Einige Originale sind nur Quadratzentimeter groß. Wenn Kerth sie konserviert, fixiert und zusammengefügt hat, "was ins Auge springt", wenn die Einzelstücke eingescannt und hinter Glas gesichert sind – dann können Schriftgelehrte mit der Puzzlearbeit und Auswertung beginnen. "Stoff für viele Forscherleben", sagt Lepper. Schritt für Schritt, hofft sie, werden die Übersetzungen das Wissen darüber mehren, was auf jener Insel mitten im Nil vor Jahrtausenden los gewesen ist.

Die persischen Herrscher hatten auf Elephantine im 5. Jahrhundert Truppen stationiert, ein Bollwerk gegen das südlich gelegene Nubien. Unter dem Aramäisch sprechenden militärischen Personal waren Juden aus Palästina. Ethnien, Religionen, Sprachen vermischten sich. Die Insulaner lebten einen Synkretismus, ist Lepper überzeugt: Auch die aramäischen Juden pflegten auf Elephantine beileibe nicht nur Monotheismus.

"Die aramäischen Funde der verflossenen Woche füllen einen großen Blechkasten, der sehr vorsichtig ausgepackt werden muß." (Donnerstag, 10. Januar 1907)

Die multikulturelle Bevölkerung brachte offenbar kaum Religiöses zu Papyrus – "wir haben weder Thora- noch andere Bibeltexte", sagt Lepper. Götter sind in weltlichen Texten zumindest erwähnt oder in radikaler Agitprop-Prosa als Adressat genannt, wie auf dem Papyrus P23040; das Klagelied, gerichtet an Gott Chnum, ist nichts anderes als ein Aufruf priesterlicher Kreise zum bewaffneten Widerstand gegen die persische Herrschaft: "Wir rufen dich an, Herr der Götter / Mögest Du zerlegen ihre Anführer / Mögest Du schlachten ihre Starken / Mögest Du töten ihre Vertrauten."

Dem Alltag entsprungen ist ein medizinisches Rezept: "Süßes Bier (...) kochen, durchpressen (...) Wenn er sich nicht wohlfühlt (...) Du sollst nicht geben (zu) viel." Dem Pfleger wird geraten, das Fett einer Gans mit Mehl von Weizen, Datteln, Gerste und Gummiharz zu kochen. Dann soll es der Kranke "trinken an vier Tagen in Fingerwärme".

"Furchtbarer Sandsturm den ganzen Tag."

(Samstag, 12. Januar 1907)

In den Archiven der Papyrussammlung aus Elephantine finden sich eine Regierungserklärung, didaktische Sprüche, Dokumente zum Einziehen der Salzsteuer und solche über Speise- und Weihrauchopfer. Es geht um das Einkommen eines Chnum-Priesters, juristischen Hickhack rund um den Verkauf eines Hauses, um Schulden, um zwei Brote eines namentlich genannten Bäckers.

Wenige Meter vom Archäologischen Zentrum entfernt, auf der Berliner Museumsinsel, sind weitere, restaurierte Dokumente aus dem Rubensohnschen Fundus zu besichtigen: Im Neuen Museum (im Raum neben Nofretetes Büste) ist die größte Papyrusausstellung der Welt untergebracht. Dort findet sich aus Elephantine eine Quittung über den Erhalt von Geld, demotisch geschrieben, und ein Papyrus voller Trinklieder, verfasst in Griechisch. Ein Gerichtsprotokoll in hieratischen Lettern berichtet von Erbstreitigkeiten. Eine Liste mit den Namen von Spendengebern für den Wiederaufbau des jüdischen Tempels auf Elephantine ist niedergeschrieben in Aramäisch am 1. Juni 400 vor Christus. Aufgelistet sind nicht nur Beträge. In der Kolumne mit Namen sind Frauen vermerkt. Offenbar verfügten sie auf der Insel über eigenes Vermögen. "Das war Gleichberechtigung pur", sagt Lepper.

"Die Papyrusfunde sind heute geringfügig, nur in einem Zimmer an der Straße des Mittelteils kommen wieder ganz vermorschte und zerstückelte Fragmente heraus, in der Mehrzahl sah ich Demotisches."

(Donnerstag, 17. Januar 1907)

Mit ihren beiden Restauratorinnen betreut Verena Lepper eines der größten Projekte, die bislang unter dem Dach des neuen Archäologischen Zentrums gestartet worden sind. Fünf Institutionen nutzen mit ihren Forschungsabteilungen die Labore, Archive und die Bibliothek als interdisziplinäre Plattform: Ägyptisches Museum und Papyrussammlung, Antikensammlung, Museum für Islamische Kunst, Museum für Vor- und Frühgeschichte und Vorderasiatisches Museum. Die renovierte ehemalige Marx-Engels-Kaserne allein wäre dafür zu klein gewesen; ein durchgestylter Neubau schließt sich an. Der Umzug hierher ist noch nicht ganz abgeschlossen, davon zeugen die Umzugskartons, die entlang der Wände im Papyrusdepot aufgereiht sind, darin Tausende unentzifferte Dokumente.

Kaum hat die Restauratorin das Seidenpapier beiseitegeschoben, macht sich die Kuratorin ans Übersetzen und Analysieren. "Das ist Griechisch. Oder Koptisch", werweißt sie über den blassen Zeichen eines Fragments, das mit Mischtinte – einem Elixier aus Ruß, angereichert mit Metall – beschriftet worden ist. Lepper geht hin und her. Sie erkennt Hieroglyphen und hieratische Schriftzeichen. Den "sitzenden Mann", das "Schilfblatt", den "Brotkorb". Die "laufenden Beine" und der "Falkengott auf der Standarte" sind allgemeine Deutzeichen für "Bewegung" und "Göttliches". Lepper ist kaum zu bremsen. Als sie sich in tiefer liegende Schichten der frisch geöffneten Kiste vorkämpfen will, mahnen die Restauratorinnen zu Geduld. "Gemach, Frau Lepper, gemach!" Die Chefin fügt sich. Etwas widerwillig. Nach hundert Jahren, so scheint es, ist sie nicht gewillt, weitere Zeit zu verlieren.

"Ruhetag (...) Verpackung der bisher gefundenen Ostraka (griechisch, koptisch, demotisch, arabisch), hübsche Stücke darunter, habe leider keine Zeit, sie mir genauer anzusehen." (Freitag, 25. Oktober 1907)

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