bis heute: Niemand derer, die mein Buch angegriffen haben, fasste dieses Dokument an. Dafür gab es unzählige Briefeschreiber, die mir ihre Erlebnisse im Umfeld der späteren Umsteigerin Merkel mitteilen. Die Aussagekraft dieser Briefe geht über das hinaus, was das eben erschienene Buch von Reuth und Lachmann berichten kann.

4. Wie systemkonform war Merkel? Wir kennen das Phänomen, um das es hier auch geht: dass Toppositionen in "befreiten" Gesellschaften von erfolgreichen Mitspielern im eben überwundenen System besetzt werden. Die Versuchung, die eigene Systemtreue im kollabierten System zu verschweigen, um in der aktuellen Rangordnung reibungslos Karriere zu machen, führt in Risiken. Angela Merkel wird abgewogen haben, ob Verschluss oder Öffnung ihrer Stasiakte mehr Schaden bringt. Das Fazit der Kanzlerin in dieser Frage ist aussagekräftig genug.

5. Ihre Frage an sie? Ob ihre Erfahrungen mit der Planwirtschaft wirklich so gut waren, dass sie die Marktwirtschaft in diese Richtung umbaut.

6.Merkels Kanzler-Rang? Wildcard für die Kanzlerin!

Stefan Kornelius

Stefan Kornelius

Ressortleiter Außenpolitik der "Süddeutschen Zeitung", veröffentlichte 2013 "Angela Merkel. Die Kanzlerin und ihre Welt" (Hoffmann und Campe)

1. Haben wir Angela Merkel schon verstanden? Klar haben wir Angela Merkel verstanden. So schwer ist das nun auch wieder nicht. Erstaunlich nur, dass es immer noch diesen Hunger nach der endgültigen Deutung der Person gibt.

2. Ihre Entdeckung? Mein Buch schließt eine biografische Lücke: Es erzählt die Geschichte der Außenpolitikerin Merkel, ihre Sicht auf die Welt und ihre Rolle in Europa. Vor allem an der Europapolitik wird man einmal ihre Kanzlerschaft historisch beurteilen. Merkel macht Außenpolitik lieber als Innenpolitik; höchste Zeit also, diese Politik, ihren Ursprung und Merkels Überzeugung dahinter zu analysieren. Außerdem gibt es eine kleine, aber wichtige Neuigkeit aus der Familiengeschichte: die polnischen Wurzeln und der eigentliche Familienname der Kasners – Kazmierczak.

3. Gibt es weiße Flecken? Ihre Außenpolitik war eine große Lücke. Und: Man kann nie genug erfahren.

4.Wie systemkonform war Merkel? Dazu habe ich nicht geforscht. Aber alles, was zur Zeit über Merkels Vergangenheit in Umlauf kommt, ist aufgewärmte Soße. Gelernt habe ich da nichts.

5. Ihre Frage an sie? Diese Frage stelle ich dann lieber Frau Merkel.

6. Merkels Kanzler-Rang? Historische Bedeutung erlangt man durch historische Taten. Merkels historische Aufgabe ist die Rettung des Euro und der Schutz der Europäischen Union vor ihrem Zerfall. Sollte sie ihre Ziele erreichen, wird sie auch eine geschichtlich wichtige Rolle gespielt haben. Aber das Urteil steht noch aus. Sicher ist aber schon heute, dass sie die wohl mächtigste Kanzlerin ist, die je die Bundesrepublik regierte. Kein Kanzler vor ihr hatte diese Gestaltungsmacht und diese exponierte Rolle in Europa.