Der Hasskommentator

Er nennt sich Kommentator 707, sein Lieblingswort ist "Mistvieh", und sein Lieblingsmoderator ist Hinnerk Baumgarten vom NDR. "Die Mobber und Spucker und Treter gegen den NDR-Moderator sind in der Tat flach im Kopf. Manche davon verdienen es direkt erschlagen und auf der Mülldeponie verbrannt zu werden", hat er unter das Video von der Talkshow geschrieben, in der Baumgarten die Schauspielerin Katja Riemann interviewt. Das Gespräch war für beide ein Desaster. Erst ging über Riemann ein Shitstorm nieder, dann über Baumgarten.

Mehr als hundert Kommentare hat Kommentator 707 dazu geschrieben, darunter schwere Beleidigungen und Morddrohungen. Im Gegenzug wurde er dafür ebenfalls beschimpft und bedroht. "Schick uns doch mal ein Bild deiner Hackfresse, damit wir die verbessern können", schreibt einer, mit dem er sich immer wieder streitet.

Warum beteiligen sich Menschen daran? Die ZEIT schreibt eine Nachricht an Kommentator 707, er willigt ein, schriftlich Fragen zu beantworten. Seine E-Mails sind im Ton sachlich. "Ich verhalte mich im Internet dramatisch anders als in der realen Welt", schreibt er. "Wenn die (anderen) mit ihrer Hetze nicht aufhören, (...) dann werde ich sehr deutlich und aggressiv und selbst massiv beleidigend." In der Anonymität der Online-Welt würden Menschen ihre Aggressionen austoben, findet er, manche seien wie Tiere.

Im echten Leben mag Kommentator 707 die Popsängerin Lena, er liest den Spiegel, er hat studiert und verehrt den Papst. In der Liste der Videos, die er auf YouTube gut findet, sticht nur eines hervor: Es heißt "der Himmel färbte sich blutrot! Trauermarsch in Dessau 9. März", ein rechtes Propagandavideo einer Gruppe namens Widerstand Niedersachsen. Kommentator 707 schrieb unter den Clip nur ein Wort: "richtig".

Ein wirres Selbstbild offenbart sich in seinen Mails. Er schreibt, dass er seine örtliche Tageszeitung wegen antikatholischer Beleidigung in ihren Internetforen angezeigt habe. Offenbar versteht sich Kommentator 707 als eine Art Cyberwächter, der für bestimmte Personen (Lena, den Papst, Baumgarten) oder Werte ("Freiheit, Demokratie") Partei ergreifen müsse. Seine eigenen Hasskommentare sieht er als Ausdruck seiner "Zivilcourage" und seines Engagements für eine "bessere Welt". Er beklagt, dass es keine vernünftige Strafverfolgung von anonymer Onlinehetze gibt: "Ich bin sofort dafür, dass alle Beleidiger und Hetzer im Internet sofort gesperrt und auch strafrechtlich belangt werden. Aber die Realität sieht anders aus: Diesen Leuten passiert rein gar nichts, niemals. Und genau darum agiere ich auch so, wie ich es tue." Der Hasskommentator als selbst ernannter Rächer.

Solche Leute lassen sich strafrechtlich kaum verfolgen. Zwar müssen Nutzer bei den meisten Diskussionsforen eine E-Mail-Adresse hinterlassen, doch die führt oft ins Nichts: Manche Hasskommentatoren registrieren sich unter falschem Namen; manche benutzen Wegwerf-E-Mail-Adressen, die nach einer bestimmten Zeit gelöscht werden; manche loggen sich von Computern in Bibliotheken oder Internetcafés ein. Man kann diese Leute nicht finden, man kann nur die Diskussionen moderieren und die schlimmsten Kommentare löschen. Wahrscheinlich sind es Menschen, die zu viel Zeit und Frust in ihrem Leben haben, Menschen, die sich im Netz ausleben, weil sie es im echten Leben nicht können.

Dabei ist der Anteil der Hetzer eher gering: Von zehn Kommentaren sei vielleicht einer wirklich schlimm, schätzt der Community-Manager von ZEIT ONLINE. Doch dieser eine Kommentar könne eine ganze Diskussion vergiften, weil er das Thema auf eine unsachliche Ebene lenke oder andere Teilnehmer vergraule.

Wenn man die Debatten auf ZEIT ONLINE beobachtet, stellt man fest, dass einige Themen viel hitziger diskutiert werden als andere: Integration, Frauenquote, Homo-Ehe und Ernährung. Es gibt leidenschaftliche Befürworter und Gegner, die wenig kompromissbereit sind, der Streit artet schnell aus. Und je mehr Ressentiments ein Thema bündelt, desto schriller wird darüber diskutiert. Dann wird das Netz zum digitalen Stammtisch.

Vor der digitalen Revolution funktionierten die traditionellen Medien als Filter. Journalisten recherchierten die Nachrichten, sie prüften die Fakten, wählten aus, was gedruckt und gesendet wurde, sie formten mit ihren Kommentaren die öffentlichen Diskussionen vor, und sie sortierten, jedenfalls bis zu einem gewissen Grad, das Unseriöse, Bösartige, Hasserfüllte aus. Sie entgifteten die Diskurse. Sie zivilisierten die Debatten – manchmal um den Preis der Langeweile.

Aber die traditionellen Medien, die großen Zeitungshäuser genauso wie die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, sind tief verunsichert. Verunsichert, weil sie das Wettrennen mit den Onlinemedien, mit Twitterati und Bloggern um die schnellste Nachricht nicht mehr gewinnen können. Verunsichert aber vor allem, weil sie sich seit mindestens zehn Jahren ihr nahes Ende einreden lassen, von sogenannten Experten, von Netzeuphorikern, aber auch von Verlegern und eilfertigen Chefredakteuren. Und natürlich geht es nicht spurlos an den Redaktionen vorbei, wenn ihnen Hass aus dem Netz entgegenschäumt, weil sie doch einmal gegenhalten. "Zensur!" ist da noch ein harmloser Vorwurf.

Statt abzuwägen, einzuordnen, runterzukühlen, lassen sich die Zeitungen und Sender hetzen. Sie machen Fehler dabei, sie verlieren immer mehr von dem, was sie unterscheidet vom digitalen Nachrichtenstrom: ihren Überblick, ihre Gelassenheit und ihre Autorität. Sie versuchen, ihre Langsamkeit durch Lautstärke zu kompensieren. Und werden damit zum perfekten Resonanzraum der digitalen Erregung.

Im Netz ist eine neue Gegenöffentlichkeit entstanden. Dass jeder seine Gedanken online direkt ohne Bremsen und Filter aufschreiben kann, ist ein ungeheurer Gewinn an Autonomie, eine beispiellose Enthierarchisierung von Kommunikation. Publizieren ist nicht mehr das Privileg einiger weniger, es ist ein Massenphänomen geworden. Aber das verlagert auch die Verantwortung aus den Institutionen zu den Individuen. Niemand warnt mehr: Denk darüber noch mal nach! Willst du das wirklich sagen? Jeder Einzelne muss sich jetzt selbst kontrollieren, jeder müsste sich die drei Fragen stellen, die der entnervte Berliner Fraktionschef der Piraten, Christopher Lauer, einmal so formuliert hat: "Muss es gesagt werden? Muss es jetzt gesagt werden? Muss es jetzt von mir gesagt werden?"

Nicht jeder nimmt diese Verantwortung ernst. Nicht jeder kann es. Und viele wollen es gar nicht.

Keine andere Gruppe hat die dunkle Seite des Netzes so unmittelbar und auf so verheerende Weise erlebt wie die Partei, die die Partei des Internets sein wollte: die Piraten. All die Euphorie, die ihr Auftauchen auslöste, wurde zunichtegemacht von den Shitstorms, den Wellen der Missgunst und Niedertracht, mit denen die Mitglieder einander überzogen. Sie zermürbten ihre Repräsentanten, von Marina Weisband bis Johannes Ponader. Der frühere Landesvorsitzende von Baden-Württemberg, Lars Pallasch, hat die Partei verlassen, nachdem er aus den eigenen Reihen sogar mit physischer Gewalt bedroht worden war. Und niemand hat so authentisch – und so enttäuscht – über die zerstörerische Seite der Netzdebatten geschrieben wie Christopher Lauer und Marina Weisband.

"Für jeden Gedanken, den ich äußere", schrieb Weisband, "wate ich durch einen zähen Sumpf aus Beschimpfungen und Unterstellungen." Und frustriert fügte sie, an die Adresse der Parteifreunde und sonstigen Hasser gerichtet, hinzu: "Der offene Politiker hat keine Chance, er wird fertiggemacht. Wenn es ihm nicht scheißegal ist, was ihr von ihm haltet, wird er fertiggemacht. Von euch."

Dass sie auch dafür digital niedergeknüppelt wurde, versteht sich von selbst.