Kreativ setzen Esoteriker naturwissenschaftliche Begriffe ein, um ihre Lehren zu erklären – oder unangenehme Fragen abzuwehren:

Energie zum Beispiel. Man muss kein Physiker sein, um zu wissen, dass Energie beides ist: physikalische Größe und Metapher. In umgangssprachlichen Redewendungen steht Energie für alles Mögliche. In der Physik unterliegt sie strengen Regeln. Daher lohnt es sich nachzufragen: Um welche Energieform geht es denn? Wie wird sie gespeichert, genutzt und umgewandelt? Wahrscheinlich fällt dann ganz rasch ein zweiter Begriff, nämlich...

feinstofflich. Das Wort Feinstoff wird in besonders viele wilde Erklärungen eingewoben. Das Konzept ist keine Erfindung moderner Esoteriker. Schon antike Philosophen, darunter Platon, kannten es: Um sich die Interaktion zwischen der fassbaren ("groben") Materie und einer vermeintlichen geistigen Welt zu erklären, geht man von einer vermittelnden Sphäre aus, eben der feinstofflichen, die angeblich mit den beiden anderen wechselwirkt. Allerhand esoterische Konzepte – ob Chakren, Auren, Lichtfasten, Klangmassage oder Bachblütentherapie – werden mit der mysteriösen Mittlermaterie zwischen hüben und drüben erklärt.

Erweiterte Empirie wird häufig bemüht, um angebliche Erfolge esoterischer Praktiken zu belegen. Das ist rhetorisch geschickt, denn es geht um eine besonders dünne Befundlage, die Erfolgsberichte Einzelner. Subjektive Behauptungen reichen für eine kritische Überprüfung eines Phänomens jedoch nicht aus. Und eine Erklärung (Feinstoff!), die sich nicht einmal widerlegen lässt, kann man höchstens noch glauben. Dieser Makel aber wird den Empirikern angekreidet: Den grobstofflichen Mitteln – wozu selbstverständlich jegliches technische Messgerät zählt – sei die übersinnliche Wirklichkeit nicht zugänglich.

Die Quantentheorie wird in ähnlicher Weise zitiert. Verhalten sich die Quanten doch höchst exotisch: Schon durch bloße Beobachtungen kann man ihren Zustand verändern, auf weite Distanzen können zwei Quanten miteinander "verschränkt" sein. Beide Effekte zitieren Esoteriker, etwa um zu erklären, dass sich mit Gedankenkraft Materie verändern lasse. Ihnen kommt zugute, dass die meisten Menschen zwar eine gewisse Autorität der Physik anerkennen, aber nur wenig davon verstehen. So fällt leicht unter den Tisch, dass die Quantentheorie nur die Interaktion subatomarer Teilchen beschreibt – und keine Vorgänge in der Größenordnung von Menschen, Steinen oder Gestirnen. Erst recht ist sie keine Lizenz zur Aufstellung jeder beliebigen pseudophysikalischen Behauptung.

Der Paradigmenwechsel, der in den Naturwissenschaften immer wieder eingetreten sei und scheinbar gesichertes Wissen umgestoßen habe, ist unter Esoterikern das letzte schlagkräftige Argument. Es dient vor allem einem rhetorischen Zweck: Wir Hellsichtigen sind schon weiter, ihr Skeptiker seid noch einem alten Paradigma verhaftet! Stefan SChmitt