Die große Vergiftung

Vielleicht ist der Fall Hoeneß ein Kipppunkt. Nicht nur in der Karriere des Ex-Stürmers und Noch-Präsidenten des FC Bayern München. Sondern auch im Umgang der Gesellschaft mit Skandalen: Wird hier, das ist die Frage, noch ein Prominenter, der sich mutmaßlich strafbar gemacht hat, von Publikum und Presse in Grund und Boden verdammt, so wie vorher Wulff und Guttenberg und die Bischöfin Käßmann und andere? Oder dreht sich da gerade etwas, in den Medien und in der Öffentlichkeit, aus Überdruss, auch aus schlechtem Gewissen? Entsteht im Moment vielleicht ein Bewusstsein dafür, dass es so nicht weitergehen kann, dass die Erregungsmaschine außer Kontrolle geraten ist, dass Hysterie nicht nur Menschen und Beziehungen kaputt macht, sondern auch einer Demokratie schaden kann?

Eigentlich ist Deutschland ein ziemlich zivilisiertes Land. Die Debatten im Parlament sind korrekt bis zur Langeweile, die Kommentare in den Zeitungen, im Radio, im Fernsehen ausgewogen und zurückhaltend, die Talkshows weitgehend steril und vorhersehbar. Nirgends mehr Saalschlachten. Ein ewiger Kirchentag. Wenn mal Steine fliegen, wenn die Emotionen doch überkochen, dann geht es im Zweifelsfall um den Bau eines Bahnhofs.

Umso verstörender, dass sich unterhalb und neben dieser offiziellen Wohlanständigkeit, dieser verbreiteten Neigung zu Maß und Mitte, in den letzten paar Jahren eine neue Giftigkeit ausgebreitet hat, langsam zuerst, dann immer stärker, ein entschiedener Wille zum Skandal. "Wer auch immer seine Nase in ›die Öffentlichkeit‹ steckt, begibt sich (...) in einen Sturm aus Feindseligkeiten." Die das geschrieben hat, ist keine greise Kulturpessimistin, sondern eine junge Frau, die leidenschaftlich gern kommuniziert, auf allen Kanälen – Marina Weisband, die ehemalige Geschäftsführerin der Piratenpartei. In ihrem Buch Wir nennen es Politik hat sie geschildert, wie ihr nach einem Beitrag zur Beschneidungsdebatte online (und anonym natürlich) angeboten wurde, an ihr eine Beschneidung mit einem rostigen Messer vorzunehmen.

Und es trifft nicht nur Politiker, es trifft Prominente jeder Art, eigentlich jeden, der irgendwie öffentlich agiert. Journalisten, Sportler, Schauspieler. Auf Facebook gibt es schon lange eine Seite über den ehemaligen Nationaltorwart Tim Wiese, sie heißt "Die Witzfigur der Nation". Dort machen sich Nutzer über ihn lustig, weil er erst mit einem Wechsel zu Real Madrid kokettierte, dann aber bei einem Verein im kleinen Hoffenheim landete. Seit Sommer gibt es eine weitere mit dem Titel: "Tim Wiese spielt Champions League auf der Playstation, die ganze Nacht, von 12 bis 8". Dort wird diskutiert, wo Wiese hingehen solle: "In Rente, zu Red Bull Leipzig, zum Friseur, in die Kreisliga oder zum Arbeitsamt". Es heißt dort, Wiese sei schwul und der "ekelhafteste Sportler aller Zeiten". Tausenden Menschen gefällt das.

Ein anderer ehemaliger Nationaltorhüter, Timo Hildebrand, veröffentlichte jüngst auf seiner Website, was ein 20-Jähriger auf seiner Facebook-Pinnwand gepostet hatte: "Du dummer basdart! Erschieß dich bitte."

Ja, Pöbeleien und Ausfälle gibt es auch im echten Leben. Aber der bevorzugte Ort des Hasses ist das Internet. Nirgendwo sonst wird in solcher Deutlichkeit gemobbt, geätzt, niedergemacht. Das Netz, sagen viele, die seine Anonymität verteidigen, bilde nur ab, was ohnehin in der Welt, bislang aber nur nicht manifest geworden sei. Das mag sogar sein. Das Netz produziert keine schlechteren Menschen. Und doch ist es bestenfalls die halbe Wahrheit. Denn das Netz trägt mit seiner Struktur durchaus zur großen Vergiftung bei. Im Netz und durch das Netz sind der öffentlichen Kommunikation die Filter abhandengekommen. Die technischen Filter, die sozialen, die institutionellen. Und das hat Folgen. Für die Medien, für die Politik, für die Gesellschaft.

Der Hasskommentator

Der Hasskommentator

Er nennt sich Kommentator 707, sein Lieblingswort ist "Mistvieh", und sein Lieblingsmoderator ist Hinnerk Baumgarten vom NDR. "Die Mobber und Spucker und Treter gegen den NDR-Moderator sind in der Tat flach im Kopf. Manche davon verdienen es direkt erschlagen und auf der Mülldeponie verbrannt zu werden", hat er unter das Video von der Talkshow geschrieben, in der Baumgarten die Schauspielerin Katja Riemann interviewt. Das Gespräch war für beide ein Desaster. Erst ging über Riemann ein Shitstorm nieder, dann über Baumgarten.

Mehr als hundert Kommentare hat Kommentator 707 dazu geschrieben, darunter schwere Beleidigungen und Morddrohungen. Im Gegenzug wurde er dafür ebenfalls beschimpft und bedroht. "Schick uns doch mal ein Bild deiner Hackfresse, damit wir die verbessern können", schreibt einer, mit dem er sich immer wieder streitet.

Warum beteiligen sich Menschen daran? Die ZEIT schreibt eine Nachricht an Kommentator 707, er willigt ein, schriftlich Fragen zu beantworten. Seine E-Mails sind im Ton sachlich. "Ich verhalte mich im Internet dramatisch anders als in der realen Welt", schreibt er. "Wenn die (anderen) mit ihrer Hetze nicht aufhören, (...) dann werde ich sehr deutlich und aggressiv und selbst massiv beleidigend." In der Anonymität der Online-Welt würden Menschen ihre Aggressionen austoben, findet er, manche seien wie Tiere.

Im echten Leben mag Kommentator 707 die Popsängerin Lena, er liest den Spiegel, er hat studiert und verehrt den Papst. In der Liste der Videos, die er auf YouTube gut findet, sticht nur eines hervor: Es heißt "der Himmel färbte sich blutrot! Trauermarsch in Dessau 9. März", ein rechtes Propagandavideo einer Gruppe namens Widerstand Niedersachsen. Kommentator 707 schrieb unter den Clip nur ein Wort: "richtig".

Ein wirres Selbstbild offenbart sich in seinen Mails. Er schreibt, dass er seine örtliche Tageszeitung wegen antikatholischer Beleidigung in ihren Internetforen angezeigt habe. Offenbar versteht sich Kommentator 707 als eine Art Cyberwächter, der für bestimmte Personen (Lena, den Papst, Baumgarten) oder Werte ("Freiheit, Demokratie") Partei ergreifen müsse. Seine eigenen Hasskommentare sieht er als Ausdruck seiner "Zivilcourage" und seines Engagements für eine "bessere Welt". Er beklagt, dass es keine vernünftige Strafverfolgung von anonymer Onlinehetze gibt: "Ich bin sofort dafür, dass alle Beleidiger und Hetzer im Internet sofort gesperrt und auch strafrechtlich belangt werden. Aber die Realität sieht anders aus: Diesen Leuten passiert rein gar nichts, niemals. Und genau darum agiere ich auch so, wie ich es tue." Der Hasskommentator als selbst ernannter Rächer.

Solche Leute lassen sich strafrechtlich kaum verfolgen. Zwar müssen Nutzer bei den meisten Diskussionsforen eine E-Mail-Adresse hinterlassen, doch die führt oft ins Nichts: Manche Hasskommentatoren registrieren sich unter falschem Namen; manche benutzen Wegwerf-E-Mail-Adressen, die nach einer bestimmten Zeit gelöscht werden; manche loggen sich von Computern in Bibliotheken oder Internetcafés ein. Man kann diese Leute nicht finden, man kann nur die Diskussionen moderieren und die schlimmsten Kommentare löschen. Wahrscheinlich sind es Menschen, die zu viel Zeit und Frust in ihrem Leben haben, Menschen, die sich im Netz ausleben, weil sie es im echten Leben nicht können.

Dabei ist der Anteil der Hetzer eher gering: Von zehn Kommentaren sei vielleicht einer wirklich schlimm, schätzt der Community-Manager von ZEIT ONLINE. Doch dieser eine Kommentar könne eine ganze Diskussion vergiften, weil er das Thema auf eine unsachliche Ebene lenke oder andere Teilnehmer vergraule.

Wenn man die Debatten auf ZEIT ONLINE beobachtet, stellt man fest, dass einige Themen viel hitziger diskutiert werden als andere: Integration, Frauenquote, Homo-Ehe und Ernährung. Es gibt leidenschaftliche Befürworter und Gegner, die wenig kompromissbereit sind, der Streit artet schnell aus. Und je mehr Ressentiments ein Thema bündelt, desto schriller wird darüber diskutiert. Dann wird das Netz zum digitalen Stammtisch.

Vor der digitalen Revolution funktionierten die traditionellen Medien als Filter. Journalisten recherchierten die Nachrichten, sie prüften die Fakten, wählten aus, was gedruckt und gesendet wurde, sie formten mit ihren Kommentaren die öffentlichen Diskussionen vor, und sie sortierten, jedenfalls bis zu einem gewissen Grad, das Unseriöse, Bösartige, Hasserfüllte aus. Sie entgifteten die Diskurse. Sie zivilisierten die Debatten – manchmal um den Preis der Langeweile.

Aber die traditionellen Medien, die großen Zeitungshäuser genauso wie die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, sind tief verunsichert. Verunsichert, weil sie das Wettrennen mit den Onlinemedien, mit Twitterati und Bloggern um die schnellste Nachricht nicht mehr gewinnen können. Verunsichert aber vor allem, weil sie sich seit mindestens zehn Jahren ihr nahes Ende einreden lassen, von sogenannten Experten, von Netzeuphorikern, aber auch von Verlegern und eilfertigen Chefredakteuren. Und natürlich geht es nicht spurlos an den Redaktionen vorbei, wenn ihnen Hass aus dem Netz entgegenschäumt, weil sie doch einmal gegenhalten. "Zensur!" ist da noch ein harmloser Vorwurf.

Statt abzuwägen, einzuordnen, runterzukühlen, lassen sich die Zeitungen und Sender hetzen. Sie machen Fehler dabei, sie verlieren immer mehr von dem, was sie unterscheidet vom digitalen Nachrichtenstrom: ihren Überblick, ihre Gelassenheit und ihre Autorität. Sie versuchen, ihre Langsamkeit durch Lautstärke zu kompensieren. Und werden damit zum perfekten Resonanzraum der digitalen Erregung.

Im Netz ist eine neue Gegenöffentlichkeit entstanden. Dass jeder seine Gedanken online direkt ohne Bremsen und Filter aufschreiben kann, ist ein ungeheurer Gewinn an Autonomie, eine beispiellose Enthierarchisierung von Kommunikation. Publizieren ist nicht mehr das Privileg einiger weniger, es ist ein Massenphänomen geworden. Aber das verlagert auch die Verantwortung aus den Institutionen zu den Individuen. Niemand warnt mehr: Denk darüber noch mal nach! Willst du das wirklich sagen? Jeder Einzelne muss sich jetzt selbst kontrollieren, jeder müsste sich die drei Fragen stellen, die der entnervte Berliner Fraktionschef der Piraten, Christopher Lauer, einmal so formuliert hat: "Muss es gesagt werden? Muss es jetzt gesagt werden? Muss es jetzt von mir gesagt werden?"

Nicht jeder nimmt diese Verantwortung ernst. Nicht jeder kann es. Und viele wollen es gar nicht.

Keine andere Gruppe hat die dunkle Seite des Netzes so unmittelbar und auf so verheerende Weise erlebt wie die Partei, die die Partei des Internets sein wollte: die Piraten. All die Euphorie, die ihr Auftauchen auslöste, wurde zunichtegemacht von den Shitstorms, den Wellen der Missgunst und Niedertracht, mit denen die Mitglieder einander überzogen. Sie zermürbten ihre Repräsentanten, von Marina Weisband bis Johannes Ponader. Der frühere Landesvorsitzende von Baden-Württemberg, Lars Pallasch, hat die Partei verlassen, nachdem er aus den eigenen Reihen sogar mit physischer Gewalt bedroht worden war. Und niemand hat so authentisch – und so enttäuscht – über die zerstörerische Seite der Netzdebatten geschrieben wie Christopher Lauer und Marina Weisband.

"Für jeden Gedanken, den ich äußere", schrieb Weisband, "wate ich durch einen zähen Sumpf aus Beschimpfungen und Unterstellungen." Und frustriert fügte sie, an die Adresse der Parteifreunde und sonstigen Hasser gerichtet, hinzu: "Der offene Politiker hat keine Chance, er wird fertiggemacht. Wenn es ihm nicht scheißegal ist, was ihr von ihm haltet, wird er fertiggemacht. Von euch."

Dass sie auch dafür digital niedergeknüppelt wurde, versteht sich von selbst.

Der Pirat

Der Pirat

Christopher Lauer legt sein Aufnahmegerät auf den Tisch. Er wird dieses Interview aufnehmen, als Schutz. Wenn die ZEIT das Gespräch auch aufnehmen wolle, sagt er, müsse er auf der Anwesenheit einer Pressesprecherin bestehen. Er will Distanz schaffen, die Rollen festlegen. Er, Lauer, ist nicht mehr der offenherzige Pirat, er ist jetzt der kontrollierte Politiker.

Christopher Lauer ist vorsichtig geworden, seit ihm die Sache mit der SMS passiert ist. "Wenn du bis morgen 12:00 Uhr nicht zurückgetreten bist, knallt es ganz gewaltig", hatte er Anfang Februar an seinen Parteikollegen, den damaligen Bundesgeschäftsführer Johannes Ponader, geschrieben. Der veröffentlichte die Nachricht. Es folgte ein Shitstorm sondergleichen, am Ende stand Lauer als Diktator und Ponader als Volltrottel da. Wenig später veröffentlichte Lauer einen Artikel in der FAZ, in dem er seinen Rückzug aus Twitter ankündigte, es koste ihn zu viel Zeit. Und zu viele Nerven.

Zweieinhalb Jahre sitzt der ehemalige Student und Laienschauspieler jetzt im Berliner Abgeordnetenhaus, unzählige digitale Empörungswellen hat er seither erlebt. Mal wurden sie durch einen seiner bizarren Talkshowauftritte ausgelöst, mal durch politische Vorstöße im Alleingang. Er ist deshalb nicht nur umstritten, sondern vor allem bekannt; dass das Meinungsforschungsinstitut Forsa ihn auf dem vorletzten Platz auf der Beliebtheitsskala der Berliner Politiker sieht, wertet er als gutes Zeichen. Empörung, das bedeute Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit bedeutet in seinen Augen Einfluss auf die öffentliche Meinung.

Er erklärt seine Theorie am Beispiel einer kleinen Anfrage, die er Ende März im Berliner Abgeordnetenhaus zusammen mit einem Fraktionskollegen gestellt hat. "Ist Berlin für den Fall einer Zombie-Katastrophe gerüstet?" Die beiden hatten einen Comic einer amerikanischen Behörde gesehen, in dem das Thema Katastrophenschutz anhand eines Zombie-Angriffs erklärt wurde. Die Medien machten sich über die Anfrage lustig, sie schrieben, die Piraten hätten sich mal wieder blamiert. Lauer aber sagt, dass es ihm gar nicht darum gegangen sei, ernst genommen zu werden. Er habe einfach nur Aufmerksamkeit für das Thema erzeugen wollen. "Kein Mensch hätte sich für meine kleine Anfrage zu einem möglichen Strom-Blackout interessiert", sagt er, "wegen der Zombies aber wurde das Thema sogar in Italien aufgegriffen."

Weil er provoziert wie kaum ein anderer Politiker, hat Lauer 2012 von einer Internetkonferenz den Preis "Troll des Jahres" bekommen. Als Troll gilt, wer im Internet durch beleidigende Kommentare stört, doch manche sehen darin eine Kunst: Nach dieser Lesart sprengen Trolle Diskussionen, um anderen die angebliche Sinnlosigkeit ihrer Argumentation vorzuführen. Lauer ist stolz auf den Preis. Doch er erhielt dafür eine ungebetene Laudatio von einem, der unter ihm als Internet-Troll litt.

Unter dem Pseudonym "Commodore Schmidtlepp" hatte Lauer als Jugendlicher die Redaktion von jetzt.de genervt und sich ständig über Fehler oder Artikel beschwert. "Es war ein Aufbegehren gegen eine vermeintliche höhere Macht", schrieb der damalige Ressortleiter Dirk von Gehlen in seiner Laudatio, "gegen die Redaktion, die Zeitung, das gesamte Medienwesen."

Lauer war damals 18 Jahre alt, vielleicht wollte er sich manchmal aufspielen. Das Motto auf der Profilseite seines Blogs lautete: "Heul nicht, so ist das Game, Nutte." Heute sagt er, das sei eine Rolle gewesen; Gedanken eines Heranwachsenden, der im Netz aufschreibt, was er mit seinen Freunden nicht bereden kann. In den Blog-Einträgen liest man von einem jungen Mann, der mit sich und der Welt hadert; der über Frauen, Partys und Drogen schreibt. Im Interview betont Lauer, dass "Commodore Schmidtlepp" zu seiner Vergangenheit gehöre und er dazu stehe. Doch einige Texte hat er inzwischen gelöscht. Er ist vorsichtig geworden.

Wahrscheinlich ist die Wirkung der großen Vergiftung nirgendwo so deutlich zu spüren wie in der Politik. Denn Politiker werden nicht nur persönlich Opfer von digitaler Häme, für alle sichtbar, für die eigene Familie ebenso wie für den politischen Gegner. Egal, ob Peer Steinbrück seine Abgeordneten-Bahncard für private Vortragsreisen nutzt oder Joachim Gauck im Interview von "Tugendfuror" spricht – jeder Fehler, jeder Versprecher kann blitzschnell einen Shitstorm auslösen, weil er in Echtzeit kommentiert und retweetet wird. Politiker bekommen die frei flottierende Wut im Netz unmittelbar zu spüren. Sie werden nicht bloß als korrupt, faul und unfähig bezeichnet, sondern gleich für entbehrlich erklärt.

Denn mit den Mitteln der digitalen Kommunikation, so die Verheißung und das Versprechen, werde die repräsentative Demokratie überflüssig. Die neuen Instrumente, so die Prediger einer naiven Technik-Utopie, würden eine bessere Politik möglich machen, eine bessere Gesellschaft, eine bessere Demokratie. Selten hat sich eine Utopie so rasch so gründlich entzaubert.

Und doch steckt in der Nutzung von Twitter und Facebook eine Verführung für Politiker, ein Versprechen von Unmittelbarkeit und authentischer Kommunikation. Welcher Abgeordnete, welcher Minister könnte ernsthaft auf die Möglichkeit verzichten, mit den Bürgern in Kontakt zu kommen, abseits der Rituale von Parteitagen und Bürgersprechstunden? Und wer kann sich dem entziehen, wenn doch alle anderen mitmachen?

Der Bundestagsabgeordnete

Der Bundestagsabgeordnete

Marco Bülow, 41, im elften Jahr im Bundestag, war schon immer netzaffin. "Ich bin ein Junkie", sagt der SPD-Abgeordnete. SMS beantwortet er innerhalb kürzester Zeit, seit vier Jahren führt er ein Blog, er ist auf Twitter und hat eine Facebook-Seite. Neben Energiepolitik ist Transparenz das Thema, das ihn politisch am meisten beschäftigt. Er gehört zu dem Typus junger Politiker, die nicht im "Raumschiff", wie er den Reichstag nennt, abgekapselt von der Welt regieren wollen, sondern erreichbar bleiben möchten.

Das ist ein stetiger Balanceakt. "Ein bisschen zerfasert" nennt Bülow seinen Zustand der permanenten Erreichbarkeit. Er kann nicht gleichzeitig auf Hunderte von E-Mails reagieren, Facebook-Posts beantworten, twittern und mit dem kubanischen Botschafter, der gerade mit seiner Entourage in seinem Büro eintrifft, über die Zukunft der Energiewende diskutieren. Seine Assistenten sortieren alles vor, verweisen alle, die sich auf dem Weg der Sozialen Netzwerke bei Bülow melden, mittlerweile auf den Mail-Account des Abgeordneten. Seine Facebook-Seite pflegt Bülow nur noch selten selbst, sein Assistent schreibt Texte in Ich-Form, die er gegenliest. Bülow klingt ernüchtert. Doch die Bändigung des Überflusses virtueller Kommunikation ist nur die eine Seite.

"Man muss sich einen Panzer aufbauen", sagt Bülow über den Ton, der online vorherrscht. "Man darf das nicht alles an sich heranlassen – und trotzdem darf einem nichts egal werden." Vor zwei Jahren hat Bülow erlebt, was einem ohne Panzer draußen passieren kann. Im Herbst 2010 kam seine Tochter als Frühchen zur Welt, monatelang musste das Kind in der Klinik versorgt werden. Bülow blieb daheim in Dortmund und arbeitete reduziert weiter. Im analogen Leben fand er dafür viel Verständnis. Im Netz nicht. Als der "faulste Abgeordnete Deutschlands" wurde er attackiert, ein gleichnamiges Blog stürzte sich auf ihn. Bülow war plötzlich jemand, der sich um Arbeit drückte.

Es fällt ihm sichtlich schwer, über diese Erfahrung zu sprechen. Gerade weil er sich für Transparenz engagiert, weil er den Kontakt zu den Usern online immer gesucht hat, trafen ihn diese Unterstellungen hart. Anfangs wollte er immer wissen, was online über ihn geschrieben wurde, zu lange hatte er die Hoffnung, dass er Erfundenes, Erlogenes, Übertriebenes richtigstellen könnte. Ein Irrtum. Bülow musste einsehen, dass nur eine Strategie gegen die Hetze half – den Dreck ignorieren. Doch selbst als er das schaffte, gingen ihm die Beleidigungen nicht aus dem Kopf. Genauso wenig konnte er kontrollieren, was zu ihm vordrang. "Hast du gesehen, was heute wieder über dich geschrieben wurde?", hieß es von Bekannten und Kollegen. Auch die mussten das Ignorieren erst lernen.

Heute würde er sich schneller abwenden, sagt Bülow. Es klingt bedauernd. "Manche Menschen dort draußen haben einfach eine Hasskappe, ihnen geht es einfach nur darum, ein Opfer für ihre Aggressionen zu finden." Sobald er wahrnimmt, dass jemand nur aufs Pöbeln aus ist, schaut er nun weg, versucht, unfaire Kommentare aus seinem Kopf zu kriegen, größtenteils halten seine Mitarbeiter sie von ihm fern, bevor er sie lesen kann. Seiner Tochter geht es mittlerweile gut, das Hass-Blog gibt es nicht mehr, was bleibt, ist das ungute Gefühl der Verletzbarkeit. "Es wäre schlimm, wenn uns das Medium abbrüht", sagt Bülow, für den das Internet am Ende immer noch ein positives Instrument der Kommunikation mit den Wählern darstellt.

Etwas muss sich ändern an der Diskussionskultur im Netz, das haben auch jene erkannt, die im Netz leben. Die Piraten haben eine "Shitstorm-Polizei" eingerichtet, die für einen respektvollen Umgangston sorgen soll. Wer beleidigt wird, kann sich an sie wenden, damit der "Täter" gerügt wird. Die Idee kam von einer Gruppe in der Partei, die mehr Shitstorms erlebt hat als alle anderen: die Feministen. Die Suchmaschine Google muss zukünftig beleidigende Suchvorschläge löschen; der Bundesgerichtshof hat entschieden, dass diese Persönlichkeitsrechte verletzen können. So entstehen langsam Regeln, die es braucht, um den Ton zu zivilisieren. Die Frage ist, ob sie ausreichen. Und ob die Nutzer lernen, sich selbst zu zivilisieren: mit dem, was sie sagen und wie sie auf andere reagieren.

Don’t feed the trolls. Trolle soll man nicht füttern. So heißt ein Spruch im Netz. Er bedeutet, dass man sich nicht auf diejenigen einlassen darf, die nur provozieren und verletzen wollen. Sie verstummen oft, wenn man sie ignoriert. Hasskommentatoren mit Nichtachtung zu strafen ist im Netz eine zivilisatorische Kraft. Wo jedes Gefühl, jeder Gedanke ungefiltert herumschwirrt, muss der Nutzer selbst zum Filter werden. Um zu verhindern, dass die Vergiftung von außen ins Innere dringt.

Eine Folge der vergifteten Kommunikation ist, dass die Politiker noch vorsichtiger werden, als sie es ohnehin schon sind. Sie wissen, dass sie sich mit jeder Aussage angreifbar machen können, deswegen bleiben sie vage. Bloß nichts sagen, was kontrovers sein könnte. Das Internet hat diesen Trend nicht geschaffen, aber massiv verstärkt. Das macht den Diskurs septisch. Es entpolitisiert ihn.

Der große Vorteil des Internets ist, dass er die politische Debatte aus dem Parlament, aus den Talkshows zu den Menschen trägt und sie daran teilhaben lässt. Mit Erfolg, wie die Beteiligung auf Facebook und Twitter zeigt. Die Gefahr ist, dass der raue Ton, die hämischen Kommentare, die schnellen Empörungswellen die Leute wieder abschrecken. Dass die politische Debatte ausgerechnet dort austrocknet, wo sie sich eine neue Lebendigkeit erhofft hat.

Mitarbeit: Steffen Dobbert und Mariam Lau