Stephan Hebel

Autor der "Frankfurter Rundschau", publizierte 2013 "Mutter Blamage. Warum die Nation Angela Merkel und ihre Politik nicht braucht" (Westend)

1.Haben wir Angela Merkel schon verstanden? Ich nehme die Frage politisch; persönliche Charakterstudien aus der Ferne sind meine Sache nicht. Nein, "wir" – da schließe ich viele Medien ein – sind den Motiven der Kanzlerin bisher nur unvollständig auf der Spur. Und ich bin sicher, dass Angela Merkel genau das will. Ich sehe ihre nach allen Seiten offene "Kanzlerin für alle"-Attitüde als bewusst eingesetztes Mittel zur Verschleierung ihrer Ideologie.

2. Ihre Entdeckung? Mutter Blamage ist kein Enthüllungsbuch im landläufigen Sinne. Es ist aber, unbescheiden gesagt, das erste Buch, das den sorgfältig verschleierten Maximen dieser Kanzlerin anhand ihrer realen Politik nachspürt. Merkel entpuppt sich dabei in entscheidenden Politikfeldern – Wirtschaft, Soziales – als Kanzlerin des Neoliberalismus.

3. Gibt es weiße Flecken? Die jungen Jahre in der DDR.

4. Wie systemkonform war Merkel? Ehrlich: Ich weiß es nicht. Ich habe – zumal als Westdeutscher – gelernt, aus einzelnen biografischen Versatzstücken keine schnellen Schlüsse zu ziehen. Eines muss man Merkel auf jeden Fall zugestehen: Spätestens nach der Wende ist sie zur glühenden Verfechterin der freien Marktwirtschaft geworden. So glühend leider, dass sie die positive Rolle (sozial-)staatlicher Steuerung sträflich gering schätzt. Vielleicht ist dieses Staatsmisstrauen ihr eigentliches "Mitbringsel" aus der Erfahrung der SED-Diktatur.

5. Ihre Frage an sie? "Glauben Sie wirklich, dass man Fortschritt in Freiheit durch Armut und Ungerechtigkeit sichern kann, wie Sie das von den EU-Partnern verlangen?"

6. Merkels Kanzler-Rang? Auf Platz vier hinter Brandt, Kohl und Adenauer. Allerdings aus wenig schmeichelhaftem Grund: Sie wird als diejenige Regierungschefin in die Geschichte eingehen, die die europäische Einigung als Projekt zur Sicherung nationaler (ökonomischer) Vorteile für Deutschland betrieb.