DIE ZEIT: Vernünfftler – das klingt in unseren Ohren ja eher abschreckend.

Holger Böning: In der Tat, und das gilt noch mehr für Titel wie Der Greis, Der Hypochondrist, Der Trotzkopf. Oder Der Schwätzer, das Pendant zum englischen Tatler. Diese Blätter gab es alle. Es waren Titel, die eine Herausgeberfigur oder -gesellschaft suggerierten.

ZEIT: Man sprach den Leser auf diese Weise direkt an?

Böning: Die Redaktion gab vor, unmittelbar mit dem Leser zu sprechen, so wie es heute noch viele Kolumnisten machen. Dabei war Der Greis oder Der Trotzkopf natürlich selbstironisch gemeint. Typischere Titel waren Der aufrichtige Compagnon, Der lustige Observateur, Der Freydenker, Der Mahler der Sitten.

ZEIT: Keine ZEIT dabei?

Böning: Ist mir nicht untergekommen. Aber vom Konzept her waren die Moralischen Wochenschriften ihr schon sehr, sehr ähnlich. Im Übrigen dürfen wir nie vergessen, dass Wörter einem Bedeutungswandel unterliegen. Das gilt schon für den Begriff Moralische Wochenschrift selbst.

ZEIT: Was hieß denn "moralisch" damals?

Böning: Ein Moralist war noch kein Moralprediger, sondern ein Gesellschaftsschilderer, ein "Maler der Sitten". Eine Moralische Wochenschrift sollte eine Zeitung sein, die das Leben und die Gesellschaft schildert und die der Gesellschaft nützt. Nehmen Sie ein Thema von heute: Steuerhinterziehung.

ZEIT: Die große Gier.

Böning: Ja, wir geißeln die Gier. Darauf wären die damals nicht gekommen. Gier gehört für den Moralisten der Aufklärung zum Menschen. Einer Moralischen Wochenschrift wäre es allein um den Schaden gegangen, der aus der Steuerhinterziehung entsteht, weil das geraubte Geld für Kliniken, für Straßen und Schulen fehlt.

ZEIT: Was war das Neue an diesen Blättern? Was stand drin?

Böning: Diese Wochenschriften wirken heute ziemlich karg. Das waren bescheidene Blättchen, im Format nicht größer als ein Buch, vier bis acht Seiten pro Nummer. Die sahen nicht anders aus als die meisten Zeitungen der Zeit. Aber der Inhalt und der Stil – die waren neu. Dass die Sorge um das Gemeinwohl öffentlich wird und dass man bürgerliche Initiative und bürgerlichen Gemeinsinn als Teil der Politik betrachtet, so etwas zum Beispiel.

Die lautesten Kritiker waren die Geistlichen

ZEIT: Und religiöse Fragen?

Böning: Und religiöse Themen. Die Geistlichen waren denn auch die lautesten Kritiker der neuen Zeitschriften. Für sie hatten weder Journalisten noch das allgemeine Publikum ein Mandat zur Debatte ethischer Fragen. Sie merkten gleich, wie diese Blätter die kirchliche Autorität untergruben, wie sie der frommen Erbauungsliteratur und der Predigt Konkurrenz machten. Vor allem, da sie sündigerweise das Selbstdenken zur moralischen Pflicht erhoben – für jeden Menschen, "er lebe in was vor einem Stande er wolle". So steht’s 1728 in einer Hamburger Wochenschrift mit dem lustigen Titel Die Matrone.

ZEIT: Worum geht es konkret?

Böning: Man debattiert über das Naturrecht, über die Pflichten von Regierungen, über gesellschaftliche Einrichtungen. Johann Mattheson, dem Gründer und Herausgeber des Vernünfftlers , gilt Polemik durchaus als Erkenntnisform. Er ist der Erste, der den Nutzen des öffentlichen Disputes propagiert und so den Weg zur "Wahrheit" bahnen will. Ganz neu ist die Diskussion pädagogischer Fragen. Wohl erstmals in einer deutschen Zeitschrift rät der Vernünfftler davon ab, die Kinder zu prügeln.

ZEIT: Was hatte Mattheson auf die Idee für sein Blatt gebracht?

Böning: Die Idee kam aus London. Dort gab es schon seit drei, vier Jahren den Spectator und den Tatler. Daran orientierte er sich, übersetzte auch zunächst noch etliches daraus.

ZEIT: Wie viele solcher Wochenzeitungen gab es denn in Deutschland und Europa?

Böning: In England wohl um die 200, je 20 bis 25 in Spanien und Frankreich. Wolfgang Martens wies 1968 in seinem großen Werk über die Moralischen Wochenschriften, Die Botschaft der Tugend, gut hundert deutschsprachige Blätter nach. Wir haben bei unseren Recherchen noch mehr entdeckt.

ZEIT: Wie groß waren die Redaktionen?

Böning: Mattheson verantwortete seinen Vernünfftler allein. Verleger war die Familie von Wiering, die noch andere Zeitschriften und eine Zeitung hatte. Als Mattheson das Blatt gründet, ist er 32 Jahre alt, hat zweitausendmal als Sänger auf der Hamburger Bühne gestanden, mehrere Opern komponiert und sich 1704 vor dem Opernhaus am Gänsemarkt mit dem jungen Georg Friedrich Händel duelliert. Ein metallener Knopf an Händels Jacke hat glücklicherweise verhindert, dass wir heute auf seine Musik verzichten müssen. Mattheson hatte noch einen Posten beim englischen Gesandten in Hamburg, insofern war er finanziell abgesichert.

ZEIT: Da war er bestimmt die Ausnahme!

Böning: Als Zeitungsverleger konnte man auch damals schon ein Vermögen machen, als Zeitungsschreiber, als Redakteur oder Herausgeber einer Zeitschrift eher weniger. Oft handelt es sich bei den Publizisten, die so etwas begannen, um junge Akademiker noch ohne feste Stellung, die sich ein Auskommen erschreiben wollen. Unter den Autoren finden sich aber auch fast alle bedeutenden Dichter und Publizisten des Aufklärungsjahrhunderts von Gottsched und Brockes bis zu Lessing, Klopstock und Pestalozzi. Unter den zehn namentlich bekannten Mitarbeitern des Hamburger Patrioten sind sechs Juristen, fünf stammen aus angesehenen Kaufmannsfamilien. Doch ist dies ein Sonderfall.

Der erste Leserbrief der Pressegeschichte

ZEIT: Wie viele Leser hatte so ein Blatt?

Böning: Der Vernünfftler noch wenige; Mattheson selber gründete anonym, um Aufsehen zu erregen, mit dem GegenVernünfftler sogar einen Konkurrenten, der kräftig auf seinen angeblichen Gegner einschlug. Der Patriot hingegen, ein paar Jahre später, erreichte in der 80.000-Einwohner-Stadt Hamburg eine Auflage von mehr als fünfeinhalbtausend Exemplaren und dazu noch etliche Leser mehr durch Gemeinschaftslektüre und in Lesegesellschaften. Dieses Wochenblatt wurde überall im deutschsprachigen Raum gelesen. Es löste eine Debatte über bürgerlich-gemeinnütziges Verhalten aus, ja man kann sagen, der Patriot hat eine ganze Generation von Gebildeten und speziell von hanseatischen Bürgern geprägt.

ZEIT: Welchen Einfluss hatten die Leser ihrerseits auf die Zeitschriften?

Böning: Na, zunächst einmal durch den Kauf, wie heute. Viele Blätter gingen nach ein paar Nummern wieder ein, auch der Vernünfftler überlebte nur ein Jahr. Dann durch direkte Einmischung. Schon gleich 1713 erschien in Matthesons Blatt der erste Leserbrief der deutschen Pressegeschichte, der übrigens ein Leserinnenbrief ist.

ZEIT: Was hat die Dame so erregt?

Böning: Mattheson hatte sich etwas chauvinistisch über das Aussehen der Hamburger Frauen geäußert. Die Leserin bot ihm eine persönliche Begegnung an: Sie getraue sich, "dem Vernünfftler seines Unfugs zu überzeugen". Es kam tatsächlich zu einem Treffen – nach dem Mattheson in den höchsten Tönen von seiner Leserin schwärmte.

ZEIT: Oha. Und wie politisch durfte es sein?

Böning: Angriffe auf Politiker und Potentaten fehlen. Allerdings sind viele Artikel hochbrisant und sehr politisch. Gerade noch hatte man überall in Deutschland Andersgläubige vertrieben, hatte exkommuniziert, verbannt und verbrannt. Da kamen diese neuen Zeitschriften. Sie waren weltoffen, sie forderten Toleranz und propagierten das Menschen- und Bildungsideal der frühen Aufklärung mit seiner Orientierung auf das irdische Diesseits. Die Bibel als allein selig machende Schrift bekam Konkurrenz, indem man auf philosophische Schriften und historische Werke hinwies, ja selbst auf die Sittenschriften heidnischer Völker. Hochpolitisch war natürlich auch die stete Aufforderung an die Leser, die Welt nach den Grundsätzen der Vernunft und in eigener Verantwortung umzubauen.

ZEIT: Später, im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dominieren die Tageszeitungen. Erst nach 1945 werden Wochenzeitungen und -magazine in Deutschland wieder bedeutsam. Wie erklären Sie das?

Böning: Tageszeitungen brachten die Nachrichten, in den Wochenzeitungen wurden die dann diskutiert. Im 19. Jahrhundert öffnete sich auch die Tagespresse Kommentaren und Essays, der Leitartikel erblühte. Zur Mitte des 20. Jahrhunderts bekam die Tageszeitung als Nachrichtenorgan durch die elektronischen Medien heftige Konkurrenz. Die großen Tagesblätter begannen, ihre Berichterstattung auszubauen – das schuf erneut Platz für Wochenblätter und Magazine, die jetzt wieder die Aufgabe übernahmen, dem Bürger die Welt zu erklären, komplexe Zusammenhänge und Hintergründe zu analysieren. Und mit dem Leser zu diskutieren.

ZEIT:Die Papierzeit neigt sich dem Ende zu. Meinung – oft nur Stimmung – wird längst mit Internet-Blogs gemacht. Werden sie auf Dauer die Wochenzeitungen ersetzen?

Böning: Es wird in der Zukunft sicher noch viele interessante Blogs geben, wie es viele tolle Informationsangebote im Netz gibt. Einen professionellen Journalismus aber, sei es Nachrichten-, sei es Meinungsjournalismus, kann das nie ersetzen.