ZEIT: Was verstehen Sie beide denn unter Qualität?

Herres: Qualität heißt für mich, dass das Programm so gut wie möglich ist, egal ob Fernsehfilm oder politisches Magazin. Das gelingt vielleicht nicht durchgehend, aber den Ehrgeiz muss man haben. Und ich halte es mit dem BBC-Motto: "Make the good popular and the popular good", das heißt: Ich strebe nach Exzellenz ...

ZEIT: ... und einer hohen Zuschauerquote. Darauf kommen wir noch zu sprechen. Herr Bellut?

Bellut: Es gibt keine Pauschalantwort auf die Frage. Gerade habe ich ein Projekt über Richard Wagner freigegeben; es kostet über zwei Millionen Euro. Davon verspreche ich mir hohe Qualität. Ob ich sie auch bekomme, erfahre ich erst hinterher. Das ist immer so. Bei dem Weltkriegsdrama Unsere Mütter, unsere Väter stand das auch nicht von Beginn an fest.

ZEIT: Jetzt sprechen Sie von herausragenden Sendungen. Was ist mit dem Rest?

Bellut: Man kann nicht an jeder Stelle glänzen. Natürlich bieten wir auch Durchschnittsware an. Das Programm wäre ansonsten gar nicht bezahlbar.

ZEIT: Sie meinen, trotz der 7,5 Milliarden Euro Einnahmen aus Rundfunkbeiträgen senden Sie bewusst auch Programme, die Sie selbst für unzureichend halten?

Bellut: Einen grundsätzlichen Qualitätsstandard muss es immer geben. Abends schalten mehrere Millionen Zuschauer ein; hätte da niemand etwas auszusetzen, wären wir überrascht. Aber natürlich müssen wir uns auch immer wieder Fragen stellen wie: Sollten wir unsere Politikberichterstattung erneuern? Wie verhalten sich jüngere Zuschauer mittelfristig, und wie können wir sie erreichen?

ZEIT: Seit Januar kann sich kaum mehr jemand vom Rundfunkbeitrag befreien lassen, egal, ob er fernsieht oder nicht. Warum haben Sie die Umstellung nicht für eine Qualitätsoffensive genutzt, um zu zeigen, dass Sie das Geld wert sind?

Herres: Das haben wir! Im Ersten wurden die Schwerpunkte ausgebaut, in denen wir fiktionale mit journalistischen Stoffen kombinieren. So erreichten wir beispielsweise fünf Millionen Menschen mit einer Dokumentation über das Frauengefängnis Hoheneck in der DDR. Das wäre nicht zu schaffen gewesen, hätten wir die Dokumentation allein gesendet, ohne einen Fernsehfilm als Begleitung.

Bellut: Der Qualitätsanspruch ist doch heute genauso gültig, wie er es vorher war. Dieses Frühjahr haben wir reichlich Preise bekommen für Filme wie die Familiensaga Das Adlon und Unsere Mütter, unsere Väter, und auch das heute-journal hat sich hervorragend präsentiert.

ZEIT: Schon wieder nennen Sie Unsere Mütter, unsere Väter. Aber wo ist der feste Sendeplatz für Dokumentationen in der Primetime? Die meisten laufen spätabends oder nachts.

Herres: Das ist ein Vorurteil. Am Montag um 22.45 Uhr gibt es im Ersten einen festen Sendeplatz für Dokumentationen. Um 20.15 Uhr, wenn alle Sender Unterhaltung zeigen, sind die Menschen mit solchen Stoffen schwer zu erreichen. Aber für herausragende Dokumentationen haben wir immer sehr gute Sendeplätze gefunden.

ZEIT: Um nur ein paar Beispiele zu nennen: In der ARD lief die Dokumentation Wie weit links? 150 Jahre SPD um 23.30 Uhr, im ZDF Die Nazi-Braut über Beate Zschäpe um 0.45 Uhr …

Bellut: Bei uns haben Dokumentationen einen festen Platz in der Primetime: dienstags um 20.15 Uhr; das muss nicht immer eine investigative Top-Story sein. Kürzlich haben wir aber etwa den Film Die Jahrhundertfälschung über die Hitler-Tagebücher auf diesem Platz gezeigt. Sie ist mit einem Marktanteil von 6,8 Prozent allerdings nicht sehr gut gelaufen.

ZEIT: Na und, es war doch ein guter Film! Das Thema Quote scheint bei Ihnen auf blanke Nerven zu treffen.

Bellut: Wir bereuen nicht, den Film gezeigt zu haben. Aber es ist die Höchststrafe in unserer Branche, nicht beachtet zu werden. Das geht allen Medien so.

ZEIT: Bloß müssten Sie sich als Vertreter des öffentlich finanzierten Rundfunks diesem Wettbewerb ja gerade nicht unterwerfen. Sie, Herr Herres, gelten als der größte Quotenverfechter im öffentlich-rechtlichen Fernsehen...

Herres: Ich weiß gar nicht, woher dieses Image kommt. Ich bin zutiefst überzeugt davon, dass man Quote und Qualität vereinbaren muss, um ein Millionenpublikum für relevante Themen zu gewinnen. Das ist die schwierige Aufgabe, vor der wir stehen: Wir müssen eine Gesellschaft, die immer weiter zerfällt, vor dem Fernseher zusammenführen.

ZEIT: Was würde passieren, wenn Sie ein exzellentes Programm machten, das die Kritiker lobten, ...

Bellut: Schreckliche Vorstellung.

Herres: Bitte keine Drohungen! (beide lachen)

ZEIT: ...aber die Quoten wären einstellig?

Herres: Die Folge wäre eine Diskussion, die sich auf einen Satz verkürzen lässt: Warum müssen alle Beiträge für ein System zahlen, das von einem Großteil der Bevölkerung gar nicht genutzt wird?

Bellut: Wenn wir zur Hauptsendezeit nicht mehr so viele Menschen erreichen würden wie bisher, hätten wir auf die Dauer ein Problem: Dann würden Bundeskanzler oder Ministerpräsidenten ihre Interviews nicht mehr dem heute-journal im ZDF oder den Tagesthemen in der ARD geben, sondern womöglich einem Privatsender. Das darf nicht passieren.