Vor Kurzem wurde ein erfolgreicher Migrant bei einer Diskussion im Hamburger Thalia Theater gefragt, was für ihn, der als junger Mann aus der Türkei hierherkam, heute Heimat sei. Der Unternehmer erzählte, bei einem Besuch in seinem Geburtsland habe er plötzlich gemerkt, wie viel Deutsches er dort doch vermisse. Als Erstes nannte er keine Stadt, nichts Berufliches und auch nicht Freunde in Hamburg. Als Erstes nannte er – die Tagesschau.

Vielleicht gehört unser Fernsehen tatsächlich zu den vielen guten Einrichtungen, an die wir uns so sehr gewöhnt haben, dass ihr Wert nur noch jenen auffällt, die sie neu kennenlernen oder entbehren müssen. Dieses Land leistet sich das aufwendigste öffentlich-rechtliche Fernsehen der Welt. Auf seinen mehr als 20 Kanälen bietet es eine große Vielfalt und jede Menge guter Sendungen. Einige Informationsprogramme gehören zu den besten ihrer Art, sie gestalten den öffentlichen Diskurs mit, sie ordnen und erklären die Nachrichtenflut. Das Problem ist nur: Das will offenbar keiner so richtig sehen.

Denn das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist in eine Schieflage geraten. Spätestens seit der Umwandlung der ohnehin ungeliebten Rundfunkgebühr in einen Rundfunkbeitrag zu Beginn dieses Jahres ist es in eine Legitimationskrise gerutscht. Es muss sich der Frage erwehren, ob eine Zwangsgebühr noch zeitgemäß ist – und ob der Apparat nicht zu umständlich geworden ist für die digitalen Herausforderungen und sich wandelnde Sehgewohnheiten. Gleichzeitig hagelt es wegen des als eintönig und anspruchslos empfundenen Programms besonders bei den Flaggschiffen ARD und ZDF Kritik in den Feuilletons, die von einer wachsenden Zahl von Zuschauern offenbar geteilt wird: Sie verweigern sich dem Fernsehen oder nutzen es gezielt über das Internet, unabhängig vom Programmschema. Diese Haltung trifft die Verantwortlichen unvorbereitet, verunsichert sie und wird von ihnen als ungerecht empfunden, weil jede noch so gelungene Anstrengung, sei es ein Themenabend über das Leid von Heimkindern oder das aufwühlende Kriegsepos Unsere Mütter, unsere Väter, nur als Ausnahme von der Regel wahrgenommen wird.

Aber es hilft nichts, aus der Defensive werden die Öffentlich-Rechtlichen nur herauskommen, wenn sie sich dieser Kritik stellen, sich der Gesellschaft, die sie bezahlt, weiter öffnen und lustvoll selbst eine Debatte darüber anzetteln, was sie eigentlich sein wollen und heute noch sein können. Die Fakten sind: 30 Jahre nach Einführung des Privatfernsehens haben die kommerziellen Anbieter zusammen mehr Zuschauer als die öffentlich-rechtlichen. Die treuen Nutzer von ARD und ZDF sind im Durchschnitt über 60 Jahre alt. Die Zuschauer bei den Privaten sind jünger, viele von ihnen sind eher bildungsfern. Das setzt das gebührenfinanzierte System doppelt unter Druck. Zum einen ist es natürlich für alle Zuschauer da; zum anderen herrscht die große Furcht, mit abnehmenden Marktanteilen auch die Begründung dafür zu verlieren, weiter in der bisherigen Form finanziert zu werden. So versucht das Öffentlich-Rechtliche einen anstrengenden Spagat: Den Mainstream will man vornehmlich in ARD, ZDF und den Dritten abbilden, den Rest mit Spartenkanälen erreichen, von Kika bis Arte. Das Risiko dabei ist: Am Ende fühlt sich keiner mehr richtig bedient.

Denn besonders bei den Massenprogrammen in ARD und ZDF ist ein manischer Quotendruck entstanden. Zwar kann man im Ernst auch keinem beitragsfinanzierten Veranstalter zumuten, möglichst wenig Zuschauer in Kauf zu nehmen und dies auch noch für einen Ausweis besonderer Qualität zu halten. Doch inzwischen wird fast jede Sendung, die nicht wenigstens zehn Prozent erreicht – teilweise sogar schon in den dritten Programmen – als gescheitert angesehen, sie drückt ja den Quotenschnitt der Sender. Bei den Informationssendungen führt das dazu, dass schon das Übersetzen eines fremdsprachigen Gastes Angst auslöst, es könnten Zuschauer wegzappen. Eine Talksendung über das Morden in Syrien, vor zwei Wochen von Anne Will moderiert, kommt da schon einer Mutprobe gleich (sie hatte auch prompt eine einstellige Quote). Im fiktionalen Bereich sind die Folgen noch drastischer: immer gleiche Plots, Dialoge wie aus der Stanze und der Dauereinsatz von Publikumslieblingen, von denen man sich inzwischen regelrecht verfolgt fühlt. Risikovermeidung, wo es nur geht.

Womöglich sind aber die Zuschauer inzwischen weit neugieriger, als die Fernsehgewaltigen glauben. Vielleicht wissen auch Politik und gesellschaftliche Gruppen, die das Fernsehen kontrollieren, um den Wert von Qualität. Die jetzigen Quoten werden ohnehin nicht zu halten sein, weil weitere Anbieter auf den Markt drängen und neue Nutzungsgewohnheiten jede Programmplanung über den Haufen werfen. Aber das ist auch eine Chance zur Reform der öffentlich-rechtlichen Anstalten, die sich durch Kooperationen der Sender verkleinern müssen, wenn sie überleben wollen. Das frei werdende Geld muss ins Programm fließen, nicht in den Apparat. Es gibt einen riesigen Bedarf an neuen Ideen, auch den Privaten ist lange nichts Neues eingefallen. Und schließlich müssen die Maßstäbe für Erfolg neu definiert werden. Jeder Sender müsste sich zum Beispiel regelmäßig der Prüfung stellen: Wo haben wir ein Format erfunden, wo ein Moderationstalent aufgebaut?

Wir brauchen das öffentlich-rechtliche Fernsehen, es ist vielen zu einer Heimat geworden. Es wäre gut, wenn es sich änderte, bevor es verändert wird – damit es unser Fernsehen bleibt.

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