Wenn Freiheit überfordert

Sie ist die Generation, die mehr Zeit vor dem Computer als auf dem Sportplatz verbringt, die chattet, postet und liked, die eigentlich sehr viel schreibt – aber eben nicht zwingend (orthografisch) richtig. Ausbilder und Personalchefs klagen heute gern über Rechtschreibfehler und schlampige Formulierungen in Bewerbungsschreiben. Früher hätte man in der Schule besser schreiben gelernt. Aber was ist dran an dieser Kritik?

In einer für Deutschland einzigartigen Längsschnittstudie über 40 Jahre hat der Siegener Germanistikprofessor Wolfgang Steinig mit seinem Team untersucht, wie sich die Schreibfähigkeiten von Viertklässlern verändert haben. Neben der Orthografie haben die Sprachwissenschaftler auch Textgestaltung, Grammatik und Wortschatz unter die Lupe genommen.

Die Ergebnisse stellte Steinig kürzlich während der Jahrestagung des Instituts für deutsche Sprache in Mannheim vor. Das Bild, das die Studie zeigt, ist gemischt – aber in einem haben die Wehklager recht: Die Fähigkeit der Schüler, Texte orthografisch korrekt und grammatikalisch normgerecht zu schreiben, hat im Durchschnitt stark abgenommen.

Die ersten Daten der Untersuchung stammen von 1972. Damals besuchte Wolfgang Steinig vier Grundschulen in Dortmund und Recklinghausen und zeigte den Schülern der vierten Klassen einen zweiminütigen Amateurspielfilm: Kinder streiten um eine Puppe, schließlich greift eine Frau ein. Im Anschluss sollten die Schüler aufschreiben, was sie gesehen hatten. In den Jahren 2002 und 2012 wiederholte Steinig das Experiment mit demselben Film an denselben und noch einigen weiteren Schulen. Insgesamt werteten die Sprachwissenschaftler fast tausend Texte von Kindern aus.

Schüler machen mehr Fehler, die Texte sind aber lebendiger und spannender

Besonders deutlich fallen die Befunde zur Rechtschreibung aus: Die Zahl der Fehler pro hundert Wörter stieg von durchschnittlich sieben im Jahr 1972 auf zwölf im Jahr 2002 an und dann noch einmal auf 17 Fehler im Jahr 2012. Vor allem mit der Kennzeichnung von langen und kurzen Vokalen und mit den Regeln für die Groß- und Klein- sowie die Getrennt- und Zusammenschreibung haben viele Kinder heute mehr Probleme als früher.

Dass die Orthografiereform sich hier negativ bemerkbar macht, schließt Wolfgang Steinig aus – dafür seien die Veränderungen, die die Reform mit sich gebracht habe, zu geringfügig. Auch dass heute viel mehr Schüler als früher einen Migrationshintergrund haben und mehrsprachig aufwachsen, kommt als Ursache nicht infrage: Immigrantenkinder machen nicht mehr Fehler als ihre deutsch-monolingualen Klassenkameraden.

Die Studie zeigt auch, dass nicht nur die Zahl der Rechtschreibverstöße, sondern ebenso die der Flexions- und Satzbaufehler zwischen 1972 und 2002 stieg; ob sich dieser Trend bis heute fortgesetzt hat, ist noch offen, für den letzten Messzeitpunkt sind die Daten noch nicht ausgewertet.

In den vergangenen 40 Jahren gibt es auch positive Entwicklungen: So sind die Texte von 2002 nicht nur länger als die von 1972, sie zeigen auch einen beträchtlich vergrößerten Wortschatz, sind lebendiger geschrieben und spannender zu lesen. Darin zeigen sich die Folgen eines Schulunterrichts, der von den siebziger Jahren an zwar immer weniger Wert auf "harte" Kompetenzen wie Rechtschreibung, Grammatik und Interpunktion legte, dafür aber die Kreativität der Schüler, ihre Freude am freien Schreiben und ihre Ausdrucksfähigkeit förderte.

Ob diese positive Entwicklung von Dauer ist, ist allerdings unklar, denn die jüngsten Ergebnisse der Studie liefern für 2012 schon wieder ein verändertes Bild: Die durchschnittliche Länge der Texte ist gegenüber 2002 wieder abgesackt und liegt jetzt sogar noch unter der von 1972.

Dafür überraschten etliche Kinder die Sprachforscher nun mit Textformen, die mit der klassischen Nacherzählung nur noch sehr entfernt zu tun haben, aber dafür an Kommentare und Kurzrezensionen erinnern: "Ich fant den Film gemein aber das Madchen ist auch selber schult daran das die anderen Kinder die Puppe wekgenommen haben." Auch internet-typische Symbole – "Der ganze Film war Okey :)" – und Fragen an die Filmproduzenten – "Wie heisen die kinder???" – tauchen nun auf.

Auf solche bewertenden, dialogischen, oft auch mündlich anmutenden Texte stießen die Linguisten 2002 noch nicht. Eine Rolle spielt möglicherweise, dass die Lehrer den Kindern im Schreibunterricht bei der Wahl der Textmuster noch weniger Vorgaben machen als vor zehn Jahren.

Aber auch der Einzug der kommentarfreudigen Internetkommunikation in die Kinderzimmer schlägt sich hier offenbar nieder. "Das Vorbild von Internettexten könnte auch einen Einfluss auf die Zunahme der Orthografiefehler zwischen 2002 und 2012 haben. Das gilt vor allem für die Groß- und Kleinschreibung, die im Internet ja auch von vielen Erwachsenen nicht mehr regelkonform angewandt wird", sagt Wolfgang Steinig.

Die soziale Schicht hat großen Einfluss

Entscheidend für die Defizite wie für die Fähigkeiten der Schüler sind aber weder mediale noch pädagogische Veränderungen, sondern soziale Faktoren. Es wird deutlich – und das sind die dramatischsten Erkenntnisse der Studie: Die soziale Schicht, der die Kinder entstammen, hat heute einen viel größeren Einfluss auf ihre Schreibfähigkeiten als vor 40 Jahren.

"Der Unterschicht droht das kulturelle Kapital der Schriftsprache zu entgleiten"

Das zeigt der Blick hinter die Durchschnittszahlen auf die Schichtzugehörigkeit der Schüler: Kinder aus sozial schwächeren Elternhäusern haben einen überproportional hohen Anteil daran, dass die Zahl der Rechtschreib- und Grammatikfehler gestiegen ist. Die Ausdehnung des Wortschatzes hingegen geht fast ausschließlich auf das Konto von Schülern aus der oberen, teilweise auch aus der unteren Mittelschicht, während er bei den Mitschülern aus der Unterschicht sogar geschrumpft ist. Dass die Rechtschreibung im Durchschnitt schlechter geworden ist, liegt zu einem großen Anteil an Kindern aus sozial schwächeren Familien, die deutlich mehr Fehler machen.

Zu Beginn der siebziger Jahre machten sich solche schichtenspezifischen Unterschiede noch kaum bemerkbar. Doch seitdem hat sich viel verändert: Längst trägt die Hauptschule das Verlierer-Stigma, gilt die Gymnasialempfehlung als entscheidendes Ziel. Für diese schulische Weichenstellung spielen die formalen schriftsprachlichen Leistungen eine entscheidende Rolle. Da ist es fatal, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten an vielen Schulen das Prinzip, schwächere Schüler eher zu schonen, als sie zu fordern und zu fördern, durchgesetzt hat.

Vor diesem Hintergrund erscheint auch ein Unterricht, der das freie Schreiben gegenüber dem Einüben sprachlicher Normen bevorzugt, als zwiespältig. Ansporn und Bereicherung stellt das kreative Texten für die Kinder dar, die ein festes Fundament haben, weil das Elternhaus oder auch der Nachhilfeunterricht schulische Lücken füllt und Sicherheit im Schreiben vermittelt, meint Wolfgang Steinig.

Aber Schülern aus sozial schwachen und bildungsfernen Elternhäusern fehlt diese Orientierung häufig. Sie erleben eine solche Freiheit eher als Überforderung, die durch die immer bunter und regelloser werdenden Sprachlandschaften der Tweets, Chats und SMS-Botschaften nur noch größer wird. Für solche Kinder haben die Schreibprobleme in den vergangenen 40 Jahren enorm zugenommen. "Der Unterschicht droht das kulturelle Kapital der Schriftsprache zu entgleiten."