Am vergangenen Wochenende verschickte der Suhrkamp Verlag an die Kritiker, an die er üblicherweise die Neuerscheinungen seines Programms versendet, eine Novelle von Heinrich von Kleist aus dem Jahr 1810. Darin geht es um einen brandenburgischen Rosshändler, der, weil ihm Unrecht geschehen ist und man ihn um seine Pferde gebracht hat, zu einem Tugendmonster wird, das in seinem Kampf um die gerechte Sache alles in den Abgrund reißt.

Man darf diese Postsendung des Suhrkamp Verlages als einen Wink mit dem Taschenbuch verstehen, denn der Verlag wird im Augenblick von einem hamburgischen Medienhändler, der meint, dass ihm Unrecht geschehe, auf dessen Siegeszug durch die juristischen Instanzen in den Abgrund gerissen. Michael Kohlhaas, so heißt der brandenburgische Rosshändler, hat am Ende seines Rechthaberfeldzuges sein Leben verloren. Hans Barlach, so heißt der hamburgische Medienhändler, könnte am Ende seines Klagewegs gegen den Verlag, dessen Miteigentümer er ist, sein Recht und sein Geld bekommen, aber einen der wichtigsten deutschen Verlage stark beschädigt haben.

Während das Publikum dieser Tragödie um ein altes Traditionshaus der Literatur gebannt folgt, spielt sich auf einer Nebenbühne ein kleineres Drama ab, das jedoch ebenfalls mit der Frage zusammenhängt, wie die großen Literaturverlage nach dem Abgang der charismatischen Gründerpatriarchen überleben – und auch mit der Frage, ob die Zukunft dieser Verlage weiterhin so patriarchalisch sein wird, wie sie es war. Bei Suhrkamp wird mit aller Kraft versucht, eine unbequeme Verlegerin von der Verlagsspitze zu verdrängen. Im Hanser Verlag geht – wie gerade bekannt wurde – Elisabeth Ruge, die Gründerin des Verlagsablegers Hanser Berlin, zum Jahresende von Bord. Ihr Nachfolger wird Karsten Kredel, der bisherige Programmleiter für fremdsprachige Literatur bei Suhrkamp.

Erst vor zwei Jahren hatte Elisabeth Ruge die Dependance Hanser Berlin gegründet – und viele namhafte Autoren des Berlin Verlages, dessen Chefin sie sechs Jahre lang war, mitgenommen. Als sie zu Hanser wechselte, gab es niemanden in der Buchwelt, der es nicht für möglich hielt, dass sie eines nahen Tages in die Verlagsspitze berufen werde. Der Einzige, der das nicht glaubte und noch vor ihrem Amtsantritt für unmöglich erklärte, war der Verlagspatriarch Michael Krüger selber: "Das wird sie hundertprozentig nicht" (ZEIT , Nr. 44/11). Nun wird sie es wirklich nicht. Michael Krüger, der im Dezember 70 Jahre alt wird, übergibt die Geschäfte zum Jahresende an seinen Nachfolger Jo Lendle, und Elisabeth Ruge zieht sich zurück.

Damit ist die Patriarchenfrage fürs Erste beantwortet. Zwar teilt Michael Krüger mit Michael Kohlhaas nichts als den Vornamen, und der Hanser Verlag steht auch nicht vor dem Abgrund, aber er verliert eine souveräne und erfahrene Verlegerin von internationalem Format, die mit Autoren wie Richard Ford und Péter Esterházy neben Helene Hegemann und Jonathan Littell ein kontrastreiches, vielstimmiges Programm gemacht hat.