Denkwürdige Premiere: Zu Beginn der Woche wurde bei Amazon erstmals gestreikt. Fast ging darüber unter: Auch bei Karstadt herrscht helle Aufregung. Der deutsche Konzern steigt aus der Tarifbindung aus. Der amerikanische Rivale will erst gar nicht hinein. Damit verschärft sich ein zweifelhafter Wettbewerb – zulasten der Beschäftigten.

Amazon mag es gnadenlos flexibel: Der Onlinehändler setzt auf Leiharbeiter, agiert mit befristeten Arbeitsverträgen und täglichen Kündigungsfristen, was für Angst und Schrecken in der Belegschaft sorgt. Bei Karstadt verwundert, wie Firmenchef Andrew Jennings seine Mitarbeiter neuerdings vergrätzt, indem er die Entwicklung der Tariflöhne in den nächsten zwei Jahren ignorieren will. Damit düpiert er auch die Gewerkschaft ver.di, die bei der Sanierung des Konzerns bislang vor allem positiv aufgefallen ist.

Ohne Not schert Jennings aus der Tarifgemeinschaft allerdings wohl nicht aus. Dem Unternehmen geht es nicht besonders gut. Der Schritt hilft nun, die Kosten zu stabilisieren, beschädigt aber zugleich das Image des als Gutmensch gefeierten Karstadt-Retters Nicolas Berggruen.

Die beiden Konzerne werfen ein Schlaglicht auf die gesamte Branche. Seit Jahren wird im Handel um eine Regelung zum Mindestlohn gerungen. Doch das Arbeitgeberlager ist zerstritten, eine Einigung mit ver.di in weiter Ferne. Zudem kündigte der Handelsverband HDE vor einiger Zeit auch noch fast alle tariflichen Vereinbarungen und goss damit Öl ins Feuer: Jetzt stehen nicht nur die Gehälter zur Debatte, sondern unter anderem auch Vereinbarungen über Zuschläge, Arbeitszeiten und Urlaub.

Ver.di fürchtet, dass die Händler generell das Schutz- und Gehaltsniveau absenken möchten. Die Verbandsfunktionäre behaupten, man wolle lediglich den Staub aus den veralteten Tarifwerken wischen. Sie täten gut daran, dieses Argument nicht nur vorzuschieben. Denn der Handel hat schon heute einen schlechten Ruf als Arbeitgeber. Immer wenn es um Niedriglöhne geht, bleibt die Branche nicht unerwähnt.

Karstadt, Amazon und alle anderen Händler schaden sich selbst, wenn sie ihre Mitarbeiter zu Kostenträgern degradieren. Die Händler sollten gerade im rabiaten Konkurrenzkampf nicht vergessen, dass zufriedene Mitarbeiter wie Kundenmagneten wirken. Sie sind ein Vorteil im Wettbewerb – Respektlosigkeit und Dumpinglöhne machen das zunichte.