DIE ZEIT: Herr Professor Pollack, was ist gefährlicher für die Vernunft: Religion oder Esoterik? Der Glaube an einen Gott oder der Glaube an, sagen wir, Geisterbeschwörung?

Detlef Pollack: Beides ist ambivalent und kann sowohl Gutes als auch Schlechtes bewirken. Der Glaube an was auch immer macht manche Menschen zu Terroristen, andere zu Friedensstiftern. Aber manchmal erleichtert er einfach nur das Leben.

ZEIT: Warum boomt die Esoterik?

Pollack: Weil der Haupttrend in den westlichen Gesellschaften zu einem flexiblen Glauben ohne starke institutionelle Bindung geht, der zu unserer freien Lebensführung passt. Autoritäten sind out. Jeder sucht sich aus, woran er glauben kann. Die Zahlen zeigen es. Während Religiosität sukzessive zurückgeht, wächst das Interesse an sogenannten religiösen Praktiken. Am weitesten verbreitet sind traditionelle Formen des Esoterischen wie Astrologie und Pendeln. Andere Renner sind New Age, Anthroposophie, Zen, Reinkarnation, Tarot…

ZEIT: Was finden Menschen in der Esoterik, was sie in der Kirche nicht finden?

Pollack: Eine intensive Beschäftigung mit dem Selbst. Der Einzelne steht im Mittelpunkt. Das empfinden viele als beseligend. Ob beim Energietraining, bei der Klangmassage oder beim Lösen von Liebesproblemen. Esoterik ist individualistisch.

ZEIT: Ein Paradies für Narzissten!

Pollack: Nun ja, jedenfalls ist die Abwendung von den Kirchen und den alten Göttern logisch. Durch die moderne Horizonterweiterung wird jede Aussage über den einen Sinn des Ganzen angreifbar. Alle Weltanschauungen mit Anspruch auf Letztgültigkeit verlieren heute an Überzeugungskraft.

ZEIT: Die Philosophen nennen das Ergebnis auch transzendentale Obdachlosigkeit.

Pollack: Gemeint ist, dass auch der aufgeklärte Mensch sich nach Gewissheit sehnt, aber sie nicht findet. Aus der Unsicherheit entstehen neue Glaubensphänomene. 41 Prozent der Deutschen sagen, sie seien religiös, aber nicht spirituell, 13 Prozent, sie seien spirituell, aber nicht religiös. Da Spiritualität zur Religion gehört, sind das merkwürdige Abgrenzungsversuche. Viele Esoteriker sind sehr kirchenkritisch. Sie suchen Sinnstiftung ohne Dogmen.

ZEIT: Was sagt Ihre Statistik noch über Esoteriker?

Pollack: Sie verdienen gut, aber sind konsumkritisch. Sie sind modern, insofern sie durch ihr Streben nach Selbsttranszendierung das kapitalistische Steigerungsspiel mitspielen. Aber sie sind antimodern, indem sie das Leistungsprinzip als Überforderung des Menschen ablehnen. Wichtig ist, dass Esoterik und alternative Religiosität in all ihrer Vielfalt den Niedergang der Kirchen nicht ausgleichen.

ZEIT: Was finden Sie an Esoterikern sympathisch?

Pollack: Ihre Weltzugewandtheit, ihr positives Menschenbild, und dass sie auf einem hohen Maß an Selbstbestimmung beharren. – Auch wenn sie zuweilen wie Narren wirken.