ZEITmagazin: Frau Antoni, seit fast 40 Jahren arbeiten Sie als Schauspielerin am Berliner Ensemble. Sie sind treu.

Carmen-Maja Antoni: Nach der Wende hatte ich natürlich davon geträumt wegzugehen, um mit anderen Regisseuren zusammenzuarbeiten, die ich spannend fand. Aber dann sind alle diese Leute hierhergekommen ans BE, von Tabori angefangen. So blieb ich. Treue ist für mich ein ganz großer Begriff. Er ist im Beruf mit Disziplin gleichzusetzen: dass man einer Arbeit treu ist, der Pünktlichkeit treu ist, dem Text treu ist. Treu zu sein beinhaltet aber auch, dass man sich selbst treu ist. Dass man nichts tut, was man selber nicht wirklich möchte. Wenn man ein gefestigter und treuer Mensch ist, sieht man die Prozesse, die von außen kommen, die beruflichen wie die politischen, mit Abstand. Privat finde ich Treue ebenso wichtig, auch da habe ich eine enorme Treuebilanz. Meine Ehe währte mehr als 20 Jahre. Bis zum Tod meines Mannes Malte.

ZEITmagazin: Er starb 1998.

Antoni: Es war furchtbar. Er ist unerwartet gestorben. So ein Aneurysma im Kopf, ein Sofort-Tod. Er war unser Fels und wurde gerade einmal 52. Da dachte ich: Jetzt geht nichts mehr. Man weiß dann nicht mehr, wozu man Geld hat, wozu man eine Wohnung hat, wozu man überhaupt aus dem Fenster guckt. Warum bleibt die Welt nicht stehen? Warum grüßen mich die Leute? Man begreift nichts, gar nichts. Ich habe viele Menschen beim Sterben begleitet. Meine Mutter ist in meinen Armen gestorben. Ich habe sie gewaschen, da war ich immer ganz praktisch, auch weil sie mir wahrscheinlich niemals wahrhaft nahe war. Wir hatten ein distanziertes Verhältnis, ich fühlte mich nie genug von ihr geliebt. Meinen Mann habe ich geliebt, da konnte mich keiner trösten. Ich musste mich nach seinem Tod noch dazu um meine Kinder kümmern, damit die nicht vom Anker gehen. Die waren 21 und 23.

ZEITmagazin: Was hat Sie gerettet?

Antoni: Die Arbeit. Und meine Kinder, sie waren für mich da. Wir sind wieder zusammengezogen, obwohl sie schon aus dem Haus waren. Ein Jahr lang, um das gemeinsam abzutrauern. Das hat uns gutgetan. Das mag ungewöhnlich sein, aber vielleicht war unsere Liebe auch ungewöhnlich. Ich habe mich nie wieder liiert.

ZEITmagazin: Das Theater hat Ihnen ebenfalls geholfen?

Antoni: Ja, ich habe viel gespielt. Es werden ja auch Ressourcen frei. Wissen Sie: Ich habe bis dahin jeden Tag gekocht. Mein Mann war ein Lukull, ein Gourmet. Ich habe gekocht wie eine Bekloppte für diese Familie und habe mich dabei total eingebracht, weil ich diese Familie geliebt habe. Wenn die alle um den Tisch saßen und vielleicht noch jemanden mitgebracht hatten, das war das Größte.

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

ZEITmagazin: Sie sind vaterlos aufgewachsen und mussten sehr früh Verantwortung im Haushalt übernehmen. Schon mit zehn Jahren kamen Sie zum DDR-Kinderfernsehen.

Antoni: Das Fernsehen war meine Lebensinsel, auf der ich allem entronnen bin, was mir in der Kindheit als Schwierigkeit entgegentrat. Ich habe damals, 1956, Karl-Eduard von Schnitzler kennengelernt, den Moderator des Schwarzen Kanals. Da hieß der im Westen schon "Sudel-Ede". Ich habe immer alles beobachtet und abgespeichert. In der Kantine konnte ich dann bei Schnitzler und seinen Kollegen erleben, wie die ganz anders sprachen als vor der Kamera. Ich habe als Kind deshalb immer gedacht, es gebe zwei Sprachen: eine private und eine öffentliche. Dieser Eindruck hat mich bis heute nicht verlassen.

ZEITmagazin: Wie waren Sie als Kind?

Antoni: Ich musste früh eigene Entscheidungen treffen und war immer ziemlich frech. Ich habe sehr schnell zurückgeschlagen, um mich zu wehren. Hab erst mal was rausgehauen, damit der andere verdutzt verharrt. So hat man Zeit gewonnen.

ZEITmagazin: Können Sie sich vorstellen, noch einmal zu einem anderen Theater zu wechseln?

Antoni: Es wissen noch nicht viele, aber ich habe zum Juni meinen festen Vertrag gekündigt. Ich möchte mal mit anderen Leuten zusammenarbeiten. Ich möchte auch raus aus diesem Gehorsam. Man wird zu viel herumkommandiert in diesem Beruf. In der DDR haben wir viel mehr im Team gearbeitet, man nannte das Kollektiv. Dabei sind wir geistig mobil geblieben und waren nicht auf diesem Egotrip. Heute gibt es nur zwei Haltungen: Maul aufreißen oder Klappe halten. Das ist nicht gut. Das ist zu autoritär.

ZEITmagazin:Claus Peymann, der Intendant des Berliner Ensembles, gilt als besonders autoritär.

Antoni: Bei Peymann soll man immer "mit ganzer Kraft für das Theater brennen". Ja, man brannte ja, man wollte spielen, aber man wurde in vielem ausgebremst. Wie gern hätte ich mit Klaus Maria Brandauer gespielt! Ich habe jetzt Lust auf Neues.