Jacqueline Boysen

Studienleiterin an der Evangelischen Akademie zu Berlin, vormals "Deutschlandfunk"-Journalistin, veröffentlichte 2001 "Angela Merkel. Eine deutsch-deutsche Biographie" (Ullstein)

1.Haben wir Angela Merkel schon verstanden? Was heißt: einen Menschen verstehen? Wir merken, dass Angela Merkel in vielem anders redet oder handelt als andere Personen des öffentlichen Lebens. Sie führt uns unsere eigene Beschränktheit vor, wenn sie nicht in Schubladen passt, wenn sie uns, ihre Partei, andere Regierungschefs überrascht. Das macht immer wieder neugierig, aber es führt zugleich zu Missverständnissen und Mystifizierung, Attacken und Fehlinformationen – gerade über ihr Leben in der DDR.

2.Ihre Entdeckung? Warum Freiheit für Angela Merkel mehr als ein Wort ist. In aller Bescheidenheit: Bevor ich 2001 meine "deutsch-deutsche Biographie" über sie veröffentlicht habe, gab es wenig Informationen über ihr Leben vor 1989. Ich habe recherchiert, was Angela Kasner als Kind oder als Jugendliche erlebt, was Angela Merkel als Studentin oder als junge Wissenschaftlerin erfahren oder geprägt hat. Biografen wie der gerade tragisch früh verstorbene Politikwissenschaftler Gerd Langguth, die ihre Untersuchungen der Kanzlerin und Parteivorsitzenden widmeten, konnten daran anknüpfen.

3.Gibt es weiße Flecken? Mein Eindruck ist, es sind weniger weiße Flecken, es ist vielmehr ein fundamentales Ost-West-Unverständnis, das immer wieder aufbricht. Warum wird Angela Merkel jetzt wieder vorgehalten, sie habe in den Endjahren der DDR nicht das Ende des Staates erkämpft? Wer in Ost oder West tat das schon? Auch die sehr heterogene DDR-Opposition, zu der Merkel nicht zählte, wollte vor allem Veränderungen des bestehenden Systems nach dem Vorbild von Perestroika und Glasnost – alles andere verbot sich in der Diktatur und angesichts der für unverrückbar gehaltenen Mauer für die meisten von selbst.

4. Wie systemkonform war Merkel? Angela Merkel war weder systemnah noch Widerständlerin. Sie lebte, wie viele DDR-Bürger, in einer immer wieder neu austarierten Balance zwischen eigenem Willen und Anpassung; gegängelt und zwischen den Stühlen: als Pfarrerskind und bei den Jungen Pionieren, als Christin und Naturwissenschaftlerin an einem DDR-Institut, mit einem strengen und vom Sozialismus überzeugten Vater, abgeschnitten von den Cousinen in Hamburg, mit einer Sehnsucht nach Reisen; einerseits über die Kirche privilegiert, andererseits bei der FDJ und doch mit begrenzten Karrierechancen ausgerüstet.

5. Ihre Frage an sie? Wann hat sie zuletzt Pflaumenkuchen gebacken? – Im Ernst: Es haben sich einige Mythen verfestigt, manche gewiss mithilfe von Marketingstrategen, die ein Image entwerfen, es aber mit Merkel nicht leicht haben dürften. Das angebliche Faible für Backwerk aus dem eigenen Ofen hat mich immer skeptisch gemacht – verbunden mit der Frage: Wie schöpft sie in der knappen Zeit, die ihr das Amt lässt, Luft und Kraft?

6. Merkels Kanzler-Rang? Ohne den Herren, die alle ihre Verdienste haben, zu nahetreten zu wollen: Angela Merkel stünde weit oben auf so einer Liste. Ich wage die Vermutung, dass ihr ein zu ihren Lebzeiten aufgestelltes Ranking relativ egal wäre. Und nicht nur das unterscheidet sie von den sieben Herren.