Fast wäre ich ein Pferdemädchen geworden. Ich war elf, und Tini und Beo aus meiner Klasse, die älter waren, weil sie die sechste wiederholen mussten, gingen reiten. Was sie erzählten, hörte sich toll an. "Trense" war ein Wort von bestechend schneidendem Klang, auch "Gerte" hörte sich spannend an, denn damit konnte man dem Pferd eins überbraten, wenn es nicht so wollte wie man selbst. Ganz wichtig durfte man sich nehmen, wenn man den Stall ausmistete und das Pferd striegelte, was den Vorteil hatte, dass das Reiten dann billiger war. Auch "voltigieren" klang verlockend, andererseits haftete diesem Wort die Hochnäsigkeit an, mit der auch die Ballettmädchen sprachen. Die Mädchen um Tini und Beo einte, dass sie kollektiv eine Reiterin ablehnten. Ihr Name war Babette. Ihr Opa war Millionär, und sie hatte ein eigenes Pferd. Deshalb musste man Babette natürlich blöd finden. Und weil sie diesen indiskutablen Namen trug.

Irgendwann kam Gaby in meine Klasse, vielleicht auch sitzen geblieben, und auch sie ging in den Stall. Ich ging mit. Ich wollte so sein wie sie. Einen Helm haben, der am Fahrradlenker baumelt, enge Hosen tragen und hohe Stiefel. Ich wollte robust sein und keinen Kot scheuen, und vielleicht hatte ich die Hoffnung, so wie Gaby in einem Pferd einen Freund zu finden. Oder eine Aufgabe.

Das Intermezzo blieb ein kurzes. Fünf-, sechsmal bin ich dort gewesen, habe auf einem Pferd gesessen und versucht, das schön zu finden. Die Pferde fanden es nicht schön. Der eine Gaul ging mit mir in der Halle durch, der andere rannte hinter mir her. Aber schlimmer noch waren die Mädchen. Das Gewese, das sie um die Gäule machten, schreckte mich ab. Das ständige Messen, wer die Tollste sei, kam mir irrwitzig vor. Solidarität gab es nicht. Alles war ein Kampf gegeneinander. Auch die Bücher und Hefte, die sie lasen, handelten von dieser zickigen Welt, vom ständigen Versuch, die Beste zu sein. Rund um das Pferd wurden Geschichten gestrickt, in denen die Mädchen so sein durften, wie man es ihnen im realen Leben nie gestattet hätte. Sie ritten wild durch Wald und Flur, lösten Rätsel, fanden Schätze und fassten Diebe. Tagelang blieben sie, wenn die Aufgabe es erforderte, von zu Hause fern und nächtigten im Freien. Dabei durften wir Mädchen in den Siebzigern nicht einmal aus der Flasche trinken. Wie im Stall, so traten die Roman-Reiterinnen meist zu zweit auf, und oft ging es darum, konkurrierende Pferdeliebhaberinnen auszustechen. So wollte ich nicht sein. Irgendwie war mir klar, das sind die Hausfrauen von morgen.

Aus gestern ist heute geworden, und die Hausfrauen des satten Hamburger Westens liefern nach Schulschluss ihre Kinder am Stadtrand, auf einem Ponyhof in Schenefeld, ab. Dann wird es dort laut und quirlig. Mit entschlossenem Schritt führen die Mädchen Tiere über den Hof, die Pingpong, Sternchen oder Mickey Mouse heißen. Sie schleppen Wassereimer und karren Mohrrüben durch die Gegend. Und streiten darüber, wer vorn und wer hinten striegelt, wer vorneweg und wer Cloe reiten darf. "Weißt du eigentlich, wie sensibel Cloe ist?", fragt eine etwa Achtjährige auf dem Pony ihre Mitreiterin und gibt selbst augenblicklich die Antwort: "Richtig sensibel!"

Noch immer ist der Stall der Hort der Wichtigtuerei, der Selbstdarstellung und des Rankings. Hast du ein eigenes Pferd oder "nur" eine Reitbeteiligung? Oder bist du ein armes Etwas, das auf kaputt gerittene Schulpferde angewiesen ist? Es ist eine Mädchenwelt, in der sich die Kinder von ihrer blödesten Seite zeigen. Und eine, in die das Tamtam der Außenwelt hineingetragen wird: Aktuell ist die Farbe Rosa wieder out, auch Karos und Applikationen sind im Ausklingen; was angesagt ist, "das wechselt stündlich", wie eine Verkäuferin im Reiterladen sagt. Aber die "Hello Kitty Horse Riding Collection", die darf es schon sein. Oder eine Gerte, mit rosafarbenem Glitzerband umwickelt, an deren Ende eine stilisierte Blüte prangt, schließlich will man nicht nur zu Hause Prinzessin sein.

Jungen sucht man in den meisten Ställen vergeblich. Reiten hat sich zum Leidwesen der Deutschen Reiterlichen Vereinigung zum Mädchensport entwickelt, fast so schlimm wie Ballett. Doch der Zickenhof hat auch seine Vorzüge, schließlich lernen die Kinder hier, Verantwortung zu übernehmen und sich durchzusetzen. Dominanzverhalten zeigen zu können, dem Tier klarzumachen, wer der Chef ist, ist eine der wichtigsten Übungen, wie die Hofbetreiberin und Reittherapeutin Gina Seydel weiß. Eine, die den Mädchen auch außerhalb nützt. Und dass Machtausübung eine lustvolle Erfahrung ist, bestätigt eine Zwölfjährige, die freudig erzählt, was sie besonders toll findet: wenn ihr Pony buckelt. "Dann kann ich es zurechtweisen. Und es ist ein schönes Gefühl, wenn ich es hinbekomme, dass es macht, was ich will."

Doch nicht allen Mädchen ist diese Erprobung ihrer selbst gegönnt: Seit rund 30 Jahren betreibt Gina Seydel ihren Ponyhof, und seit etwa zehn Jahren beobachtet sie, dass, kaum dass die Hufe gesäubert oder die Tiere geputzt werden sollen, die Mütter angerannt kämen und das machten. Die Kinder haben gar keine Gelegenheit mehr, das Dominanzverhalten zu erlernen, dem Pferd zu zeigen, wo es langgeht. "Das gibt beim Reiten Probleme", sagt Seydel.